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3. Platz:

Daniel Büttrich

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Die Träne

Genre-Wettbewerb 2016 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Eines der schwierigsten Unterfangen in der Literatur ist es wohl, über den Tod zu schreiben. Wie soll man das anstellen, Schmerz und die tiefe Verzweiflung der Angehörigen zu schildern ohne melodramatisch zu werden, ohne die unsichtbare Grenze zwischen Dramatik und Tränenseligkeit zu übertreten? Daniel Büttrich ist das gelungen. Er spielt in seiner Geschichte mit Realitätsebenen: Traum, Albtraum, Wirklichkeit. Kurz bevor es unerträglich wird, hält die Zeit an: Die Träne bleibt mitten auf der Wange hängen und man springt. Was davon ist wahr, was geträumt? Man erfährt es nicht. Dennoch erlebt man die Angst und den Schmerz. Eine mutige Erzählung mit ungewöhnlichen Mitteln.


Die Träne

Das ist eine bizarre Situation. Aber ich freue mich, dass ihr wegen mir gekommen seid.“

Ich hielt deine Hand und streichelte sie. Es war ein mechanisches, hektisches Streicheln. Ausdruck von tiefer Verzweiflung und Unruhe. Eine fremde Hand berührte mich behutsam am Handgelenk. Es war der Pfleger Georg. „Sanfter, leichter“, sagte er, und gab meinen Bewegungen einen neuen Takt vor. Ich wurde ruhiger. Ich sah mich um. Sie standen um das Bett herum und blickten gebannt auf dich. Andächtig, als ob sie einer Prozession beiwohnten. Pfleger Georg sprach Psalmen und Gebete. „In Gedanken bei ihr sein.“ Ich wusste nie, wie ein Mensch aussieht, der in Gedanken ganz bei einem anderen Menschen ist. Nun trugen unsere Eltern diesen Satz in ihren Gesichtern. Deine Mutter hatte den Kopf leicht geneigt. Sie mochte an die Zeit denken, als die Ärzte sie schon aufgegeben hatten. Das war vor fast 15 Jahren. Du warst in den Vorbereitungen für das 1. Staatsexamen gewesen. „Kleine Mama“, hattest du zärtlich gesagt. Wenn Menschen nicht überraschend aus dem Leben gerissen werden, aufgerichtet und vor Sekunden noch lebendig, sondern allmählich verschwinden, verändern sie ihre Gestalt. Sie werden kleiner. Das kommt vom Schmerz, der Leiber sich krümmen und einrollen lässt. „Meine Eva“, dachte deine Mutter wehmütig.

Dein Vater stand neben ihr. Er hatte die Arme starr an den Körper angelegt und die Hände übereinander gefaltet. Ich fand, dass er dich in einer Mischung aus Stolz und Trauer ansah. Er bewunderte dich. Deinen Mut, deine Geradlinigkeit und Konsequenz. Wenn du dich für einen Weg entschieden hattest, bist du ihn trotz aller Widerstände gegangen. Du warst überzeugt von dir. Aber nie warst du überheblich. Herz und Verstand. Beides hattest du im Übermaß. Im Zweifel gabst du dem Herzen den Vorrang. Du konntest die Regeln auch einmal übertreten, weil du leidenschaftlich in der Gegenwart lebtest. Das war es, was dein Vater bewunderte. Zugleich veranlasste es ihn, einen halben Meter Abstand vom Krankenbett zu halten. Aus Respekt vor dir, deiner Lebenskraft, vor deinem starken, selbstbewussten Abgang.

