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2. Platz:

Anneliese Smuda

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Das Glück der Uferschwalben

Genre-Wettbewerb 2015 Runde 3

Das Urteil der Jury:

Ein Mensch ist dort wirklich zu Hause, wo er Freunde hat und willkommen ist. Es gibt nicht nur die eine Heimat, lautet die Erkenntnis, die Anneliese Smuda den Lesern mithilfe ihrer Geschichte vermittelt.

Der zehnjährige Milo ist mit seinen Eltern von Berlin nach Kiel gezogen. Tote Hose, gähnende Leere. Milo vermisst die Großstadt und seine besten Freunde. Bis er ein blinkendes Licht am Strand wahrnimmt, das ihn in Kontakt mit dem Mädchen Laura bringt. Nachdem Laura ihm von den Uferschwalben und ihren Lebensgewohnheiten erzählt hat, kann Milo sein Problem in einem anderen Licht sehen. Denn haben nicht auch die Uferschwalben, die im Winter in den Süden fliegen, zwei Zuhause? Eine Botschaft, die Milo versteht und mit einem Mal ist es in Kiel gar nicht mehr so langweilig.

Die spannend und flüssig geschriebene Handlung macht den Wert, den Freundschaft unter Gleichaltrigen für Kinder und Jugendliche haben kann, spürbar und emotional nachvollziehbar.
Es gelingt der Autorin Anneliese Smuda ausgezeichnet, die positive Entwicklung zu zeigen, die ein Problem nehmen kann, das Milo am Anfang zunächst groß und unüberwindbar erscheint. Die Freundschaft, die zwischen Milo und Laura entsteht, kann ihn am Ende das Heimweh getrost vergessen lässt, denn nun hat er zwei Zuhause.

Mit dieser Aussage vermittelt Anneliese Smuda den Lesern den nötigen Optimismus, den Kindergeschichten grundsätzlich immer haben sollten.


Das Glück der Uferschwalben

Es blinkte auf - und verschwand. Blinkte auf - und verschwand. Seit drei Tagen beobachtete er nun schon die rätselhaften Lichtzeichen von seinem Platz neben der Steinmole aus. War jemand in Not? Oder gab jemand einem Schmuggler geheime Zeichen? Das Blitzen war unregelmäßig, aber es begann jeden Vormittag pünktlich um zehn Uhr und dauerte mit einigen Unterbrechungen etwa zwei Stunden an. Das war das einzig aufregende, was Milo seit seiner Ankunft in Schleswig-Holstein erlebt hatte. Das Land zwischen den Meeren - das klang zwar aufregend, aber eigentlich hasste er es hier. Tote Hose, gähnende Leere wohin man sah. Es war doch Sommer, müssten da nicht viele Leute hier sein? Wie sollte bloß erst der Winter werden?

Milo warf einen Stein ins Wasser. Er war wütend auf seine Eltern, die mit ihm am ersten Tag der Sommerferien von Berlin nach Kiel zogen. Genauer gesagt nach Strande. Ein Dorf nördlich von Kiel. Ihn hatten sie nicht gefragt. Wieder warf er einen Stein ins Wasser. Er war wütend auf seine Freunde, die sich schon jetzt immer seltener meldeten. Jeden Tag skypen war ausgemacht. Amir war der einzige, der sich daran hielt. Der wusste, wie es war, alleine in eine fremde Stadt zu kommen. Und er war wütend auf diese blöde Möwe, die dort auf dem Felsen saß und ihn angaffte. Den nächsten Stein warf er voller Groll in ihre Richtung. Im selben Moment tat es ihm leid und er war froh, sein Ziel verfehlt zu haben. Völlig unbeeindruckt von der Attacke blieb die Möwe auf dem Stein sitzen und starrte unbeirrt in seine Richtung.

