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1. Platz:

Barbara Preg

-

Kichermeer

Genre-Wettbewerb 2015 Runde 3

Das Urteil der Jury:

In Ihrer Geschichte „Kichermeer“ stellt Barbara Preg den zehnjährigen Noah und den „Lebensraum Schule“ in den Mittelpunkt der problem-orientierten, realistischen Handlung.

Noah kann sehr gut Fußballspielen und das weiß er auch. Trotzdem verfügt er über keinerlei Selbstvertrauen, denn er kann nicht mit Zahlen umgehen. Ein Umstand, der ihm jegliches Selbstvertrauen raubt. Noah ist so dumm, sein Hirn ist krumm, lautet der Satz, den Noah bereits verinnerlicht hat und auf alle Probleme in seinem Leben überträgt: Ist nicht seine Mutter wegen der Dyskalkulie bereits von Zuhause ausgezogen ? Leidet sein Vater nicht ebenfalls unter den Problemen, die Noah hat? Von Noahs Mathematiklehrer ganz zu schweigen. Wäre da nicht Sophie, die als Streberin in der Klasse verschrien ist und Noah helfen kann, sich selbst besser zu verstehen, indem sie dem Problem einen Namen gibt. An dieser Freundschaft wächst Noah innerlich, so dass er am Ende selbstbewusst handelt und den Vater anruft. Wir müssen über Zahlen reden, bittet Noah und zum ersten Mal nimmt sein Vater ihn ernst und stimmt dem Gespräch zu.

Realistisch und in anschaulicher, bildreicher Sprache erzählt Barbara Preg die Geschichte von Noah, dem es am Ende gelingt, mithilfe der Freundschaft, die ihm eine gleichaltrige Klassenkameradin anbietet, sich selbst und sein Problem nicht nur zu akzeptieren, sondern auch in die eigenen Hände zu nehmen. Besonders gut ist der Autorin die Erkenntnis gelungen, die der gleichaltrige Leser aus Noahs Geschichte ziehen kann: Wenn die Dinge einen Namen bekommen, bei dem man sie nennen kann, ist das Problem am Ende nur noch halb so groß.


Kichermeer

Es ist keine gute Idee, sich in der Pause nach draußen zu schleichen. Ich weiß das. Aber um die nächste Stunde zu überstehen, musste ich einfach eine Runde kicken. Mit dem Fußball unter dem Arm stemme ich die Eingangstür auf und zwänge mich durch den Türspalt. Mathematik - allein das Wort verursacht einen Klumpen in meinem Bauch. RUMS. Ich zucke zusammen. Mann, das war doch bloß die Tür, hier ist es eh zu still. Und es stinkt nach alten Socken. Brr! Ich dribble den Ball durch den halbdunklen Schulhausflur. Ob ich all die Zahlen je verstehen werde? Papa und ich hätten dann bestimmt weniger Streit. Ich zerre mir die Kapuze vom Kopf. Dabei schreibe ich ja nicht mit Absicht falsche Resultate. Resultate müssen stimmen, schon klar. Klar ist auch, dass ich im Fußball eindeutig die besseren Resultate erziele.

Vor dem Klassenzimmer bleibe ich stehen. Die tiefe Stimme des Mathe-Lehrers dringt bis in den Flur, am liebsten würde ich umkehren.

„Ah, Noah“, sagt der Hage, der vor der Wandtafel steht. „Ich dachte schon, du hättest uns vergessen.“

Meine Fingerspitzen bohren sich in das raue Leder des Balls, als ich über die Schwelle trete. „Tut mir leid“, sage ich.

„Noah?“ Er fuchtelt mit der Kreide.

„Ja?“

„Bitte schließe die Tür.“

Puh, ich dachte schon -

„Ach, und Noah?“

„Jaah?“

Der Hage streicht über seinen Schnurrbart. „Du bist dran.“

Nicht gut. Ich schiebe den Ball unter den Tisch.

Kurz darauf schrammt die Kreide vor mir über die Tafel und der Klumpen erreicht die Größe eines Fußballs. Mindestens.

„Also“, sagt er. „Wieviel ist 471 minus 190?“

Ich starre auf die Zahlen, die überhaupt keinen Sinn ergeben. Und der Hage tappt mit seinem Finger neben die Rechnung. TAP. TAP. TAP. Das macht mich wahnsinnig. TAP.TAP.TAP. Ich wende mich ab. Vor mir sitzt Sofie, ihre meergrünen Augen leuchten und halten mich fest. Keine Ahnung wie sie das macht, aber auf einmal ist die Zahl in meinem Kopf. Mit schlotternden Fingern schreibe ich 281 an die Tafel. Sicher trifft Noah den Ball - und Tor. Ja! Ich reiße die Arme hoch.