Meinen Eltern sah man die Verunsicherung an. Mit ihnen verbanden dich die wenigsten engen Bande, und doch hatten sie uns beide in unserem 5-jährigen Ringen mit dem Krebs liebevoll begleitet. Mein Vater hatte dich im Jahr des Ausbruchs von den Chemotherapiesitzungen im Krankenhaus abgeholt. Meine Mutter bot immer ihre Hilfe an. Sie hatten mit uns Ausflüge gemacht, an den Königssee, an den Tegernsee. Sie waren da gewesen, auf ihre Art. Ich sah ihnen die vielen Fragen und Sorgen an, die sie nun beschäftigten. Meine Mutter hatte am längsten von uns die Hoffnung auf Genesung aufrecht gehalten. Als du den Ärzten bestimmt mitgeteilt hast, dass du dich für einen letzten, lebenswerten Sommer mit mir anstatt für weitere qualvolle Chemotherapien entschieden hattest, mochte meine Mutter der Wahrheit nicht ins Auge sehen und glaubte insgeheim noch an ein Wunder. Als du dich für das Hospiz angemeldet hast, klang sie verwundert. Lange hatte sie verdrängt, dass es auf einen Abschied hinauslief. Es ging alles sehr schnell, zu schnell, um sich an die neuen Umstände zu gewöhnen. In den vergangenen Wochen, als das Pfeiffersche Drüsenfieber mir ermöglicht hatte, dich in unserer Wohnung zu versorgen, hatten wir so viel Zeit wie nie miteinander verbracht. Und doch waren wir uns nicht mehr näher gekommen. Im Gegenteil. Meine gelegentlichen Umarmungen hatten dich mit jedem Tag weniger erreicht. Ich sprach mit dir nicht anders als früher, und doch gabst du mir jetzt nicht immer eine Antwort. Wir mussten plötzlich Regeln gehorchen, die wir aus unserem bisherigen Alltag nicht kannten. Du bemühtest dich im Wesentlichen darum, Schmerzen zu verhindern. Und ich musste dir dabei helfen. Rechtzeitig mussten Schmerzpflaster auf die Haut aufgetragen und Hindernisse in der Wohnung aus dem Weg geräumt werden. Im Bett und auf der Couch musstest du mit Kissen abgestützt und gelagert werden, damit du es noch einigermaßen bequem hattest. Inzwischen hattest du einen Rollstuhl, da Metastasen die Nervenbahnen durchtrennt hatten und du an beiden Beinen gelähmt warst. Dachte ich mit meinem Verstand, leuchtete mir ein dass du dich auf deinen Weg in eine unbekannte, neue Welt konzentriertest. Das, was mir als Dämmerzustand erschien, war deine persönliche Twilight Zone. Das war dein Bereich, in dem du dich auf das Leben nach dem Tod vorbereitet hast. Die Liebe zu mir war unverändert groß und unzerstörbar, das hast du mir auch immer wieder gezeigt. Nur auf andere Weise als früher. Dachte ich hingegen mit meinem Herzen, dann fühlte ich wie ein trauriges, in der Seele schwer verletztes Kind. Meine grenzenlose, einzigartig intensive Liebe zu dir vermisste die Bestätigung durch deine warmen Blicke, wohltuenden, verständnisvollen Worte und weichen Berührungen. Du warst für mich vieles, was ich nie gehabt hatte: Eine Lebenspartnerin, eine Schwester, eine Zuhörerin, eine Ratgeberin, eine Frau fürs Leben ... Du hattest mein unruhiges Innenleben in eine ruhigere Phase geführt. Die Krankheit war in uns beiden lange nicht ausgebrochen. Es war schließlich unsere Zeit, unsere Gegenwart gewesen. Nun wollte ich nicht verlassen werden. Ich hatte mich fest an dich angebunden.

