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1. Platz:

Sylvia Voß

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Geh weg

Genre-Wettbewerb 2016 Runde 1

Das Urteil der Jury:

„Geh weg“ ist eine klassische Kurzgeschichte: Die erzählte Zeit umfasst nur ein paar Minuten – ein paar Minuten, in denen eine Frau neben ihrem Ehemann im Bett liegt und er im Halbschaf etwas sagt, dass die ganze Beziehung verändert. Das Leben vorher und der Moment der Einsicht ist sehr gut beobachtet, der Moment des Kippens perfekt eingesetzt. Erzählung, Beschreibung und innerer Monolog ergänzen sich, fließen unmerklich ineinander. Die ganze Sprache ist schlicht und ruhig, obwohl doch eigentlich Ungeheuerliches gesagt wird. Gerade deshalb packt die Geschichte den Leser, man fühlt mit Marleen, der Hauptfigur, lächelt mit ihr am Schluss. Hervorragende Pointe, eine erstaunlich reife Geschichte!


Geh weg

Durch die Lamellen der türhohen Fensterläden fällt die Morgensonne in schrägen Streifen auf Fußboden und Bettdecke. Die scharf voneinander abgegrenzten hellen und dunklen Streifen geben dem barocken Mobiliar des Hotelzimmers eine strenge Eindeutigkeit. Marleen, gerade aufgewacht, schließt die Augen wieder und lauscht. Sie verzeiht den Mopeds ihr Knattern und den schnatternden Schulkindern die unverständlichen Töne. Heute kann nichts ihr Wohlgefühl stören. Sie reckt die Arme und streckt den in 50 Jahren älter und runder gewordenen Körper einmal durch. Ferien! Was für ein wundervolles Gefühl. Eine Woche, eine ganze, herrliche Woche liegt vor ihnen, eine Woche in Barcelona. Wie lange hat sie um diesen Urlaub gekämpft.

Ja, gekämpft! Mit Herbert, ihrem Mann, der leise neben ihr schnarcht. Mit noch immer geschlossenen Augen denkt sie daran, dass 25 Jahre hinter ihnen liegen, Jahre, in denen sie glücklich war. Oder etwa nicht? Mit diesem Bild von Mann an ihrer Seite. Sie hatte sich stets gefragt, warum dieser schöne und kluge Kerl ausgerechnet sie zu seiner Frau machte. Die Unterschiede zwischen ihnen waren schließlich unübersehbar: Er war wie ein klassizistischer Turm, umgeben von einem englischen Park. Sie selbst fühlte sich neben ihm wie eine windschiefe Hütte auf einer verwachsenen Waldlichtung.

Ihr großer, mächtiger Mann, der Macher. Sie bewunderte alles an ihm: Seinen festen Gang, seine sichere Kopfhaltung. Die Art, wie er Gästen Wein einschenkte und fachkundig über die Aromen dozierte. Wie präzise er sprach. Sie liebte seinen scharfen Verstand, der die Schwachstellen jeder Argumentation messerscharf erkannte. Und wie er Kritik an sich abprallen ließ! Ein süffisantes Lächeln, eine hochgezogene Augenbraue ... All die Jahre war diese staunende Freude in ihr geblieben, eine angstvolle Freude, stets begleitet davon, dass dieser Mann, dessen Adlernase und scharfer Blick so viele Menschen ängstigte, sie schon morgen verlassen könnte. Es hatte sie glücklich gemacht, dafür zu sorgen, dass sein Umfeld reinlich und gemütlich war, die Wäsche duftend im Schrank, die Speisen schmackhaft und gesund.

