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1. Platz:

Birgit Hörner

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Nebellauf

Genre-Wettbewerb 2016 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Sie läuft um zu vergessen, dann läuft sie um ihr Leben.
Die Ich-Figur in Birgit Hörners Geschichte „Nebellauf“ hat einen ihrer Schüler von der Schule verwiesen. Jetzt ist er tot, er hat sich vom Balkon gestürzt. Ist sie schuld? Nein, sie ist kein Weichei wie ihre Kollegen, die ihn schonen wollten.  Sie rennt, sie rennt davon. Dann merkt sie, dass sie verfolgt wird und der Leser hält den Atem an. Denn er weiß, jetzt ist sie dran.

Die Autorin unterbricht das Laufen, das Weglaufen, die Angst vor dem Verfolger durch Rückblicke: Dennis, der Mädchen begrapscht, Dennis, der Angst vor seinem Vater hat, wenn er erfährt, dass er von der Schule verwiesen wird, ein junger Mann in der Straßenbahn, der sie zu verfolgen scheint.
Sie wird niedergestochen, sie wehrt sich, - doch es ist nicht sie, die stirbt, es ist ihr Verfolger. Birgit Hörners Geschichte ist klug durchdacht, sprachlich versiert und von Anfang bis zum Ende ungeheuer spannend.


Nebellauf

Dicke Nebelschwaden. Ich sehe kaum die Hand vor Augen. Wabernde Feuchtigkeit legt sich klamm um meinen Körper. Kälte dringt durch mein T-Shirt. Ich laufe. Gleich wird mir warm werden. Meine Laufstrecke beginnt gleich hinterm Haus. Weit  lässt mich der Nebel nicht schauen. Aber ich kenne die Strecke. Bin diese Feld- und Waldwege schon so oft gelaufen. Hier ein Loch, da eine Erhebung, dort ewige Spurrillen der Traktoren. Seltsame Stimmung, denke ich, fast schaurig. Nebelgrau, Nebelmoor, Moorleiche, zerpickt von Nebelkrähen ... Hirngespinste! Aber ich kann nicht anders, ein Bild jagt das nächste. Doch da Krähen, irgendwo auf den Feldern. Jetzt dringend an was anderes Denken.
Ich lenke meine Gedanken auf die Ereignisse des heutigen Tages, dieses furchtbaren Tages.

Die Lehrerkonferenz, die Vorwürfe, der Streit, Dennis ist tot ..., und dann, dieser Typ in der Straßenbahn, hat mich die ganze Zeit angestarrt. Kam mir irgendwie bekannt vor. Grauer Kapuzenpulli, rote Turnschuhe. Ich habe versucht, ihn zu ignorieren und mich scheinbar in mein Buch vertieft. Der Typ ist an der selben Haltestelle ausgestiegen. Dann aber in die andere Richtung gegangen.
Zu Hause vergewisserte ich mich, dass es meiner Mutter gut geht, kochte ihr Tee und  setzte sie vor ihre Fernsehserie. Für eine dreiviertel Stunde sitzt sie dann immer ganz still. Dem Nebel trotzend, habe ich meine Laufschuhe angezogen und mein Handy in die Jackentasche gesteckt. Ich musste dringend einen klaren Kopf bekommen.

Der Nebel wird dichter, eine weichende, doch undurchdringliche Mauer. Kurz überlege ich, umzukehren, meine Füße aber tragen mich weiter. Immer im selben Rhythmus. Nur Krähengekrächz und das Patschen meiner Füße, mal auf Asphalt, mal auf Wegen, dringen in mein Bewusstsein. Der Nebel schluckt alle anderen Geräusche. Sicher setze ich einen Fuß vor den anderen. In Gedanken bei Dennis, meinem Schüler.