So saß ich hier, an deinem Krankenbett, beschäftigt mit meinem eigenen Unglück. Erschöpft nach einer letzten Nacht an deiner Seite, ohne Schlaf. „Liebst du mich?“, wollte ich dich fragen. Einmal noch wollte ich es aus deinem Mund hören. „Ja, sehr sogar.“ Aber deine Kraft ließ spürbar nach. Du atmetest schwerer. Anfangs hattest du uns angesehen. Du hattest dich für unser Kommen bedankt. Das warst du. Nun hing dein Blick an der Decke. Du warst nicht mehr du. Gestern nach der Andacht hattest du gesagt: „Ich werde im Licht stehen.“

Ich wünschte dir, dass du dieses Licht in Kürze sehen konntest. Ich wünschte dir Erlösung. Gleichzeitig wünschte ich mir, dass das alles nicht geschehen würde. Dass es alles ein Traum sei, eine Einbildung, ein Versehen. Ich glaubte auf einmal an einen Irrtum. Tatsächlich wohnten wir noch in München-Giesing, ich war 26, du 31, wir waren frisch verliebt. Ich würde jetzt heimfahren, du hättest das Essen vorbereitet. Durch das offene Fenster drangen ausländische Stimmen vom Innenhof in unsere Küche. Auf den Bäumen turnten zwei Eichhörnchen herum. Wir standen Arm und Arm am Fenster und beobachteten sie. Das war doch unser Zuhause! Hier lebten wir! Und plötzlich, als ich in diese Gedanken versunken unsichtbar an der Welt zerbrach, geschah etwas Besonderes: Eine einzelne Träne löste sich beschwerlich aus deiner Netzhaut und rollte langsam die Wange hinab. Auf halber Strecke blieb sie stehen, abrupt, in der Mitte ihres Wegs. Ich verstand nicht, warum sie nicht bis zum Kinn weiter floss, wie es den Gesetzen der Schwerkraft entsprochen hätte. Pfleger Georg unterbrach seine Gebete, die, so hatte ich den Eindruck, in diesem Augenblick zwischen uns standen. Ich hoffte, dass die Gebete dich erreicht haben. Mich erreichten sie nicht. Ich ging ins Bad. Sperrte zu. Aus der Tasche meiner Jacke, die ich absichtlich hier aufgehängt hatte, holte ich das kleine Fläschchen Tramadol, ein opiodes Schmerzmittel, hervor. Vielleicht könnte ich so etwas verändern, dachte ich. Vielleicht könnte ich dadurch weiter bei dir bleiben? Ich zählte die Tropfen. 20,40,60,80 ... Mehr? Nein. Ich ging zurück zu dir, setzte mich ans Bett. Meine Wahrnehmung verfärbte sich. Deine Wangen waren gelb geworden. Alles sonst war grau. Selbst die Sonnenstrahlen, von denen sich an diesem wunderschönen Tag im Februar viele in deinem Zimmer eingefunden hatten, waren grau. Die neue Zeit hatte begonnen. Als dich eine zunehmende Unruhe erfasste und du zu stöhnen begannst, holte Georg eine Spritze. Zur Beruhigung. Danach erfüllte nur noch dein abnehmendes, müdes Atmen den Raum.
Wir hörten zu. Irgendwann war es still. Du hattest dich nicht gewehrt und warst „friedlich eingeschlafen“.

Ich öffnete meine Augen. Ich hatte das Gefühl, dass jemand in der Wohnung war. Ich bemerkte mein rasendes Herz. Es stolperte einmal, zweimal. Stand da nicht eine Gestalt im Flur? Nein, das war mein Mantel, der an der Garderobe hing. Wie viele Leben führen wir eigentlich gleichzeitig? Eines im Traum, eines in der Realität, ein vergangenes, ein zukünftiges, ein glückliches, ein unglückliches, ein trauriges, ein fröhliches. Ich versuchte, weiter zu schlafen. Am nächsten Morgen weckte mich Geschrei aus dem Treppenhaus. Die Nachbarsfamilie mit den 2 kleinen Kindern brach zu einem Ausflug auf. Als sie das Haus verließen, lauschte ich. Da war es, dein vertrautes Atmen. Ich legte mich zur Seite. Dein Atem strömte mir nun ins Gesicht. Ein friedliches Frauengesicht. Kindlich. Ich liebte es. Eine müde Träne lief deine Wange hinunter, ganz, um schließlich auf das Bettlaken zu fallen. In dem Augenblick erinnerte ich mich an meinen Traum. Und war glücklich.

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