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3. Platz:

Katrin Laskowski

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About a girl

Genre-Wettbewerb 2016 Runde 3

Das Urteil der Jury:

Lia Hansen, die Hauptfigur der Kurzgeschichte „About a girl“ ist vierzehn Jahre alt und „manchmal aus der Zeit gefallen“. Im langweiligsten Sommer ihres Lebens, wird sie vom Wechselspiel ihrer Gefühle abgetrieben und am anderen Ufer des Flusses wieder angespült. Drift an der Warthe, so hieß das Nest, in dem ich den Rest meiner Ferien verbringen sollte. Langweilig, langweiliger, am langweiligsten. Doch am Ende wird aus dem langweiligen Sommer die aufregendste Zeit ihres Lebens.

Es gelingt der Autorin Katrin Laskowski ausgezeichnet, den Zauber der ersten Liebe und den rasanten Stimmungswechsel ihrer 14-jährigen Protagonistin, der von abgrundtiefer Betrübtheit bis hin zu himmelhochjauchzender Freude reicht, mit ausdrucksstarken Bildern darzustellen. Die Kurzgeschichte „About a girl“ wirkt auf die Leser ebenso leicht, beschwingt, heiter, beflügelt und glückselig wie die Gefühle der pubertierenden Icherzählerin Lia Hansen für die das Ende der zivilisierten Welt genau hier lag, wo es noch nicht einmal ein Netz gab und die am Ende – durch die Begegnung mit dem 15jährigen Nick – wieder sicheren Boden unter den Füßen bekommt.


About a girl

Ein schriller Pfiff ertönte, und ein blauer, schillernder Vogel, kleiner als ein Spatz, sauste über den Bach.

Er ließ mich kurzzeitig vergessen, wie öde es hier war. „Ein Eisvogel“, sagte Mama. „Ein Juwel des Himmels. Glitzernd wie ein Diamant. Ich habe schon so lange keinen mehr gesehen. Ist es nicht wunderschön hier, Lia?“

Der Zauber war verflogen. Ich nickte ohne Überzeugung, ich wollte Mama nicht enttäuschen. In diesem Moment hätte ich mit Papa und seiner neuen Freundin am Pool liegen können. Auf einer Insel im Mittelmeer, umgeben von fröhlichen, braun gebrannten Menschen statt von Eisvögeln.

Doch ich wollte Mama nicht im Stich lassen. Sie hatte so viel geweint in den letzten Wochen, ich war voller Sorge, sie könnte sich in diesem verlassenen Bootshaus am Ende der Welt etwas antun. Und nun? Alles hatte sich ins Gegenteil verkehrt. Mama wirkte ausgeglichen und fröhlich wie lange nicht mehr, während ich immer griesgrämiger wurde. Missmutig, übellaunig, verdrossen, gereizt, ich liebe solche antiquierten Wörter.

„Du bist in der falschen Zeit geboren“, behauptet meine Freundin Anne an solchen Stellen immer. Griesgrämig traf allerdings exakt meinen derzeitigen Gefühlszustand. „Ohne ersichtlichen Grund schlecht gelaunt, unfreundlich, mürrisch und dadurch eine Atmosphäre der Freudlosigkeit und Unlust verbreitend“. So beschreibt es der Duden.

Vielleicht besuchten uns nachher ein paar Ringelnattern oder ein paar Enten. Auf andere Gäste konnten wir nicht hoffen, denn die Siedlung war wie ausgestorben. Drift an der Warthe, so hieß das Nest, in dem ich den Rest meiner Ferien verbringen sollte. Langweilig, langweiliger, am langweiligsten. Gäbe es noch eine vierte Steigerungsstufe, dann müsste sie Drift heißen. Mindestens. Das Ende der zivilisierten Welt lag genau hier, wo es noch nicht einmal ein Netz gab.

Trotzdem war ich froh, dass ich mein Smartphone dabei hatte. Dort war der komplette Duden abgespeichert und jede Menge Musik. Musik aus der „Steinzeit“ natürlich, wie meine Freundin Anne meint. Kurt Cobain und Nirvana. Vergangenes Jahrtausend.

