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2. Platz:

Claudia Kurz

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Zwei Welten

Genre-Wettbewerb 2016 Runde 3

Das Urteil der Jury:

„Lass niemals einen Fremden herein“. Mit dieser gut gemeinten Belehrung ihrer sechsjährigen Tochter verlässt die Mutter das Haus, um kurz hinüber zur Nachbarin zu gehen. Allerdings hat sie dem Kind nicht verboten, heimlich durch die Briefkastenklappe zu spähen. Doch bei dem, was sie auf der anderen Seite erblickt, stockt der Icherzählerin fast der Atem. Eine Monsterklaue will nach ihr greifen. „Was, wenn das der Teufel ist, der gleich die Tür aufbricht?“

Die überschäumende Fantasie der Sechsjährigen, die hinter der, mit Narben übersäten Hand eines politischen Flüchtlings alles, nur nichts Gutes vermutet, baut Spannung auf und zieht die Leser sofort in das Geschehen hinein. Die Mutter des Mädchens lüftet am Ende nicht nur das Geheimnis um den Flüchtling Caven und sein Schicksal, sondern öffnet auch „mit dem passenden Schlüssel“ die Tür, um die „zwei Welten“ zu vereinen.

Der Autorin Claudia Kurz ist eine literarisch sehr gut ausgereifte Kurzgeschichte gelungen, die ihre Wirkung vor allem durch die Bild- und Symbolsprache bezieht. Durch Briefkastenklappen schaue ich nie mehr, lautet die Erkenntnis, die die kindliche Hauptfigur gewinnt und die gleichzeitig eine Botschaft an die Leser enthält, nämlich genau hinzuschauen und nicht vorschnell über Fremde zu urteilen. Mit dem, für Kindergeschichten erforderlichen, Happy End geht die Geschichte schließlich in eine neue Sicht über und Caven wird zum Freund der Familie.


Zwei Welten

In meinem ganzen Leben werde ich niemals wieder heimlich durch eine Briefkastenklappe spähen.

Damals, vor sieben Jahren, war meine Mutter kurz bei unserer Nachbarin, Frau Engels, die auf der anderen Straßenseite wohnte. Deshalb stand ich in der Küche und überwachte die Spaghettisoße, die bereits himmlisch duftete. Mein Magen knurrte vor Vorfreude. Als es draußen klingelte, schlich ich in den Flur. Die Haustür durfte ich nicht aufmachen; schließlich war ich erst sechs Jahre alt. Doch die Neugierde fraß mich auf.

Wer kann das sein?

Mein Blick fiel auf den eingebauten Briefkasten neben der Haustür. Da strömte eine Idee durch meinen Kopf. Niemand hatte mir verboten, durch den Briefkastenschlitz zu linsen. Ich schlich mich also zum Eingang. Dort hob ich mit größter Konzentration und Geduld die Klappe an. Millimeter um Millimeter öffnete sich der Schlitz. Ein leises Quietschen des Scharniers brachte mich zum Schauern, hielt mich aber nicht vom Spionieren ab.

In Zeitlupentempo bewegte ich meinen Kopf nach links. Durch den schmalen Schlitz konnte ich nur eine mit Furchen durchzogene, dunkle Hand erkennen. Sie steckte in einem abgetragenen, braunen Wollärmel. Wie gebannt schaute ich darauf. Die Hand war verkrustet vom Dreck; lange, schwarze Fingernägel erzählten von einem abenteuerlichen Leben in einer fremden Welt. Doch dann bewegte sich der Arm langsam Richtung Türgriff. Meine Faszination wurde jäh von lähmender Furcht abgelöst. Diabolische Fantasien warfen ihre Anker im Hafen meines Kleinhirns.

Was, wenn das der Teufel ist, der gleich die Tür aufbricht?

Immer noch hielten meine Finger die Klappe, während mein Körper in Wellen von der Zehenspitze bis zum Kopf zitterte und mein Herz begann, einen Stepptanz aufzuführen. In meinen Gedanken verwandelte sich die Hand allmählich in eine Monsterklaue.

Was tun? Abhauen geht nicht. Dann schnappt mich diese Kralle. Bestimmt.

Starr vor Schreck hing ich an der Briefkastenklappe und traute mich nicht, sie zu schließen, weil ich überzeugt war, dass dieses Monster jede Bewegung sah.

