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2. Platz:

Anathea Westen

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Hüter alter Zeiten

Genre-Wettbewerb 2016 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Vinia geht eine imposante Holztreppe nach oben, sie lauscht, aber alles ist still. Sogar die Vögel, die draußen gerade noch zwitscherten, schweigen.

In Anathea Westens Geschichte geht es um die Alten, die Vinia gewarnt haben, dieses gruslige Haus zu beteten; es geht um eine dunkle Gestalt, mit tiefschwarzem, langem Haar, eine Gestalt, die keine Augen, sondern schwarze Löcher hat. Dieses Mal können Vinia und ihr Bruder der finsteren Gestalt entkommen, aber das nächste Mal ...

„Dunkelheit“, „starrende, tote Augen“, „ein zartes Geräusch - wie ein Kleidersaum der behutsam über den Boden strich”, „eine Gestalt, die immer deutlicher wird, als würde ein Maler nach und nach Einzelheiten in seinem Werk ergänzen“ ... -  es sind die treffenden Bilder, die Anathea Westens fantastische Geschichte zu einem gespenstischen Erlebnis werden lassen. Eine wunderbar gruslige Atmosphäre, die den Leser mitreißt.


Hüter alter Zeiten

Die Stufen knarrten unter ihren vorsichtigen Schritten. Ansonsten herrschte Totenstille in diesem gespenstischen Haus. Selbst das muntere Zwitschern der Vögel draußen im verwilderten Garten wurde von der drückenden Stille verschluckt. Vinia blieb mitten auf der imposanten Holztreppe stehen und lauschte. Nichts, absolut kein Laut war zu hören. Die Idee, das uralte und doch erstaunlich gut erhaltene Gebäude von innen zu erkunden, kam ihr inzwischen schrecklich idiotisch vor. Nur wenig erzählten die Alten von den Menschen, deren Zivilisation längst untergegangen war, aber vor Orten wie diesen hatten sie stets gewarnt. Vinia schnaufte empört. Nur kleine Kinder ließen sich von solchen Geschichten einschüchtern. Das Böse hat an manchen Stellen überlebt - ja, klar! Sie blinzelte. Bildete sie sich das nur ein, oder wurde es wirklich immer dunkler?

„Sei nicht so ein Feigling“, schimpfte sie leise mit sich selbst. Sie schaute die Treppe hinauf. Der obere Teil verschwand in einem finsteren Schlund - was schlicht und einfach unmöglich war. Als sie die Eingangshalle betreten hatte, war der Bereich von der Tür aus deutlich sichtbar gewesen. Sie hatte gemusterte Tapeten und verzierte Holzpaneele erkennen können. Woher kam diese plötzliche Dunkelheit? Dort konnte nun alles Mögliche lauern und aus toten Augen auf sie hinab starren. Tote Augen? Vinia schüttelte sich. Welch ein Unsinn. Nur ihre lebhafte Fantasie, die ihr einen üblen Streich spielte.

Trotzdem fand sie es unmöglich, dieser Düsternis einfach den Rücken zuzudrehen und die Stufen wieder bedächtig hinunterzusteigen. Ehrlich gesagt wagte sie nicht einmal, den Kopf zu drehen, um die Entfernung zur sicheren Eingangshalle abzuschätzen. Da! Sie fuhr zusammen, ihr Körper wurde stocksteif. Da war doch ein Geräusch gewesen. Kaum hörbar, aber laut genug in dieser Stille. Stand jemand dort oben und wartete auf sie? Oder etwa hinter ihr? Vinias Puls raste jetzt. Ihre Finger umklammerten krampfhaft das von vielen Händen blankgeriebene Holz des Treppengeländers. Wieder herrschte Schweigen. Nur sie selbst schien die Ruhe empfindlich zu stören - ihr wild schlagendes Herz und ihr keuchender Atem wiesen jedem Geschöpf, das hier in der Finsternis lauern mochte, den direkten Weg zu ihr.

Vinia versuchte, sich zu konzentrieren. Wie lange stand sie nun schon wie angewurzelt auf derselben Stufe? Bekam sie hier drinnen überhaupt mit, ob die Sonne unterging? Nachts spukte es auf jeden Fall in diesem Haus, daran zweifelte sie inzwischen keine Sekunde. Wieder drang ein zartes Geräusch an ihre Ohren - wie ein Kleidersaum, der behutsam über den Holzboden strich. Sie konnte kaum noch atmen, und als ihr Blick den Schatten entdeckte, hielt sie endgültig die Luft an. In der Dunkelheit vor ihr zeichnete sich undeutlich ein tiefschwarzer Umriss ab, der auf sie zuzukommen schien.

RUMMS! Ein gewaltiger Knall erschütterte die Eingangshalle hinter ihr. Vinias Beine gaben nach wie Pudding, sie sank auf die Treppenstufen, wo sie regungslos verharrte. Wenn sie sich einfach nicht bewegte, hatte sie vielleicht noch eine Chance.

„Was machst du denn da?“
Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, wer da mit ihr sprach. Vinia holte tief Luft, während ihre Gedanken Purzelbaum schlugen.