Meine Liebe zu alten Wörtern und Kurt Cobain habe ich von Papa mitbekommen. Er hat uns verlassen, Mama und mich, und manchmal hasse ich ihn dafür. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich, wie ähnlich ich ihm bin mit meinen limonengrünen Augen und dem dunkelblonden, dichten Haar, das ich am liebsten hochstecke. Dann möchte ich mich auch hassen, aber ich kann es nicht. Weder das, was er mir beigebracht hat noch das, was ich bin. Lia Hansen, vierzehn Jahre alt und manchmal aus der Zeit gefallen. Im langweiligsten Sommer meines Lebens.

Mama döste auf dem Liegestuhl und ich sprang vom Steg hinunter in das kühle Wasser und schwamm flussabwärts. Die Strömung der Warthe war ziemlich stark, sie machte es mir leicht voranzukommen. Bald legte ich mich auf den Rücken, schloss die Augen und ließ mich vom Wasser tragen. Die Sonne brannte in mein Gesicht.

Als ich die Augen wieder öffnete, war ich schon so weit abgetrieben, dass ich das Bootshaus nicht mehr sah. Die Uferlandschaft an den Seiten des Flusses erschien mir vollkommen fremd. Ein Anflug von Panik stieg in mir hoch, ich unterdrückte ihn rasch. Es gab nichts zu befürchten. Wenn ich flussaufwärts schwamm, an der nächsten Biegung vorbei, würde ich mich wieder zurechtfinden. Doch gegen die Strömung hatte ich keine Chance. Ich schwamm mit letzter Kraft ans Ufer.

Barfuß an einem Flussufer entlang zu marschieren, ist kein Spaziergang. Es war fast so schlimm, als würde ich über glühende Kohlen laufen. Brennnesseln und dichtes Gestrüpp machten das Weiterkommen fast unmöglich. Hatte ich jemals geglaubt, ich würde mich in diesem Sommer zu Tode langweilen? Davon konnte jetzt nicht mehr die Rede sein. Komischerweise gefiel mir das aber auch nicht. Lieber hätte ich die Langeweile in Kauf genommen.

Und nun erwartete mich auch noch ein breiter Schilfgürtel. Ich betrachtete meine Füße. Sie waren rot und so angeschwollen, dass mir wahrscheinlich kein einziger Schuh mehr passen würde.

Ich arbeitete mich durch das Schilf. Endlich erblickte ich etwas, das mein Herz vor Aufregung schneller schlagen ließ. Ein Boot. Ein kleines, altes Ruderboot, das offenbar niemandem gehörte. Es schien funktionstüchtig zu sein und die Ruder waren auch noch da. Ich überlegte, ob es kriminell war, wenn ich es mir kurz ausleihen würde.

Plötzlich ein Rascheln im Schilf. Jemand klopfte mir auf die Schulter. „Was machst du denn da?“

Ich fuhr herum, und meine Knie wurden weich. Nicht nur, weil ich mich ertappt fühlte. Da stand der Junge meiner Träume, und ich sah aus wie eine Vogelscheuche. In meinem Kopf klickte ein Schalter und schon begann er zu leuchten wie eine Glühbirne. Es war so peinlich, dass ich kein Wort herausbrachte.

„He, hat’s dir die Sprache verschlagen?“

„Nein“, krächzte ich und dachte: „Aber mein Verstand wurde ausgeschaltet. Eben gerade.“ Verstand aus, Glühbirne an, roter Kopf und butterweiche Knie. So schnell ging das. Genau wie der Junge vor mir musste Kurt Cobain ausgesehen haben, als er noch ein Teenager war. Fünfzehn oder sechzehn Jahre alt vielleicht. Das Nirvana, unerreichbar für mich. Er trug eine Kameratasche über der Schulter, und ich fragte mich, wozu man in dieser gottverlassenen Gegend eine Kamera brauchte.