Sie öffnet nun doch die Augen und betrachtet die kantigen Schultern, die sich unter dem gestreiften Pyjamaoberteil abzeichnen, und die Rückseite des großen Schädels, über den er wie immer von hinten nach vorne sorgfältig jene Strähnen gekämmt hat, die er aus der oberen Reihe des dünnen Haarkranzes lang wachsen ließ, um damit die Kahlheit seines Kopfes zu verbergen. Sie hatte diesen Versuch immer rührend gefunden, und auch jetzt ließ der Anblick Zärtlichkeit in ihr aufwallen: dieser symmetrisch geteilte Haarkranz und die wie mit einem Messer gezogene Kante zur Trennung der langen Strähnen von den sorgfältig gestutzten kurzen Haaren. Ihr Sitz wurde selbst schlafend von ihm überwacht. Auch jetzt strich er sich mit der flachen Hand über den Kopf, und automatisch korrigierten Zeige- und Mittelfinger den Sitz zweier verrutschter Strähnen, die die Haut hatten aufblitzen lassen. Wenn Marleen diese Geste von Herbert beobachtete, fühlte sie sich ihm unendlich verbunden. Nie würde sie ihm sagen, wie lächerlich das war; wie absurd der Versuch, mit diesen langen grauen Strähnen Haupthaar vorzutäuschen.

Dabei hatte er diese Scharade nicht nötig. Auch ohne sie würde er immer die knusprigsten Brötchen beim Bäcker bekommen und den Tisch am Fenster, wenn sie ein Restaurant betraten. Dort genoss sie die neidischen Blicke der anderen Frauen, wenn er ihr galant aus dem Mantel half und den Stuhl geraderückte, und sie freute sich mit den Kellnern über seine großzügigen Trinkgelder.

Nun war es Zeit zum Aufwachen, wie Marleen fand - es war schon halb neun, und eine Woche war schließlich nur eine Woche. Herbert und Marleen hatten ihre Urlaube bisher stets zu Hause verbracht: Er mit der Zeitung im Liegestuhl oder auf dem Sofa, sie um ihn herum: Hatte er es bequem? Wollte er einen Drink? Knurrte sein Magen? Sie verstand, dass er nicht gerne verreiste. Schließlich zwang ihn sein Beruf auf wochenlange Auslandsaufenthalte: Dubai, Peking, Nairobi. Und eine lange Liste weiterer exotischer Orte. Er betreute dort Großbaustellen, während sie zu Hause „den Herd warmhielt“, wie er sagte, „die Henne im Nest, die mein Küken großzieht.“ Deshalb würde sie diese sieben Tage in vollen Zügen auskosten, würde mit ihm dem Glitzern der Wellen zuschauen, über Plätze schlendern, Tapas in verruchten Bodegas essen ...

Sie berührt ihn sanft an der Schulter. Da schiebt er ihre Hand weg. Grob schiebt er ihre Hand weg. Und sagt laut und deutlich: „Geh weg!“ Sie erstarrt - und denkt im gleichen Moment, wie seltsam es ist, dass sie nicht nur tatsächlich erstarrt, sondern dies auch denkt - ich erstarre! Zum ersten Mal erschließt sich ihr die Bedeutung dieser Metapher, die sie in Romanen immer als abgeschmackt empfindet. „Geh weg!“ hat er gesagt. Nein, nicht gesagt - gefaucht. Gemein hatte es geklungen. Hart und gleichgültig. „Geh weg!“

Geh weg? Sie soll weggehen? Sie lässt sich auf den Rücken sinken und schließt erneut die Augen. Trotzdem sieht sie auf der Innenseite ihrer Lider noch immer die scharfen Schatten der Lamellen. Die Geräusche vor dem Hotel, das mitten in einem belebten Viertel der Stadt liegt, dringen weiterhin an ihr Ohr. Pulsierendes Leben, warme, weiche Luft. Der Duft des Oleanders, der gleich hinter den Fensterläden üppig wuchert, vermischt sich mit dem scharfen Geruch des unverbrannten Benzins knatternder Zweitakter. Geh weg, geh weg, geh weg, hämmert es in ihrem Kopf.

