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1. Platz:

Iris Schoell

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Eine Runde weiter

Genre-Wettbewerb 2017 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Zwei Jugendliche, Zwillinge, aus ärmlichen Verhältnissen bekommen die Chance aufs Gymnasium zu gehen. Schon baut sich die erste Hürde auf: 100 Euro Büchergeld sollen sie mitbringen. Sie wissen: Zuhause brauchen sie damit gar nicht erst anzukommen. Was nun folgt ist eine Geschichte, die halb komisch ist, halb berührend. Iris Schoell erzählt sehr lebendig in wörtlicher Rede, teils Dialekt, in erlebter Rede, in abgemildertem Jugendjargon, lässt sich total auf die Perspektive der Kinder ein. Das hat etwas erfrischend Tom-Sawyer-haftes. Besonders gut: Die Pointe!


Eine Runde weiter

Als sie das Schulgebäude verließen, knallte ihnen die schwüle Luft entgegen, irgendwo weiter weg donnerte es schon. Schnell schnappten Tessa und Tom sich ihre Räder und gaben Gas. Sie hatten gar keine Lust, klatschnass zu werden.
Heute waren sie den ersten Tag im Gymnasium gewesen und schon hatten sie das Mega-Problem. Jeder sollte 50 Euro für Bücher mitbringen, also 100 Euro für sie beide, woher sollten sie die nehmen? Tessa stellte sich Papa vor, wie er den Kopf schütteln würde: „Das Geld habn wa nicht, bin schon froh, wenn's fürs Essen reicht bis Ende des Monats.“
Er würde sie sofort wieder von der Schule abmelden. Und Tom und sie hätten schon verloren, noch bevor es überhaupt richtig angefangen hatte.

Nämlich die Wette verloren, die Tessa vor den Sommerferien angezettelt hatte. Sie erinnerte sich noch haargenau an das „Eltern-Schüler-Lehrer-Gespräch“.
Die Lehrerin hatte ihnen gesagt, dass sie aufs Gymnasium sollten. Ihr Vater hatte nur gelacht: „Soll det en Witz sein?“ Aber Frau Schneider hatte keine Miene verzogen.
„Ganz und gar nicht. Sie haben doch sicher die Klassenarbeiten Ihrer Zwillinge gesehen, alles Einsen!“
Tessa erinnerte sich noch Papas verblüfften Blick.
„Det schafft ihr nich‘, det Gymnasium!“, platzte er heraus.
„Wieso denn nicht?“, rief sie damals.
„Da müsst ihr jeden Tach stundenlang pauken. Und du, Tessa, kannst ja nich‘ mal mehr 10 Minuten stillsitzen.“
„Dann lern‘ ich‘s eben!“
Er verschränkte die Arme: „Ick wüsste nich‘, wat meene Kinder im Jymnasium sollen.“
„Ihre Kinder haben das Zeug dazu, sich einen guten Schulabschluss zu erarbeiten, um später einen guten Beruf zu bekommen.“ Frau Schneider wackelte mit dem Bleistift in ihrer Hand.
„Wie meinen Se das, im Jegensatz zu mir, oder wat?“, entgegnete Papa.
„So war das nicht gemeint.“ Frau Schneider blieb ruhig, aber ihr Fuß wippte: „Wenn Sie das so sagen ... vielleicht hatten Sie als Schüler bloß nicht die Unterstützung ihrer Eltern.“
Papa rutschte auf seinem Stuhl hin und her. „Det mag ja sein, dass meene Kinder schlau sind“, lenkte Papa ein und auch irgendwie ab. „Aber ick kann nich‘ helfen mit Lateinvokabeln. Ick arbeete Nachtschicht.“
„Sie müssen nicht Latein können. Unterstützen Sie Ihre Kinder mit Ihrem Vertrauen. Tom und Tessa haben die Schule bisher auch gut allein gemeistert.“
Da hatte Papa ein bisschen so geguckt, wie wenn er vom Küchenfenster aus beobachtet, dass Tom im Hinterhof das Wettrennen gegen Lars und Marvin gewinnt. Aber dann war sein Lächeln wieder verschwunden, und nach einer kurzen Pause versuchte er es in ordentlichem Deutsch: „Das is‘ nicht so einfach. Gymnasium ist nicht unsere Welt.“ Und zu Tessa und Tom: „Ihr Kids kennt dort keenen, eure Kumpels sind alle hier aus‘m Kiez.“
„Dann lernen wir eben neue kennen. Und die Freunde von hier werden uns schon nicht weglaufen“, entgegnete Tessa schnell. Ihr war selbst nicht mehr klar, was sie geritten hatte. Sie wartete darauf, dass Tom sie trat, damit sie aufhörte. Aber der kaute nur auf seiner Unterlippe und nickte langsam.
„Probiert‘s doch aus, wenn ihr unbedingt wollt“, seufzte Papa schulterzuckend. „Aber ick wette, dass ihr noch im ersten Jahr raus fliegt.“ Er grinste herausfordernd.
Ok, dachte Tessa, und spürte dieses Kribbeln. Sie rief:
„Wir wetten dagegen! Oder Tom?“ und streckte ihrem Vater ihre Hand entgegen und guckte zu Tom.
Tom sah von einem zum anderen und brauchte eine halbe Ewigkeit, bis er sagte: „Klar ... äh, wetten wir dagegen.“ Und er grinste Tessa an und hielt seine Hand daneben: „Um ein neues Fahrrad für jeden von uns!“
Vater schluckte, aber grinste dann auch und sagte: „Een neues jebrauchtet für jeden von euch.“ Und schlug ein.