Müde schlich Caven durch die Straßen des Wohngebiets in dieser fremden, neuen Welt. Seit vielen Stunden wanderte er von Tür zu Tür. Meistens wurde ihm nicht geöffnet, auch wenn er genau wusste, dass jemand zu Hause war.

Die sanften Bewegungen eurer Vorhänge verraten euch. Habt ihr Schiss vor mir? Ich habe keine ansteckende Krankheit. Nur Hunger und Durst.

Zurück zur Flüchtlingssammelstelle konnte er auch nicht. Man würde ihn in seine alte Welt zurückschicken, weil er abgehauen war.

Das wäre mein Tod.

Heute war es unerträglich. In der Nacht hatte es zu regnen begonnen, und die Feuchtigkeit legte sich auf seine Kleider wie ein vollgesogener Teppich.

Meine Knochen knacken schon vor Kälte. Ich brauche dringend was zu essen, sonst geh ich kaputt.

Erneut stand er vor einer robusten, hölzernen Haustür, drückte auf die Klingel und senkte demütig den Kopf. Er wollte die Hausbewohner nicht gleich mit seinem fremden Gesicht erschrecken. Falls sie ihm überhaupt öffneten. Dabei fiel sein Blick auf seinen Handrücken, der mit unzähligen Narben durchzogen war, die von Folterungen herrührten. Der Dreck der letzten Tage hatte daraus kleine Landschaften gemalt, gerade so, als wäre er vom Pinsel eines Künstlers aufgetragen worden. Nur hieß dieser Künstler in seinem Fall Krieg. Er lächelte kalt.

Nicht gerade vertrauenerweckend. Wahrscheinlich würde ich mir in diesem Zustand selbst nicht die Tür öffnen.

Ein leises Quietschen ließ ihn aufhorchen, doch er war zu müde, um sich darum zu kümmern. Wie von einer fremden Macht gezogen war seine Hand zum Griff der Haustür gewandert.

Als ob die Tür sich durch einen Zauber von allein öffnen würde. Meine Brüder würden mich auslachen.

Wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt war dieses Monster von einer Hand, das jeden Augenblick die Tür sprengen und mich entführen konnte.

Bloß nicht ruckartig bewegen.

Aber mein Körper wollte mir nicht mehr gehorchen. Er zitterte immer stärker und war auf dem besten Weg, mich zu verraten. Als ein Sonnenstrahl auf die Klappe fiel, löste sich meine Erstarrung endlich. Ich schaffte es, den Briefkasten ohne einen Laut wieder zu schließen. Allerdings wusste ich nun nicht mehr, was sich draußen abspielte. So blieb ich reglos im Flur sitzen. Endlose Minuten verstrichen, während ich auf den Türknauf starrte und in meiner kleinen Horrorwelt gefangen war.

„Lass niemals Fremde herein.“ Mama, warum bist du nicht hier?

Nach einer Ewigkeit, in der sich mein Herz in einen Presslufthammer verwandelt hatte, bemerkte ich ein Geräusch. Jemand machte sich am Türschloss zu schaffen und dann bewegte sich die Tür ganz langsam.

Jetzt ist es also soweit. Aber wenigstens ist das Grauen dann vorbei. Vielleicht.

Alles war besser als dieses Entsetzen, das meinen Körper schüttelte. Ich konnte es nicht mehr ertragen, wie eine Maus in der Falle zu sitzen. Gebannt starrte ich auf die Haustür, durch die jetzt von draußen helles Licht eindrang.

Als Caven merkte, was er tat, zog er seine Hand schnell zurück. Wenn man ihn dabei beobachtete, wie er nach dem Türknauf griff, konnte man denken, er wolle bei den Leuten einbrechen. Dann würde man ihn einsperren, und das ertrug er nicht mehr.

Niemals mehr. Diese Schweine. Zu lange hat das Militär meine Eltern und mich weggesperrt. Man hat uns mit glühenden Stangen bearbeitet, damit wir den Aufenthaltsort meiner Brüder verraten. Auf unbestimmte Zeit sollten sie in unserer kaputten Heimat Eritrea Militärdienst leisten. Ohne einen Cent zu bekommen. Aber wir wussten nicht, wo die beiden waren. Vielleicht sind sie übers Meer geflohen und verstecken sich hier irgendwo. Wie ich. Falls sie noch leben.