Und dann stürzt eine Flut von Bildern auf sie ein: Ihre Hochzeit, bei der er mit den anderen lacht, als sie stolpert und dadurch unfreiwillig auf den Altar zurennt, statt feierlich zu schreiten, ihren Vater am Arm hinter sich her zerrend. Er lacht! Statt sie zu stützen und ihr beim Ordnen des Kleides zu helfen. Als sein Trauzeuge ihm grinsend den Ellbogen in die Seite rammt, dreht Herbert die Augen zum Himmel, und statt ihm eine zu knallen, verzieht er höhnisch den Mund. Hilflos lacht sie mit. Später sagt er, dass er froh sei, wenigstens eine Frau mit Humor zu haben, wo er schon keine mit Eleganz abbekommen habe.

Und weiter: Wie laut seine Stimme dröhnt, wenn er ihre Tochter ins Bett zurückschickt. Zurück in die Schrecken ihrer Alpträume, die sie mit drei, vier Jahren so plagen. Wie säuberlich er jedes der Worte artikuliert, die die Kleine förmlich schrumpfen lassen. Heimlich nur hatte sie die Tochter danach getröstet; denn Folgsamkeit war gleichsam seine Religion, der er seine Umwelt unterwarf.

Sie denkt daran, wie er auf dem Sofa sitzt und ihr über den Rand seiner Zeitung zusieht beim Abräumen des Tisches, beim Richten der Polster. Wie er ab und an eine Bemerkung macht darüber, dass hier noch ein Teller, da noch ein Glas steht, oder ein Fleck auf der Tischplatte ist. Wie er gleichgültig nickt, wenn sie seine Kaffeetasse oder sein Weinglas auffüllt, während er liest oder fernsieht.

Und wie er sich von ihr fernhält, wenn sie eine Erkältung hat. „Also bitte, es ist doch nun wirklich nicht vernünftig, sich zu berühren, wenn du krank bist und ich gesund“, sagt er dann. Und beobachtet mit gerunzelter Stirn, wie sie sich mit der Teedose abmüht. Während er selbst kurz danach ins Restaurant geht - ihre Schnieferei sei unerträglich.

Sie sieht sich selbst, frierend auf einer kühlen Abendwiese, zu der sie ihn begleitet, weil er Sterne beobachten will. Wie er sie anfährt, als sie, nach Stunden, sagt, dass ihr kalt ist: „Jetzt hast du es so lange ausgehalten, da werden die paar Minuten wohl auch nichts mehr machen!“ Und sich ungerührt abwendet, um weiter in den Himmel zu starren. All dies fällt ihr ein und zieht wie ein Gewitter durch ihr Gemüt.
Geh weg! Geh weg? Sie betrachtet den Mann neben sich.

Ihr fallen weitere seiner Bemerkungen ein: Über ihren „Saftarsch“ zum Beispiel. Jedes Mal zuckte sie zusammen, wenn er ihr im Vorbeigehen auf den Po schlug und dieses Wort gebrauchte: „Du und dein Saftarsch.“ Er wusste, sie hasste dieses Wort. Aber erst in dieser Sekunde wird ihr klar, dass er es genau deswegen immer benutzt hat: Um ihr kleines Zucken zu sehen, den Schmerz, der über ihre Brauen zieht.

Viertel vor neun. Nur eine Viertelstunde, seit sie das letzte Mal auf die Uhr sah. Eine Viertelstunde, in der seine Worte ihre Welt zerschnitten. Wie kann es sein, dass sie all die Jahre nicht gemerkt hat, wie wenig er sie liebt?

Marleen muss raus aus diesem Zimmer, weg von Herbert, nur weg. Leise steht sie auf, schlüpft in ihr Kleid und greift die Reisetasche. Den Türknauf schon in der Hand, hält sie noch einmal inne und überlegt. Dann lächelt sie und holt lautlos ihr Necessaire heraus. Die Nagelschere schneidet fein und akkurat. Marleen passt auf, dass das kühle Metall die Kopfhaut nicht berührt. Sie sieht zufrieden zu, wie die langen, grauen Strähnen lautlos auf die weißen Laken sinken.
Dann geht Marleen weg.

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