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3. Platz:

Greta Schneider

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Die unvergessliche Geburtstagsparty

Genre-Wettbewerb 2015 Runde 3

Das Urteil der Jury:

Vom Leid und Schmerz des Erwachsen-Werdens erzählt die Geschichte von Greta Schneider „Die unvergessliche Geburtstagsparty“, die sich an Jugendliche ab 13 Jahre und an Erwachsene gleichermaßen richtet.

Das Jugendalter ist eine Zeit des Umbruchs. Die Kindheit ist zwar vergangen, aber das Erwachsenenalter deshalb noch lange nicht erreicht. In dieser namenlosen Zeit der Identitätssuche und der inneren Unsicherheiten überschreiten Jugendliche nicht selten ihre Grenzen. Welche Konsequenzen dies für den 15jährigen Ross, das jüngste Mitglied einer Clique, die aus vier Jugendlichen besteht, hat, wird in Greta Schneiders Geschichte realistisch und in glaubwürdiger Sprache erzählt. Die Geschichte überzeugt vor allem durch die authentisch wirkende Jugendsprache. Die Nöte und Ängste des Jugendalters und der dringliche Wunsch von Ross, cool zu sein und unbedingt zu der Clique dazugehören zu wollen, werden beispielhaft deutlich. Am Ende steht eine Botschaft, die der jugendliche Leser, aber auch der Erwachsene, sicher nicht mehr so schnell vergessen wird: Das Geschehene kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Ross ist tot. Alle Beteiligten müssen fortan lernen, mit den schrecklichen Bildern der – im wahrsten Sinne – unvergesslich bleibenden Geburtstagsparty zu leben.

Greta Schneider gelingt es, den Lesern mithilfe der packenden Handlung eine Botschaft zu vermitteln, ohne die Geschichte belehrend oder moralisierend wirken zu lassen.


Die unvergessliche Geburtstagsparty

Unser bester Freund war nur noch Asche. Ross war tot. Kenny, Sim und ich versuchten damit zu leben. Zu leben, wie man eben lebt, wenn man ein Bild nicht mehr aus dem Kopf raus kriegt. Ein Bild, das einen verfolgt, egal ob man die Augen offen hat oder zu.

Ross war der Jüngste von uns vieren. Rossie nannten wir ihn, wenn wir schon beim 4. Bier waren und er noch immer an seiner ersten Dose nuckelte. Er nahm es uns nie übel.

Drei Wochen ist es her. An seinem 15. Geburtstag ist es passiert. Tagelang hatte er von nichts anderem geredet als von der tollen Party, die er für uns vier geben würde. Als wir ihn fragten, was an seiner Party so toll sein würde, tat er sehr geheimnisvoll. „ Diese Party wird keiner je vergessen!“  grinste er. 

„Cool“, sagte Kenny. „Abgefahren!“ sagten Sim und ich.

Wir fragten Ross, ob er einen Geburtstagswunsch hätte.  „Dass ihr mich endlich für voll nehmt!“ murmelte er.  „Aber klar doch, Rossilein!“ riefen wir im Chor und klatschten ab. „Seht Ihr, das meine ich!“  Ross schnitt eine verzweifelte Grimasse. Wir lachten.

Es war schwer für uns, Ross für voll zu nehmen. Er war doch nur eine halbe Portion. Dünn und klein. Blonde schulterlange Haare und blaue Mädchenaugen. Aber Grips hatte er! Sein Grips reichte für uns vier und immer ließ er uns abschreiben. Beste Freunde eben.

Am Tag der Party hatte Ross Mummy Burger für uns vorbereitet, eine Schokotorte gebacken und massig viel Crackerzeug angeschleppt. Dazu literweise Cola und Eistee. Sie verwechselte Ross‘ Geburtstagsparty offenbar mit einem Kinderfest. „Macht euch einen lustigen Abend, Jungs! Punkt Mitternacht bin ich wieder hier!“ winkte sie ins Wohnzimmer,  bevor sie endlich lostrabte. Wir lachten uns schief über sie.

Kaum war Mummy draußen, holte Ross die Biere unter seinem Bett hervor. Wir lümmelten im Wohnzimmer auf den stylischen Sofas, hörten Ross geliebte Stones, ließen einen Joint kreisen. Dazu schlürften wir unser Bud und redeten über Mädchen und Baseball.