Dennis ist tot, vom Balkon gesprungen. Sechster Stock. Vier Wochen vorher hatten wir in der Klassenkonferenz über den Schulverweis der drei Schüler abgestimmt. Henry und Jonathan kamen mit einer Ermahnung davon. Dennis nicht. Einige Kollegen, die weichgespülten, waren der Meinung gewesen, dass ein Verweis als Strafe zu hart sei. „Was sollen wir an unserer Schule denn noch alles tolerieren?“ fragte ich aufgebracht.

Die heutige Zusammenkunft war von Fassungslosigkeit, betretenem Schweigen und  natürlich Schuldzuweisungen geprägt. Ich war Dennis Klassenlehrerin. Dieser Junge hatte dauernd Ärger gemacht. Untragbar für die Klasse. Jetzt war es genug. Aber hätte ich mich für einen Verbleib ausgesprochen, würde Dennis vielleicht noch leben. Vielleicht.

Dennis Tod lastet auf mir wie Blei. Ich versuche, die Schultern zu lockern. Ziehe sie hoch, lasse sie fallen. Laufen hilft, hat es schon immer getan, es hilft Grübeleien zu verscheuchen, manchmal sogar den Kopf ganz leer zu bekommen. Doch heute klappt es nicht. Wieder denke ich an Dennis. Der Schulverweis war die richtige Entscheidung, ich bleibe dabei. Sollen die anderen doch denken, was sie wollen.

Schemenhaft tauchen Bäume vor mir auf. Es riecht nach Erde, faulem Laub, sprießenden Pilzen. Im Wald wird der Nebel lichter sein.

Henry, Jonathan und Dennis hatten in den Pausen Schülerinnen mehrmals in die Ecke gedrängt. Dennis hatte die Mädchen begrapscht. Henry und Jonathan sahen zu, standen Schmiere. Die Jungen drohten den Mädchen Prügel an, falls sie etwas sagen würden. Anna hatte es ihrer Mutter erzählt. Die drei wurden sofort vom Unterricht suspendiert. Henrys und Jonathans Eltern kamen zum Gespräch. Dennis' Eltern nicht. Wie immer. Als ob Arbeitslosigkeit davon befreit, sich um sein Kind zu kümmern. Stattdessen erschien der ältere Bruder. Der Vater sei für einige Wochen verreist und er würde ihn vertreten, hatte der Bruder gesagt. „Wo ist denn die Mutter«, fragte ich. »Die ist krank, die kann nicht kommen“, sagte der Bruder. Dann heulte Dennis los. »Mein Vater schlägt mich tot«, schluchzte er.  „Bitte, bitte lassen Sie mich auf der Schule. Ich mache alles, was Sie wollen, bitte, bitte!“ Der Bruder versicherte mir, dass er Dennis  jetzt kontrollieren wolle und dass es zu keinen Vorfällen mehr kommen würde. „Ich schwöre“, hatte er gesagt, „Dennis wird sich bessern.“ „Das hätte er sich früher überlegen müssen“, sagte ich hart. Ich war froh, diesen unliebsamen Schüler loszuwerden.

Noch drei Wochen nach dem Ausschluss hatten Klassenkameraden berichtet, dass Dennis sich nach wie vor auf dem Schulgelände herumdrücke. Nicht mehr mein Problem!

Ich atme tief durch. Konzentriere mich auf meine Schritte. Rechts ..., links ..., meine Füße im Takt, die Arme schwingen locker neben meinem Körper. Ich allein im Nebelmeer. Ein ungewöhnlicher Lauf, ohne die Gedankenschwere, könnte ich ihn jetzt sogar genießen. Schotter knirscht unter meinen Schritten, bis sie der Waldboden dämpft ..., aber das Knirschen der Schritte auf dem Schotter, es ist noch immer zu hören.