So war das gelaufen, letztes Schuljahr. Und heute: 100 EUR Büchergeld. Damit waren sie durchgefallen, noch vor der ersten Klassenarbeit. Tessa war ganz schlecht.
Sie radelten schweigend weiter, die ersten Regentropfen platschten auf die Straße. Tessa fuhr ein Stück freihändig und zerrte den Reißverschluss ihrer Jacke hoch.

„Die anderen Jungs in der Klasse sahen nicht so aus, als wäre das Büchergeld ein Problem für sie. Die trugen alle neue Nikes“. rutschte es Tom raus.
„Wir können ja den Frank von nebenan bitten, ob er uns etwas leiht“, sagte Tessa nachdenklich.
„Aber 100 Euro ist richtig viel, das hat auch der nicht übrig.“
„Oder wir fragen viele einzelne Nachbarn, ob jeder uns nur einen Euro dazugibt.“ Tessa musste fast schreien, damit Tom sie verstehen konnte. Sie fuhr hinter ihm, weil jetzt der Radweg mit dem Gegenverkehr begann.
Tom drehte sich kurz zu ihr nach hinten: „Aber, Frau Superhirn, dann müssten wir 100 Nachbarn fragen. So viele Leute kennen wir gar nicht.“
Stimmt. Mal ganz abgesehen davon, dass die auch alle Lust haben müssten, sie zu sponsern.
„Außerdem ist das betteln. Das geht so gar nicht“, rief Tom zu ihr nach hinten. Es prasselte jetzt richtig. „Wollen wir uns unterstellen?“, fragte er. Die Haare klebten ihm im Gesicht.
„Nö, ich will lieber schnell nach Hause kommen.“ Tessa grübelte weiter: „Wir müssen Geld verdienen.“
„Ach was. Aber wie?“
„Wir könnten Frodo ausführen.“
„Aber Frank geht selbst gern mit ihm spazieren, das hat er doch gesagt.“
Sie fuhren schweigend weiter. Nur Tessas Fahrradkette quietschte.
Tessa schlug vor: „Wir könnten etwas verkaufen. Alte Spielsachen oder so.“
„Haben wir schon mal gemacht, falls du dich erinnerst, und genau 7,35 Euro eingenommen.“
„DANN HAB‘ DU doch mal eine Idee! Mach einen besseren Vorschlag. Aber bitte bald, wir brauchen das Geld nächste Woche.“ Sie biss sich auf die Lippe. Mist, sie war richtig laut geworden. Das letzte, was sie jetzt auch noch brauchte, war Zoff mit Tom.
Tom drehte sich erschrocken zu ihr um und fuhr im selben Moment fast in eine Plakatwand. Er bremste scharf und kam zum Stehen. Sein Blick blieb an dem Plakat vom Zirkus Roncalli hängen.
„Hey“, rief Tom, „Wir könnten doch jonglieren, in der Fußgängerzone.“
Tessa bremste neben ihm. „Meinst du? Das können wir zwar nur mit drei Bällen, aber vielleicht reicht es ja, dass die Leute uns etwas Geld geben.“
Der Regen ließ nach. Die Luft roch so frisch wie Erdbeeren.
„Ja, das könnte klappen“, sagte Tessa. „Die Idee hätte von mir sein können“, sagte sie grinsend und stieß ihren Bruder freundschaftlich in die Seite. „Aber dann gleich heute Nachmittag.“
Tom nickte und sie radelten schnell nach Hause.