Milo musste sich irgendwie ablenken. Er dachte an seinen gest-rigen Chat mit Amir. Er hatte ihm von dem blinkenden Licht erzählt, und sein Freund war sofort Feuer und Flamme gewesen und redete auf ihn ein, er müsse unbedingt dahinter kommen, wer diese Signale sendete und was sie bedeuteten.
Vielleicht sollte er genau das heute tun. Sonst würde seine Stimmung nie besser werden. Milo ging zu dem Kiosk gegenüber von der Surfschule. Er kaufte eine Cola, ein paar Chips, eine Bravo Sport und ein Softeis. Immerhin das schmeckte hier richtig gut. Er stopfte seinen Proviant in den Rucksack mit der aufgedruckten Berliner Skyline und machte sich eisschleckend auf den Weg zu seinem Lieblingsplatz am Strand neben der Mole. Hier ließ es sich einigermaßen aushalten, musste er zu geben. Aber einsam war er trotzdem. Natürlich waren einige andere Menschen hier, aber verglichen mit Berlin - auf jedem Friedhof war dort mehr los als hier. Keine Ahnung, warum seine Eltern unbedingt zurück in ihren Heimatort wollten. Aber als seine Mutter eine Festanstellung als Ingenieurin bei Caterpillar angeboten wurde, gab es kein Halten mehr. Sein Vater hatte ohne Probleme einen Job als Sozialarbeiter in der Stadt gefunden. Und er? Er wartete das erste Mal in seinem Leben sehnlichst auf das Ende der Ferien, voller Hoffnung, in der Schule neue Freunde zu finden. Wenn er denn welche finden würde. Ein bisschen komisch waren die Leute hier ja doch, fand er.

Milo blätterte schon eine Weile in seiner Zeitschrift, als er aufsah und sein Blick auf das Meer hinaus und dann zur Steilküste schweifte. Es war kurz vor zehn, gleich würde das Licht wieder aufblitzen. Er packte seine Sachen zusammen, als es auch schon losging. Milo versuchte, sich genau einzuprägen, wo die Zeichen herkamen. Dort wo die Steilküste einen kleinen Knick machte, begann ein kleines Wäldchen. Und genau da vermutete er den geheimnisvollen Zeichengeber. Entschlossen stand er auf und ging los. Er war aufgeregt und hatte sogar ein wenig Angst. Aber die Neugier und der Wunsch, endlich etwas zu erleben, waren größer.

Außer ein paar Leuten, die ihre Hunde spazieren führten und einem Mädchen mit einem Fernglas um den Hals, traf er auf seinem Weg auf niemanden. Und am Rande des Wäldchens, wo er den Ort des Geschehens vermutete, fand er - nichts. Keine Spuren auf dem Boden, keine Zigarettenstummel, keine verborgene Höhle, kein Geheimversteck. Einfach nichts. Milo war enttäuscht. Aber so schnell wollte er nicht aufgeben. Vielleicht suchte er nur an der falschen Stelle. Er würde sich den Ort morgen einfach noch einmal einprägen und weiter suchen.

Doch auch an den nächsten beiden Tagen konnte er nichts finden. Dabei war sich ganz sicher am richtigen Platz zu sein. Traurig und wütend setzte er sich neben eine Eiche und blickte auf die Förde. Noch nie war sein Heimweh stärker als jetzt gewesen. Er hatte so sehr auf ein kleines Abenteuer gehofft, das ihn ablenken würde. Und von dem er seinen Freunden in Berlin erzählen konnte. Aber da war einfach nur dieses leere Wäldchen an der einsamen Küste. Leer und einsam.