„Haha, hab ich dich erschreckt, Vi? Hast du etwa Angst?“
„Nein, habe ich nicht!“ Sie setzte sich aufrecht und massierte eifrig ihr Bein. „Nur ein Krampf, sonst nichts. Ich bin hier so viele Treppen rauf und runter gerannt, da kann das schon mal passieren.“ Dann warf sie ihrem Bruder einen bitterbösen Blick zu. „Was machst du Strohkopf hier?“ Das freche Grinsen, das er ihr als Antwort auf die Frage schenkte, trieb sie normalerweise zur Weißglut, aber in diesem Augenblick gab es für sie nichts Schöneres auf der Welt. Was sie selbstverständlich niemals zugeben würde. „Also? Wieso bist du hier, Deik?“

„Ich habe dich reingehen sehen, und da bin ich hinterher.“ Ein Achselzucken deutete an, dass er dies als ganz normal ansah. „Du weißt, dass die Alten stinksauer sein werden, wenn sie das hier erfahren, oder? Man kann das Böse damit aufwecken, sagen sie.“

Vinia winkte ab. „Weil sie eben alt sind und nicht ver-stehen können, dass man zur Abwechslung etwas Aufregendes erleben möchte. Was soll denn schon passieren?“ Mit einem Ruck drehte sie sich wieder um und zuckte vor Schreck zusammen. Sie war überzeugt gewesen, dass die weit geöffnete Tür alle Dunkelheit vertrieben hatte. Stattdessen hatte sich die Schwärze heimlich herangeschlichen und bereits die obersten Stufen verschluckt. Wie vor Deiks Erscheinen senkte sich erneut eine schwere Mattigkeit auf Vinia herab, als sie in den Schatten starrte und etwas zu erkennen versuchte.

„Vi?“ Sie hörte das leichte Zittern in der Stimme ihres Bruders. „Vi, ich glaube, die Alten haben doch recht. Sie sehen richtig bösartig aus.“

Vinia kämpfte gegen die zunehmende Benommenheit an. Alles in ihr schrie vor Panik, aber sie konnte kaum noch einen Finger rühren. „Wer? Wen meinst du?“

„Die Menschen auf diesen Bildern. So viele Bilder hängen hier.“ Deiks Stimme schien leiser zu werden, vom üblichen Vorwitz keine Spur. Und dann schnitt die Erkenntnis durch ihren Dämmerzustand wie ein Dolch durch weiche Butter. Sie hatte lange in der Tür gestanden und sich die Eingangshalle sehr genau angesehen, bevor sie in das Haus gegangen war. Nirgends hatte auch nur ein einziges Bild gehangen!

Mit einem wilden Aufschrei warf sie sich herum und taumelte die Stufen hinunter zu ihrem Bruder. Deik stand wie ein Schlafwandler in dem Korridor aus Tageslicht, das durch die offene Tür hereinfiel. Während Vinia die Treppe hinab stolperte, konnte sie zusehen, wie sich auch in der Eingangshalle Dunkelheit ausbreitete. Langsam, aber unaufhaltsam strömte die Schwärze auf Deik zu. Kurz bevor sie den erstarrten Jungen berührte, war Vinia zur Stelle, packte ihren Bruder am Arm und zerrte ihn unsanft ins Freie. Über seinen Kopf hinweg warf sie einen Blick in die düstere Halle und sah die Reihe von Gemälden, von denen Deik gesprochen hatte. Direkt davor stand ein Sessel, der vorher auch nicht existiert hatte und aus dem sich nun eine Gestalt erhob. Ohne Eile schwebte sie zusammen mit der Finsternis auf die beiden Kinder zu. Sie war hochgewachsen und komplett in tiefes Schwarz gehüllt, nur das Gesicht leuchtete als weißer Fleck aus all dem Dunkel. Je näher die Erscheinung kam, desto mehr Kontur nahm sie an - als würde ein Maler nach und nach Einzelheiten in seinem Werk ergänzen. Tiefschwarzes, langes Haar fiel auf ein nur um Nuancen helleres Gewand und umrahmte ein blasses Antlitz. Dort, wo normale Menschen Augen gehabt hätten, brannten dunkle Löcher. Vinia wollte gerade losschreien, da flog die Tür mit einem Knall zu und trennte Licht von Schatten.

Für einen kurzen Moment hielt sie ihren Bruder umschlungen, bis Deik sich aus ihrer Umarmung löste. Er schauderte einmal heftig, und damit schien die Angelegenheit für ihn erledigt zu sein. „Schau mal, Vi. Ein Kirschbaum!“

Vinia sah ungläubig zu, wie er voller Begeisterung die reifen Früchte pflückte und verspeiste. Hatte er überhaupt nichts mitbekommen? Oder lag es an ihr? Zuviel sprudelnde Fantasie, wie ihre Mutter so gerne sagte? Sie schaute auf das Haus zurück, das friedlich im Sonnenschein vor sich hin zu träumen schien. Ein völlig harmloses Bild, bis auf die Fenster. Vinia merkte, dass ihr Herz schneller schlug. Weder die Bäume noch die vorbeiziehenden Wolken spiegelten sich in den Scheiben. Absolute Dunkelheit drückte von innen gegen das Glas, so dass die Öffnungen eher wie Eingänge zur Unterwelt wirkten. Und doch hätte sie es als optische Täuschung durchgehen lassen, wenn da nicht dieses helle Oval in einem der Fenster erschienen wäre. „Hm, das sind die besten Kirschen, die ich je gegessen habe. Willst du mal kosten, Vi? Schau mal, sie sehen fast schwarz aus.“

Entsetzt schlug Vinia ihrem Bruder die dunklen Früchte aus der Hand und zog den protestierenden Jungen mit sich - nur weg von diesem Ort.

Sie ist fort, hauchte es in der Dunkelheit. Es zartes Wehen antwortete: Aber sie wird zurückkommen. Konntet ihr ihre Kraft spüren? Und welch ein Beschützerintinkt. Ein vielstimmiges Seufzen huschte durch das uralte Haus. Wir können warten. Wir haben alle Zeit der Welt.

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