Und dann befanden die Soldaten ihn als alt genug. Sie nahmen ihn mit in den Kasernenhof. Caven, „Aufgehende Sonne“, so hatten ihn seine Eltern genannt. Als man ihn zwang, bei ihrer Erschießung zuzuschauen, war er entkommen. Gerannt war er, immer der Sonne nach. Seine Eltern – Vergangenheit. Sie hatten ihm durch ihre Ermordung zur Flucht verholfen, hatten dafür mit ihrer Zukunft bezahlt. Ihre Zukunft gegen seine. So einfach war das. Einsamkeit umflutete ihn, aber dann riss er sich wieder zusammen.

Lieber hungrig und allein, aber frei. Keiner bestimmt mehr über mich.

Deswegen hatte er sich auch von der Sammelstelle davongeschlichen. Er wollte sein Leben selbst in die Hand nehmen. Allerdings wuchsen ihm mittlerweile Zweifel, ob ihm das gelingen würde.

Vielleicht sollte ich doch zurück. Dahin, wo man mich haben will. Todsicher wollen die mich.

Grimmig flüsterte er die Worte, als könne er dadurch die Zweifel in seinem Herzen wegblasen. Da nahm er aus dem Augenwinkel eine leichte Bewegung der Briefkastenklappe wahr. Ein einzelner Sonnenstrahl hatte sich auf dem Metall verirrt. Er spürte, dass er beobachtet wurde. Aber das war ihm egal.

Dringend an der Zeit, etwas zu essen zu bekommen.

Als er sich umdrehte um weiterzuziehen, sah er eine Frau auf sich zugehen. Sie kramte etwas aus ihrer Jackentasche. Verdammt.

Bestimmt zückt sie gleich ihr Handy und ruft die Polizei an.

Panisch überlegte er, was er tun sollte.

„Nix tun, ich gut - gehen.“ Automatisch hatte er seine Arme zur Abwehr nach vorne gestreckt und war im Begriff, Fersengeld zu geben.

Die Frau schaute ihn überrascht an. In ihrer Hand kam etwas zum Vorschein, das leicht glänzte. Es wurde von der Sonne angestrahlt, die endlich ein Einsehen mit seinem ausgekühlten Körper hatte. Es war ein Schlüssel. Dann sagte sie ein paar Worte, von denen er nur ein einzelnes verstand. Und das war so verlockend, dass er ihr folgte, als sie ihn heranwinkte. Nachdem sie aufgeschlossen hatte, stürzte ein kleines Mädchen auf die Frau zu und umarmte sie heftig. Die beiden begannen zu lachen. Mit dem Mädchen wehte eine Duftwolke dieses magischen Wortes auf ihn zu, die seinen Magen in Schwingung versetzte und seine Augen feucht werden ließ. Manche nennen diesen Duft, der um die Mittagszeit aus vielen Häusern dringt, schlicht „Essen“, aber für ihn bedeutete er „Frieden“.

Im Türrahmen stand der schattenhafte Umriss meiner Mutter umhüllt von einem Kleid aus Sonnenschein. Sie schaute mich erstaunt an, weil ich mit einem Satz aufsprang und in ihre Arme rannte. Da bemerkte ich einen Jugendlichen mit dunkler Haut und kohlrabenschwarzem Haar hinter ihr. Er war ganz schmutzig und schaute uns schüchtern an; seine vernarbten Hände hielt er vor seinem Bauch

„Na, na“, meinte Mama lachend, „ich war doch nur bei unserer Nachbarin und nicht auf dem Mond.“ Und mit einem Augenzwinkern merkte sie an: „Als ich mich eben mit Frau Engels unterhalten habe und den Jungen vor unserem Haus sah, dachte ich schon, unser Briefkasten hätte Augen bekommen. Aber du würdest ja nie einem Fremden öffnen, nicht wahr? Heute haben wir übrigens einen Gast zum Essen.“

Damals habe ich einen Freund gewonnen. Ab und zu schaut Caven vorbei und bringt mir eine süße Brezel mit. Er macht gerade eine Ausbildung in der Bäckerei Hoppe. Aber durch Briefkastenklappen schaue ich nie mehr.

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