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3. Platz:

Elke Schulenburg

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Der Märchenprinz

Genre-Wettbewerb 2016 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Susi liebt ihren Björn, ihren Märchenprinzen. Sie liebt ihn so sehr, dass sie ihren Job gekündigt hat, um ganz für ihn da zu sein. Sie putzt, sie kocht, sie flötet, sie lächelt - er nennt sie seine Prinzessin, umarmt sie und zerrt sie am Pferdeschwanz zum Staubsauger, wenn er Flusen findet, er schlägt ihren Kopf gegen den Spiegel, wenn er Schlieren ahnt.

Elke Schulenburgs Geschichte besticht durch die realistische Charakterisierung der Hauptfiguren. Susi ist am Ende eine Mörderin, aber hat sie nicht Recht, dass sie dieses Schwein abgestochen hat?

Diese Alltagstragödie nimmt uns gefangen. „Ich könnte ihn umbringen“ - wer hat das nicht schon einmal gedacht? Susi hat ihre Gedanken in die Tat umgesetzt. Hätte ich genauso gehandelt? Wer ist der Schuldige? Diese Fragen werden den Leser in dieser glaubwürdigen und deshalb so bedrückenden Geschichte lange beschäftigen.


Der Märchenprinz

„Diesmal dürfte Björn nichts auszusetzen haben“, dachte Susi zufrieden. Alles glänzte und blitzte im Sonnenschein, der durch die streifenfreien Fenster hereinflutete. Den ganzen Tag hatte sie die Wohnung auf Hochglanz gebracht. Seit Björn das Haus verlassen hatte, saugte sie Staub, wischte und putzte die Fenster, sogar die Schränke hatte sie abgerückt, um dahinter zu wischen. Diesmal wollte Susi es nicht vergeigen. Jedes Mal hatte sie bisher irgendwas vergessen, und das war schlimm. Björn kam abends müde nach Hause und musste sich dann noch über sie ärgern, weil die Wohnung schmutzig war.

„Du weißt, dass ich es nicht ertrage, in einem Dreckloch zu wohnen. Du hast den ganzen Tag Zeit, dafür zu sorgen, dass ich mich abends wohlfühle. Mehr verlange ich nicht, nur ein bisschen Ordnung. Ist das so schwer zu kapieren? Was machst du denn den ganzen Tag, während ich das Geld für uns verdiene?“ Er sagte es sehr freundlich. Nur manchmal wurde er etwas ungeduldig und laut. Wie letzte Woche, aber da hatte er auch allen Grund dazu. Als er sich bückte, um einen liegen gebliebenen Papierfetzen aufzuheben, entdeckte er Wollmäuse unter dem Wohnzimmerschrank. Sie blickte in den Flurspiegel und tastete ihr Gesicht ab. Nein, von dem blauen Auge sah man nichts mehr. Es heilte immer alles schnell ab. „Der arme Björn. Er hat es nicht leicht mit mir“, dachte Susi reumütig. Dabei haben wir eine so schöne Wohnung. Schöner als sie es sich jemals hätte leisten können, mit ihrem kleinen Gehalt als Verkäuferin im Strangers, dem exklusivsten Herrenausstatter der Stadt. Sie hatte so ein Glück, dass sie bei Björn einziehen durfte. Sie brauchte auch nicht mehr zu arbeiten, da der liebe Björn es ihr erlaubte zu Hause bleiben. „Ich verdiene genug, da musst du nicht mehr jeden Tag zur Arbeit gehen, für die paar Kröten, die du in deinem jämmerlichen Job verdienst. Verwöhn mich lieber, wenn ich abends nach Hause komme und halt mir den Rücken frei mit der Hausarbeit.“