Nachmittags stellten sie sich vorm Kaufhof auf, und packten umständlich Bälle, CD Player und eine Basecap für das Geld aus. Tessa guckte sich um. Irgendwie auch peinlich hier zu stehen. Aber Tom hatte sich schon einen Ruck gegeben und warf gekonnt seine drei Tennisbälle in die Luft. Die Musik aus dem Player klang zwar viel quäkiger als zu Hause, aber es reichte, dass die Leute neugierig von der anderen Straßenseite zu ihnen hinüber kamen. Mütter mit kleinen Kindern kramten dicke Portemonnaies raus und warfen ein paar Münzen in die Kappe.
Als Tessa und Tom abends die Hände, die Füße und eigentlich alles weh taten, machten sie Schluss. Sie fuhren müde nach Hause, um ihre Beute zu zählen. „102,40 EURO. Wahnsinn! Das ist reicht genau! Megacool.“ Tessa fühlte sich ganz leicht.
„Weil du auch erzählt hast, dass wir für unser krankes Meerschweinchen sammeln, auf so etwas kommst auch nur du!“ grinste Tom.

Lachend betraten sie am Montag das Klassenzimmer. Da kam Alexander aus ihrer Klasse mit zwei Freunden auf sie zu, zeigte mit einem Kopfnicken zu ihnen, und sagte ganz laut: „Die beiden habe ich am Freitag in der Fußgängerzone betteln sehen! Voll peinlich!“ Er guckte an ihnen hinunter: „Wolltet ihr euch mal richtige Turnschuhe gönnen? Und weil eure Eltern kein Geld haben, schicken sie euch zum Betteln!“ höhnte er und seine Freunde grinsten.
Tessa spürte, wie sie rot wurde. Aber, wie sagte Papa immer: Angriff ist die beste Verteidigung. Sie fuhr Alexander an: „Wir haben nicht gebettelt. Wir haben uns Geld mit unserer Jongliershow verdient. Wahrscheinlich würdest DU keinen Euro zusammenbekommen.“
„Muss ich auch nicht, wir haben genug Geld zu Hause!“
„Ach, und kannst du auch selbst irgendwas? Ohne Mami und Papi?“ Tom ging zwei Schritte auf ihn zu. Die halbe Klasse stand mittlerweile um sie herum.
„Oder brauchtet ihr Geld für `nen Friseurtermin?“ bohrte Alexander weiter.
Plötzlich hörten sie die tiefe Stimme des Lehrers: „Was ist hier los?“
„Nichts. Alexander versucht witzig zu sein. Nur leider lacht keiner.“ Tessa warf Alexander ihren bösesten Blick zu und ging zu ihrem Platz.
Der Unterricht begann. „Holt die Arbeitsblätter heraus und löst die Aufgaben.“, sagte der Lehrer, „In der Zwischenzeit sammle ich das Büchergeld ein. Ich werde euch einzeln aufrufen. Los gehts. Blank, Tessa?“
Mist! Jetzt erst fiel ihr auf, was sie vergessen hatte. Verdammt! Langsam ging sie mit ihrer Tasche nach vorn. Sie zerrte den kleinen, schweren Plastikbeutel hervor. Voller Münzen.
Tessa konnte die Blicke der Schüler spüren.
„100 EUR für Tom und mich. Tut mir leid, ich konnte es nicht mehr in große Scheine wechseln.“
Alles megapeinlich.
Aber eine Runde weiter.

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