„Echt unvergesslich langweilige Party“, maulte Lenny irgendwann. Er hatte sein viertes Bud und spürte noch immer keine Wirkung. „Gibt’s hier nichts was einen voll in Stimmung bringt?“ Er wuselte sich aus dem Sofa hoch und machte sich auf die Suche. Ross blieb sitzen und nuckelte an seinem Bier. Er schien über etwas nachzudenken. Schließlich sprang er auf und zog sein Smartphone aus der Hosentasche. „Eigentlich wollte ich noch damit warten ...“

„Mädels?“ fragte Sim und warf eine Hand Popcorn ein. „Blödmann“, grummelte Ross. „Das Unvergessliche, das ich euch versprochen habe!“

Mick Jagger kreischte nach Befriedigung. Lenny tauchte mit einer vollen Flasche Wodka aus der Küche auf. „Cool “, mampfte Sim zufrieden. „Öff-nen! Öff-nen!“ brüllte ich und klatschte dazu im Rhythmus. Lenny drehte den Verschluss auf und  kippte sich eine Riesenportion rein. Ross rief: „Lass das! Den hat Mummy von ihrem Chef geschenkt bekommen!“

„Mum-my, Mum-my!“ kreischten wir. Endlich wurde die Party lustig! „Das nennt ihr mich für voll nehmen!“ tobte Ross und Zornestränen spritzen aus seinen Augen. „Zeig uns doch, dass du ein Kerl bist und kein Baby!“ Ich hielt Ross die Wodkaflasche hin. Der stieß mich von sich weg. „Ihr mit eurer Sauferei! Schaut mal her! Das sind Kerle!“

Er hielt uns sein Smartphone hin. Ein Video auf Facebook zeigte einen Jungen in unserem Alter. Er schmierte sich seinen Oberkörper mit einer glänzenden Glibbermasse ein, dann nahm er ein Feuerzeug und zündete sich an. Bläuliche Flämmchen tänzelten auf seiner Haut.  Der Kerl brannte und schnitt dabei die verrücktesten Grimassen. Im Hintergrund hörte man Lachen und Kreischen. Wir pissten uns fast an. Sim riss Ross das Smartphone aus der Hand und drückte ein like.

„Geil“, japste Kenny. „Echt geil, Mann!“ „Krass! Voll abgefahren“, brüllte ich und klatschte mit Ross ab. „Ich hab euch gesagt, dass ihr diese Party nie vergessen werdet!“ Ross strahlte. Unsere Begeisterung machte ihn glücklich.

Er sprintete in sein Zimmer. Wir ließen die Wodkaflasche kreisen. Rossi konnte Mummys Flasche später mit Wasser auffüllen.

Ross kam mit einer Flasche Glibberzeug zurück. „Hat einer von euch sein Handy dabei?“ fragte er. „Klaro!“ Sim und Kenny hielten ihre Smartphones hoch. Meinem benebelten Hirn begann etwas zu dämmern.

„Los geht‘s!“ rief Ross vergnügt. „Gleich werdet ihr sehen, was für ein Kerl ich bin! Überall auf der Welt wird man sehen, was für ein Kerl ich bin!!“ 

Wir waren so besoffen! Wir lachten uns schief über Ross. Wir lachten als er rief: „Video los!“  Wir lachten, als Ross sein T-Shirt auszog und seinen knochigen weißen Kinderkörper mit dem Glibberzeug zum Glänzen brachte. Wir lachten, als er ein Zündholz nahm und sich in Brand setzte. Dann lachten wir über seine verrückten Grimassen.

Kenny und Sim hielten ihre Smartphones beim Filmen so ruhig wie man sie halten kann, wenn man besoffen ist und vor Lachen keine Luft kriegt.

Als Ross dann „Löschen! So löscht mich doch endlich!“ schrie, war weit und breit kein Wasser. Da goss ich den Rest aus der Flasche über seinen Kopf. Ross brüllte uns nüchtern. Doch auch nüchtern konnten wir nicht verhindern, dass seine Haare Feuer fingen. Auch seine Hose loderte auf und die Flammen gingen auf den Teppich über.

Wir schleiften Ross ins Bad, duschten ihm sein verbranntes Fleisch eisigkalt ab und waren erleichtert, als seine Schmerzensschreie aufhörten.

Wir verständigten Rettung und Polizei. Wir taten, was wir konnten. Doch Ross konnten wir nicht retten.  Ross O’Brian geboren am 14. Juni ist auch am 14. Juni gestorben.

Die Polizei hat uns ausführlich über den Unglücksverlauf befragt. Sie haben sich die Videos angeschaut. Ganz eindeutig hat sich Ross selbst angezündet.

Ich kann nicht für Kenny und Sim sprechen, aber ich fühle mich schuldig an Ross Tod. Er hatte nur einen Wunsch: Wir sollten ihn für voll nehmen! Doch das schaffte ich nicht. „Mummys Wodka! Bitte nicht trinken!“ Das schien mir so lächerlich!

„Jungs, die mit Mutproben alle zum Lachen bringen, Kerle die auf Facebook 100.000 Mal gemocht und geteilt werden, die muss man für voll nehmen“, dachte Ross wohl.

Ach Ross! Die Polizei hat uns verboten, dein Heldenvideo ins Netz zu stellen. „Fire challenge“ Das ist nicht krass und abgefahren, Ross.

Jetzt muss ich damit leben, dass du nur noch Asche bist, Ross. Du bist tot. Ob Kenny und Sim auch immer dieses Bild vor Augen haben? Deinen Kinderkörper, der in Flammen steht und deine schreckensweiten blauen Augen, als du begriffst, dass du das Löschwasser vergessen hattest.

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