Es durchzuckt mich. Ich bin nicht allein! Jemand folgt mir. Jetzt kein Knirschen mehr. Habe ich mich getäuscht? Ich ändere den Laufrhythmus und da höre ich sie erneut. Dumpfe Schritte, Schritte auf Waldboden. Ich laufe schneller. Die Schritte hinter mir werden schneller. Ich biege rechts in den nächsten Waldweg ein, kann dabei einen kurzen Blick erhaschen. Mann, jung, nicht sehr groß, die Kapuze des grauen Hoodys tief ins Gesicht gezogen. Vielleicht läuft er geradeaus, vielleicht hat er nur zufällig denselben Weg ...

Ein Hoffnungsschimmer.

Aber die Schritte bleiben hinter mir. Gleicher Abstand. Ich laufe schneller. Ich renne. Der Verfolger bleibt dran, der Abstand verringert sich. Ich kann seinen Atem hören, ich kann nicht mehr. Mein Herz schlägt wild, panisch, pocht in meinen Schläfen, vermischt sich mit den Schritten, meinen Schritten und den unheilvollen des Anderen.

Eigentlich hatte ich es schon die ganzen letzten Tage gespürt. Dieses Gefühl, beobachtet zu werden. Gestern, bei Einbruch der Dunkelheit, die Rollläden im Haus zugezogen, ganz gegen meine Gewohnheit.

Meine Brust schmerzt, ich bekomme kaum noch Luft, habe Seitenstechen, werde langsamer. Mein Verfolger auch. Passt sich mir an. Er hetzt mich! Wie die Hundemeute den Fuchs. „Hau ab!“, schreie ich. Meine atemlose Stimme überschlägt sich. „Lass mich in Ruhe!“ Angsttränen rinnen mir über die Wangen.

Schneller, schneller... Ich laufe um mein Leben. Denn darum geht es. Ich spüre es.

„Komm Dennis“, hatte der Bruder wütend ausgespuckt, „mit der Schlampe kann man nicht reden“. Dennis hatte noch lauter geheult. Weitere Beschimpfungen, hässliche, voller Wut. „Raus hier!“, hatte ich gebrüllt. Der Bruder, die Faust zum Abschied geballt. Endlich verließen sie das Klassenzimmer.
„Unverschämtes Pack“, aufgebracht ging ich in meinen Unterricht.

Runter vom Weg! Kopflos. Ich renne durch das Dickicht. Ein Ast reißt mir die Wange auf. Ich schreie aus Leibeskräften, ich will leben!

Ein Schlag in den Rücken. Ich strauchle und falle mit dem Gesicht ins Laub. Drehe mich um. Der Typ steht über mir. Rote Turnschuhe, ein Messer in der Hand.  „Bitte, bitte“, bettle ich, „tu mir nichts“, ich versuche nach hinten wegzurobben. „Bitte, bitte“, äfft der Typ mich keuchend nach. Er funkelt mich hasserfüllt an. Tränennasses Gesicht. „Du bist schuld, Fotze!“ Er spuckt mir ins Gesicht. Lässt sich auf meine Beine fallen. Ich hebe meine Arme, will mich schützen. Er sticht zu. Das Messer schneidet tief in meinen Handrücken, in meine Arme. Blut, überall. Ich schreie, schlage um mich. „Für meinen kleinen Bruder!“, brüllt er und seiner Kehle entfährt ein gequälter Laut. Er wirft den Kopf in den Nacken, wischt sich die Tränen weg ..., lässt von mir ab, steht auf und dreht sich weg. Geht ein Stück. Schluchzt, die Hände vor dem Gesicht.

Jetzt! Ich springe auf die Füße. Er dreht sich um. Überrascht. Unter Aufbietung all meiner Kräfte, trete ich ihn zwischen die Beine. Er jault, flucht. Krümmt sich. Der nächste Fußtritt trifft sein Gesicht, mit voller Wucht. Er fällt vornüber. Will sich abfangen. Das Messer immer noch in der Hand. Dann ein kurzer Aufschrei ...

Der graue Hoody färbt sich rot. Dennis' Bruder bleibt liegen. Er stöhnt, er zuckt, sieht mich an.
Ich fliehe, zurück durch den Nebel.

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