„Hey, das ist mein Platz!“, riss ihn auf einmal eine Stimme aus seinen düsteren Gedanken. Es war das Mädchen mit dem Fernglas, das er neulich schon einmal ganz hier in der Nähe getroffen hatte. Und auf einmal wurde ihm alles klar: Keine Lichtsignale, kein SOS und schon gar keine Schmuggelzeichen, sondern ganz einfach ein Fernglas, das das Sonnenlicht reflektierte! Er lachte laut auf. „Was lachste denn jetzt so blöde?“ fragte das Mädchen empört. Milo erklärte was los war, und nun musste auch das Mädchen lachen. „Ich beobachte die Uferschwalben, die hier nisten und bald in Richtung Süden fliegen werden. Laura heiße ich übrigens.“ Sie reichte Milo das Fernglas. „Möchtest Du auch mal gucken?“ „Na klar, lass mal sehen!“ Milo freute sich sehr darüber, welche Wendung das Abenteuer Lichtzeichen nahm und er verabredete sich mit Laura für den nächsten Nachmittag.

Sie trafen sich wieder an der Eiche. Diesmal war auch Milo mit einem Fernglas ausgestattet. „Na, das ist ja ein tolles Teil!“, sagte Laura bewundernd. „Ja? Ach, ich weiß nicht. Ich hab das noch nie wirklich benutzt. In Berlin brauchte ich das nicht. Amir, Paul, Leon und ich haben irgendwie immer andere Sachen gemacht. Playstation und so ...“ Milo hielt inne. Die Traurigkeit der letzten Wochen drohte ihn wieder überkommen. Aber er schüttelte sie ab. Heute wollte er nicht traurig sein. Heute war er das erste Mal in seiner neuen Heimat verabredet. Vielleicht würde sich sogar eine Freundschaft entwickeln. Zumindest schien Laura schwer in Ordnung zu sein.

„Du vermisst Deine Freunde und Deine Stadt, oder?“ Laura schien seine Gedanken erraten zu haben. „Mir würde es zumindest so gehen. Also, ich meine, ich kann mir nicht vorstellen, hier jemals wegzuziehen.“ Milo sah zu Boden. „Ja. Und wie!“, sagte er leise. „Ach, es ist einfach so ungerecht!“, brach es plötzlich aus ihm heraus, „ich wurde überhaupt nicht gefragt. Und jetzt arbeiten Mama und Papa den ganzen Tag und ich hänge hier alleine rum. Und Leon und Paul und die anderen melden sich auch alle schon nicht mehr. Amir ist der Einzige.“ Er war selbst überrascht, wie alles aus ihm heraus sprudelte. Aber es tat gut, sich endlich einmal alles von der Seele zu reden. Und Laura hörte einfach nur zu und brauchte gar nicht so viel zu sagen, denn er wusste, dass sie ihn verstand. Es war merkwürdig, er hatte das Gefühl, Laura schon ewig zu kennen.

„Weißt Du“, begann Laura nach einer Weile, „die Uferschwalben fliegen jedes Jahr im September nach Afrika und einige sogar nach Südamerika und überwintern dort. Aus unserer Sicht sind sie hier zu Hause und verbringen den Winter in der Fremde. Aber die Menschen in Afrika und Südamerika sehen es bestimmt genau anders herum. Ich denke, den Uferschwalben ist es egal. Sie fühlen sich dort zu Hause, wo sie gerade sind. Hauptsache ihre Artgenossen sind bei Ihnen. Vielleicht kannst Du das auch so sehen.“ Milo sah seine neue Freundin an. „Wie meinst Du das? Ich glaube, ich verstehe noch nicht ganz.“ „Naja, vielleicht kannst Du auch zwei Zuhause haben. Familie hast Du ja schon an beiden Orten. Und in Berlin hast Du Amir und hier ... naja ... hier hast Du doch jetzt mich.“

Milo wurde ganz warm ums Herz und er wusste gar nicht, was er sagen sollte. Er lächelte Laura glücklich an. Dann nahmen beide ihre Ferngläser und legten sich auf das Gras unter die Eiche und beobachteten die Uferschwalben.

Als er an diesem Abend mit Amir skypte, sehnte er sich das erste Mal nicht nach Berlin zurück, sondern freute sich auf die nächsten Wochen des holsteinischen Sommers.

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