Das Tappen hat aufgehört, dafür schüttelt der Hage den Kopf. Wie jetzt? Meine Arme sind mit einem Mal schwer wie Torpfosten. Und dann beginnt das Kichern in den hinteren Reihen; lauter und lauter, bis es zu einem Kichermeer anschwillt: Noah ist so dumm, denn sein Hirn ist krumm.

Und es ist, als würde ich darin ertrinken.

„Ruhe!“, sagt der Hage und sein Schnurrbart hüpft auf und ab. Schlagartig ist es still.

„Das Resultat ist 281“, donnert er in die Stille.

„Aber -“, sage ich und dann schaue ich an die Tafel. Ich habe 218 geschrieben. Voll das Eigentor. Ich stolpere an meinen Platz und reibe die Finger an den Jeans ab. Ich muss diesen Kreidestaub loswerden. Unbedingt.

„All-soo.“ Er zwirbelt seinen Schnurrbart. „Jetzt da euer Gehirn aufgewärmt ist, schreiben wir einen kleinen Test.“

Ich schlinge die Beine um meinen Ball und vergrabe den Kopf im Arm. Als ob das helfen würde. Ich sitze auf. Echte Fußballer halten durch. Irgendwie.

Während ich noch mit der zweiten Aufgabe kämpfe, gibt Sofie den Test ab. Kurz darauf segelt ein Papierball an meinem Ohr vorbei und prallt von ihrem Rücken ab. Sofie bückt sich danach, steckt das Papier in ihre Tasche und der Hage hebt den Kopf. Er sieht mich an. Nicht gut. Schnell kritzle ich etwas auf mein Blatt, ob es stimmt ist sowieso Glückssache. Wenn ich die Finger zum Zählen benutze, geht es besser, aber Papa wird dann immer voll laut. Und ich renne auf den Hartplatz. Fußball begeistert ihn gar nicht, dabei sollte er mal sehen, wie ich über den Platz fege.

Endlich ist Schulschluss. Bloß raus hier. Ich schnappe mein Handy und den Ball, schon bin ich im Flur. Stufe um Stufe rase ich hoch, weiche trampelnden Füßen und fuchtelnden Armen aus. Oben schlittere ich um die Kurve. Nächste Treppe. Und noch eine.

Erst vor der Metalltür unter dem Dach bleibe ich keuchend stehen. Ich drücke die Klinke hinunter und steige über die Schwelle. Ein eisiger Wind reißt mir die Tür aus der Hand. Mit aller Kraft stoße ich sie zu.
Im Schutz des Schornsteins prelle ich den Fußball zwischen meinen Turnschuhen, noch immer habe ich das Kichern im Ohr: Noah ist so dumm, denn sein Hirn ist krumm. Dabei ist mir Mathe sowieso egal, dachte ich auf jeden Fall. Aber heute habe ich in Sofies Augen Vertrauen in mich gesehen. Sofie. Mit ihren wilden Locken und den hellgrünen Gummistiefeln sieht sie aus wie eine Meerjungfrau. Keine Ahnung, wieso mir das erst jetzt auffällt. Ich presse den Ball an meinen Bauch.

Sie hat nicht gelacht.

Hier auf dem Dach gibt es keine Zahlen. Hier gibt es nur meinen Fußball. Und mich. Die Tür knallt an die Backsteinmauer und ich wirble herum.

„Was?“, frage ich.

Sie verschränkt ihre dünnen Arme und fixiert mich. Ich starre zurück, doch gegen diese Augen komme ich einfach nicht an. „Also gut. Du kannst herkommen,“ sage ich und ziehe die Kapuze hoch.
Schweigend lehnen wir am Schornstein, sehen in den grauschwarzen Himmel. Nach einer Weile stupst sie mich an. „Mach dir nichts daraus.“

Ich werfe den Ball hoch und fange ihn auf. „Sagt das Mathe-Genie.“

Sofie zuckt mit den Schultern. „Dyskalkulie ist eine Teilleistungs-Störung, das hat nichts mit deiner Intelligenz zu tun.“

„Dyska - was?“

„Dys-kal-ku-lie. Das bedeutet Rechenschwäche“, sagt sie.

„Und woher weißt du das?“, frage ich.

Sofie dreht ihr Leder-Armband. „Ich weiß es eben.“

„Was du nicht alles weißt.“

„Ich kann nichts dafür.“ Sie marschiert auf den Betonplatten hin und her. „Mein Gehirn ist eben so gewickelt.“

Wieder werfe ich und der Fußball landet auf meinem Kopf. „Ich wünschte, mein Hirn wäre so.“

„Ja, verstehst du denn nicht?“, ruft Sofie und wirft die Arme hoch. „Alle halten mich für eine -“

„Ist doch voll cool, wenn man so viel weiß.“ Ich balanciere den Ball auf meinem Zeigefinger.