Susi tanzte glücklich durch die Zimmer, wie eine kleine Prinzessin. So hatte Björn sie immer genannt, als sie sich vor einem Jahr kennenlernten. Sie hatte sich auf den ersten Blick in ihn verliebt- in sein sanftes, verschmitztes Lächeln. In seine großen Augen, die sie so unergründlich anschauen konnten. Sie leuchteten tiefblau und geheimnisvoll, wie das Meer, das sie so liebte. Björn war groß, mindestens zwei Köpfe größer als sie selbst, braungebrannt und kräftig. Da stand er, ihr Märchenprinz auf den sie schon ihr ganzes Leben gewartet hat. Zitternd vor Aufregung ging sie auf ihn zu, als er sich am Oberhemdenstand fragend umschaute. Es war, als würde er nur nach ihr suchen. Wie von einem magischen Band gezogen, eilte sie auf ihn zu, stolperte und fiel ihm genau vor die Füße. Susi lachte laut auf, als sie sich daran erinnerte. Keine Sekunde hatte sie vergessen. Wie könnte sie auch, es war der glücklichste Moment in ihrem armseligen Leben. Sie fühlte sich der Ohnmacht nah, als er sich bückte, ihr wieder auf die Beine half und grinsend sagte „Na, nicht so stürmisch junge Frau. Ich laufe Ihnen nicht weg.“ Bevor er den Laden verließ, fragte er sie, wann sie Feierabend habe. Mehr nicht. Den ganzen Tag kreisten ihre Gedanken nur um ihn und ob sie ihn jemals wiedersehen würde. Dann stand er da. Einfach so, als wäre es das normalste der Welt, sie von der Arbeit abzuholen. Noch nie zuvor hatte ein Mann ihr so wunderbare Komplimente gemacht. Manchmal machte er es auch jetzt noch, aber selten. Sie verdarb ihm mit ihrer Unordentlichkeit die Laune, sagte er oft. Wenn das so weiterginge, dann müsse sie leider gehen, da er schließlich nicht auch noch die Wohnung putzen könne.
Aber wo sollte sie denn hingehen? Sie hatte doch keine Wohnung mehr. Ihre kleine Einzimmerwohnung hatte sie aufgegeben und war zu Björn in das große, helle Haus gezogen. Ein Haus, das so traumhaft aussah, wie einer `Schöner wohnen´ Zeitschrift entsprungen, die sie immer wieder sehnsüchtig durchblätterte.  Ihr eigenes Zimmer im Dachgeschoss eines Mehrfamilienhauses kam ihr damals plötzlich muffig und eng vor, mit all den Kerzen, Kissen und billigen Möbeln. Obwohl sie sich bis dahin immer wohl gefühlt hatte in ihrem kleinen Kuschelnest, wie sie es nannte.

Björn hatte sie dort einmal besucht und sofort gesagt, dass sie eine größere Wohnung verdient habe und ein schöneres Ambiente. Einer Prinzessin unwürdig, nannte er ihr Zimmer kopfschüttelnd. Ihre Stelle im Strangers hatte sie schließlich auch aufgegeben, damit sie mehr Zeit für ihn hatte.  
Ihre beste Freundin Klara hatte sich leider verabschiedet, als Susi zu Björn gezogen war. Die beiden konnten sich nicht ausstehen.

„Ein mieses Charakterschwein,“ hat Klara Björn genannt, „Merkst du denn gar nicht, dass er dich behandelt wie den letzten Dreck. Er braucht doch nur jemanden, den er rumkommandieren kann und der ihm die Bude putzt. Merkst du wirklich nicht, was er mit dir macht?“ Susi wollte das nicht mehr hören und auch nicht Klaras gut gemeinten Ratschläge. Woher sollte Klara aber auch wissen, wie fürsorglich und lieb Björn zu ihr war. Er wollte sie nur beschützen, so wie es Märchenprinzen eben tun.
Alle Freunde hatten sich von ihr zurückgezogen, und Björn hatte keine Freunde, nur Arbeitskollegen und die kamen nicht nach Hause. Das ist auch gut so, sagte Björn, „Ich muss mich abends ausruhen, nach der Last des Tages. Das kann ich am besten mit dir alleine.“

Plötzlich, von einem Moment zum anderen, fiel Susi in eine tiefe Traurigkeit. Was war das nur? Diese Gefühle hatte sie nie, als sie alleine wohnte. Sie fühlte sich so unnütz, dumm und schlecht. Nichts konnte sie richtigmachen, noch nicht einmal putzen konnte sie. Sie sah den Dreck einfach nicht. Björn sah immer alles, obwohl er ein Mann war. Vorgestern Abend öffnete er die Haustür und sah sofort, dass sie unter dem Schuhregal nicht saubergemacht hatte. Wütend riss er es um und trat gegen die Schuhe, dass sie durch den Flur flogen und gegen die Wand krachten „Susi! Verdammt noch mal, was bist du nur für eine miese kleine Schlampe!“ Sie wollte ihm gerade fröhlich lächelnd einen Kuss auf die Wange geben und sagen, wie sehr sie sich freue, dass er wieder zu Hause sei. Er packte sie am Pferdeschwanz und zerrte sie unsanft zum Staubsauger. „Ich gehe mich jetzt frisch machen und wenn ich fertig bin, dann herrscht hier Ordnung. Hast du das verstanden? Und vergiss nicht, die Wand zu putzen, die ist dreckig.“

Der arme Björn. Er tat ihr so leid, dass er sich immer wieder so aufregen musste über sie. Sie verdarb ihm den ganzen wohlverdienten Feierabend. Aber heute war wirklich alles sauber. Jeden Winkel hatte sie auf Hochglanz gewienert und dann noch sein Lieblingsessen - Rouladen mit Rotkohl - gekocht. Heute würde er sie bestimmt wieder seine kleine Prinzessin nennen. Sie ging noch einmal durch das ganze Haus, guckte unter jeden Schrank, prüfte jedes Fenster auf Schlieren, kletterte auf die Leiter, um auf dem Kleiderschrank auch das letzte Staubkorn zu entfernen und kochte sogar noch Björns Zahnbürste aus.