Langsam fand ich meine Sprache wieder. „Ich habe mich verirrt.“

„Verirrt? Im Schilf?“ Er sah mich an, als prüfte er, ob ich eventuell schwachsinnig sein könnte, und weil mir nichts Besseres einfiel, reagierte ich mit einer Gegenfrage.

„Wie bist du eigentlich hier hergekommen?“

„Ich hab ein Rascheln im Schilf gehört. Ich dachte, es könnte ein Fischotter sein oder so was. Wir zelten hier, ganz in der Nähe.“

„Ihr zeltet hier? Freiwillig? In dieser Einöde?“

Wieder sah er mich prüfend an. Diesmal nicht wie eine Geisteskranke, sondern wie jemanden, der einen gerade tief enttäuscht. Am liebsten hätte ich die letzten Worte wieder in meinen Mund zurückgestopft. Doch das ging leider nicht. Und so lächelte ich ihn standhaft an und hoffte, dass sich unser Gespräch irgendwann zu meinen Gunsten drehen würde. Ich konnte ja nicht immer nur Minuspunkte sammeln.

„Es ist ein Filmcamp“, erklärte er. „Wir drehen Naturfilme. Und eigentlich finde ich es hier ziemlich cool. Ich habe schon einen Eisvogel gefilmt.“

„Ich hab vorhin einen gesehen“, sagte ich. „Mama meint, er sieht aus wie ein fliegender Diamant. Oder ein Himmelsjuwel.“

Mama, na klar. Ich ritt mich immer tiefer hinein. Der Junge vor mir musste mich mittlerweile nicht nur für oberflächlich, sondern auch noch für ein hirnloses Baby halten.

Doch entgegen meiner Erwartung schien Kurt, oder wie immer er heißen mochte, ganz begeistert zu sein. „Das muss ich mir merken. Ich brauche noch einen Filmtitel. Ein Juwel des Himmels. Hört sich toll an!“

Ich merkte, wie ich trotz des herrlichen Sonnenscheins zu zittern begann. Wenn das so weiterging, würde ich krank werden, noch bevor ich den bestaussehenden Jungen unseres Planeten näher kennenlernen konnte. Vermutlich hatte ich eh keine Chance bei ihm.

„Hilf mir, das Boot ins Wasser zu lassen!“, bat ich.

„Ist das deins?“

„Ich bringe es wieder zurück, das schwöre ich.“

„Was willst du denn damit?“

„Zurück in unser Ferienhaus. Ich muss flussaufwärts rudern.“

„Flussaufwärts?“ Ich wusste, was er dachte. Das schafft die nie. Ich glaubte ja selbst kaum daran, so schwach, wie ich mich fühlte.

Endlich fragte er: „Wie heißt du eigentlich?“

„Lia“, antwortete ich. „Und du?“

„Nick. Wir haben Fahrräder im Camp, Lia. Du könntest mitkommen und dir eins ausleihen. Das ist leichter, als gegen die Strömung zu rudern. Ein Paar Schuhe finden wir auch noch für dich. Oder besser, ich begleite dich und liefere dich persönlich bei deiner Mutter ab. Du siehst ziemlich …“ Er musterte mich abschätzend, als fiele ihm das richtige Wort nicht ein.

„… mitgenommen aus?“, half ich vorsichtig.

Er sagte: „Genau. Mitgenommen. Also, Lia, wie findest du meinen Vorschlag?“

„Hört sich gut an!“

„Na dann! Wenn du einen Moment Zeit hast, ich muss den Film noch voll kriegen. Warte auf mich! Dauert nicht lange.“

Beinahe lautlos verschwand er im Schilf.

Mir aber wurde plötzlich ganz warm ums Herz, und diese Wärme breitete sich in meinem ganzen Körper aus und sorgte dafür, dass ich zu zittern aufhörte. Ich fror nicht mehr und fühlte mich ganz beschwingt. Leicht, schwungvoll, heiter, beflügelt. Glückselig.

Vielleicht würde dieser Sommer gar nicht der langweiligste, sondern der aufregendste meines Lebens werden.

Ich begann leise zu summen. „About a girl“.

Was für ein Tag!

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