„Ja, so cool, dass alle mich ignorieren.“ Sie stockt. „Du doch auch.“

Ich zucke zusammen und der Fußball verliert das Gleichgewicht. „Tut mir leid.“

Sie wirft ihre Locken zurück. „Ich habe mich daran gewöhnt.“

Nicht gut. „Wirklich. Es tut mir leid.“

Sofie sitzt ab. Es knistert.

„Und was stand auf dem Zettel?“, frage ich und lasse mich neben sie fallen.

„Welcher Zettel?“

„Ich hab’s gesehen“, sage ich.

Sie dreht den Kopf weg. „Ach nichts.“

„Nun sag’ schon“, flüstere ich.

„Ich wünschte, ich hätte meine Gitarre dabei.“

Leise singt sie in mein Ohr. Ihr Atem kitzelt und mir wird warm.

„Sofie?“

„Ja?“

„Der Zettel“, sage ich.

Sie zieht ihn hervor. „Aber nicht lachen, ja?“

„Okay.“ Vorsichtig nehme ich Sofie den Papierball aus der Hand.

STRÄPERIN

Meine Mundwinkel zucken. Ich springe hoch. „Komm.“

Kurz zögert Sofie, dann folgt sie mir zum Geländer.

„Der Wind kümmert sich jetzt darum“, sage ich und zerreiße das Papier in Stücke. Schnell wirbeln die Schnipsel davon.

„Danke.“ Sie streicht über die Muschel an ihrem Armband. „Und was sagen deine Eltern zur Mathematik?“

Weit unten brausen die Fahrzeuge wie ein Sturm über die Straße und meine Finger krallen sich um die kalte Eisenstange. Das ist doch alles ganz einfach. Für Papa vielleicht. „Mama ist eh’ weg.“

„Wie meinst du das?“, fragt sie.

Ich ziehe die Kapuze hinunter. „Mathe-Probleme da, Mama weg.“

Sofie schlägt auf die Stange. „Ja, aber doch nicht wegen dir.“

„Ich glaub’ schon. Sie haben sich deswegen nur noch gestritten.“

„Das ist nicht deine Schuld“, sagt Sofie und nimmt meine Hand.

Einfach so. Meine Finger kribbeln. Schweigend stehen wir da. Aber es ist ein gutes Schweigen; eines, das von mir aus ewig andauern könnte.

„Und dein Papa?“, fragt Sofie.

Ich starre auf die Turnschuhe. Am liebsten würde ich losrennen.

Sofie nimmt ihre Hand fort. „Du bist nicht allein.“

Meine Füße zucken und ich schiebe sie unter das Geländer. „Irgendwie schon“, sage ich.

„Es gibt Hilfe bei Dyskalkulie.“ Sie hält mir das Armband hin.

Vielleicht hat Sofie recht.

Vielleicht kann ich es schaffen.

Vielleicht aber auch nicht.

Ich schlinge die Arme um meinen Bauch und sehe in den Himmel, der mehr blau als grau schimmert. Das Schweigen türmt sich meterhoch zwischen uns auf. Und dann, gerade als ich das Band nehmen will, weicht Sofie zurück. „Wenn du es dir anders überlegst, weißt du, wo du mich findest.“ Sie legt das Muschelband vor sich hin.

„Sofie, warte.“ Doch es ist zu spät. Ich falle auf die Knie und greife mit zitternden Fingern nach der Muschel. Ohne Sofie ist es kalt auf dem Dach. Noah ist so dumm, denn sein Hirn ist krumm. Ist es nicht, nur anders gewickelt. Hastig ziehe ich das Handy hervor. Ich muss mit Papa reden. Hoffentlich versteht er mich; so Gehirnwicklungen sind voll kompliziert. „Papa?“

„Es ist gerade ungünstig“, sagt er.

Ich schlucke. „Du musst aber Zeit haben.“

„Was ist denn los?“

„Ich-muss-mit-dir-reden“, sage ich. „Über Zahlen und so.“

Papa schweigt.

Und ich umklammere das Telefon.

„Noah?“

Bitte, bitte, bitte. „Papa?“

„Du hast Recht, wir sollten reden“, sagt er. „Wir sehen uns zu Hause. Okay?“

Ja! „’kay.“

Ich lege auf und laufe zur Tür. Sie steht offen. Mit dem Ball unter dem Arm und der Muschel in der Tasche springe ich über die Schwelle und für einen Moment ist es, als würde ich fliegen.

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