Endlich öffnete sich die Haustür und Björn kam herein. Fröhlich hüpfte sie auf ihn zu und schlang ihre Arme um seinen Hals.

„Schön, dass du wieder da bist“, flüsterte sie ihm ins Ohr.
„Ich freue mich auch, meine kleine Prinzessin,“ sagte er und schenkte ihr sein hinreißendes Lächeln. „Essen fertig? Ich habe einen Bärenhunger.“
„Ja. Ich habe dir dein Lieblingsessen gekocht, wie du es dir gewünscht hast,“ lachte Susi glücklich.
„Ich mache mich schnell frisch. Du kannst schon alles hinstellen. Und vergiss diesmal bitte nicht, die Fäden von den Rouladen zu wickeln. Meine Roulade schneide bitte schon in dünne Scheiben auf, so esse ich sie am liebsten. Das hat meine Mutter immer gemacht. Aber mit einem scharfen Messer, damit sie nicht wieder so zerrupft aussieht, wie letztes Mal.“

Da war es wieder, das dumpfe Gefühl. Das Gefühl der verzweifelten Angst alles falsch zu machen. Es schnürte ihr geradezu die Luft ab, sodass sie kaum noch denken konnte. Sie eilte in die Küche, griff sich das schärfste Kochmesser, legte eine Roulade auf das Küchenbrett und begann sie vorsichtig, mit zitternder Hand, aufzuschneiden.

„Susi! Verdammt noch mal, komm sofort hierher! Sofort!“ schrie Björn wutentbrannt aus dem Badezimmer. Susi ließ die Roulade auf dem Brett liegen und rannte los. „Oh mein Gott, was habe ich nur schon wieder gemacht?“

„Guck dir das an“, zischte ihr Björn entgegen, „Ich kann mich kaum erkennen zwischen diesen ganzen Schlieren. Bist du sogar zu blöd zum Spiegel putzen, oder was?“ Sein Gesicht war hochrot angelaufen vor Wut und Enttäuschung.

Unsanft packte er Susi, zerrte sie zum Spiegelschrank und knallte ihren Kopf dagegen. Benommen sackte Susi in sich zusammen. Das Messer entglitt ihren Händen als sie auf den Boden fiel. Björn trat sie mit dem Fuß zur Seite, wie einen räudigen Hund.

„Alles muss ich selber machen. Guck nur was du angerichtet hast. Jetzt klebt auch noch Blut am Spiegel. Wo ist das Tuch zum Spiegel putzen?“ Er sah sie fragend an.
„Unter dem Waschbecken im Schränkchen,“ hauchte Susi noch halb benommen.
„So“, sagte Björn, „den Rest bringst du in Ordnung.“ Er warf den Lappen ins Waschbecken und ging.
Susis Finger tasteten nach dem Messer. Da war sie wieder diese entsetzliche Enge um ihr Herz. Diese schreckliche Angst. Genauso hatte sie sich früher gefühlt, wenn ihr Vater abends sturzbetrunken in ihr Zimmer kam und sie verdroschen hatte. Sie hätte ihn damals umbringen können dafür.
Susi zog sich mit einer Hand am Waschbecken hoch, mit der anderen Hand umklammerte sie das Messer. Sie schüttelte sich kurz und ging wie in Trance hinter Björn her ins Wohnzimmer. Er saß mit dem Rücken zu ihr im Sessel und zappte sich durch das Fernsehprogramm.

„Na, meine kleine Prinzessin, hast du alles fertig? Dann können wir ja endlich essen. Hoffentlich ist nicht alles kalt geworden, dann schmeckt es nicht mehr. Du hattest vergessen, die Roulade in den Topf zurück zu legen. Ich habe das für dich gemacht.“

Das Messer traf Björn überraschend und mit einer solchen Wucht in die rechte Halsseite, dass er keine Chance zur Gegenwehr hatte. Das Blut spritzte wie eine Fontäne aus der Halsbeuge als Susi das Messer langsam herauszog.

„Oh Gott, was machst du für eine Schweinerei “, sagte Susi angewidert zu Björn. „Dabei habe ich heute den ganzen Tag geputzt. Ich schneide dir dann mal deine heiße Roulade auf, mein Märchenprinz.“

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