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Frau Herr
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2. Platz:

Birgit Hörner

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Es ist nicht, wie du denkst

Genre-Wettbewerb 2017 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Kindesmissbrauch durch den eigenen Vater. Ein schwieriges und ernstes Thema, bei dem die Autorin / der Autor vor der Frage steht: Wie, verdammt, bringt man das rüber, ohne zu traurig, pathetisch oder kitschig zu werden. Das ist Birgit Hörner erstaunlich gut gelungen. Die Geschichte berührt, ohne „anzufassen“. Noch dazu beginnt sie hinterlistig normal: Eine junge Frau im Zug, die sich über das rücksichtlose Verhalten einer Person auf dem Sitz vor ihr ärgert, aber nichts dazu sagt. Dann wird eine Erinnerung ausgelöst, die Fahrt aufnimmt, wie der ICE, indem die Frau sitzt.


Es ist nicht, wie du denkst

6.10 Uhr. Montag. Mit einem Klacken fällt die Schranke. Die Lichter des Zuges kommen näher, der Zug fährt ein, pünktlich hält er. Ein Zischen. Die Türen öffnen sich piepsend. Bitte beachten sie den Abstand zwischen Zug und Bahnsteigkante, ertönt die Stimme aus dem Lautsprecher. Es ist eiskalt.
Jasmin hat die Mütze tief in die Stirn gezogen, den warmen Schal mehrmals um ihren Hals geschlungen. Nur die Augen und die Nase sind zu sehen. Sie klappt den Kragen ihres Mantels hoch, versinkt im wärmenden Stoff und verlässt das Wartehäuschen.

Die Fahrgäste steigen in den Waggon ein, der vor ihnen hält. Ein blasser Herr mit Aktentasche hebt sein Fahrrad an, schiebt es in den Zug und bleibt daneben stehen, um es während der Fahrt festzuhalten. Jasmin wendet sich nach links und läuft ein Stück nach hinten. Der letzte Wagen ist leer, immer um diese Zeit. Ein Mädchen folgt ihr und betritt hinter ihr das Abteil. Jasmin hat sie noch nie gesehen. Sonst nimmt sie nicht diesen Zug.

Wie immer setzt sich Jasmin auf die Zweierbank, hinten links ohne Sitzplätze gegenüber. So ist sie ungestört. Ihre Handtasche, den Beutel mit den Butterbroten, dem Apfel und ihren Tee für die Frühstückspause, stellt sie auf den freien Platz neben sich. Besetzt! Such dir einen anderen Platz! Das Signal ist eindeutig. Das Mädchen setzt sich in die Reihe vor ihr. Zu nah, denkt Jasmin, warum ausgerechnet genau vor mir, wo doch überall Platz ist? Aber das Mädchen scheint sich keine Gedanken über ihre Platzwahl zu machen. Sie schaut nur auf ihr Handy.
Jasmin fühlt sich unbehaglich, gestört.

Niemand sonst steigt zu. Später aber werden die anderen Sitze besetzt sein.
Durch den Spalt der Sitze sieht Jasmin die Hände des Mädchens. Ihre Daumen sausen über das Display ihres Handys, bevor sie sich auf ihrem Platz eingerichtet hat. Sie liest und schreibt, lacht kurz auf, schreibt erneut.

Jasmin zieht Mantel und Mütze aus, legt beides auf die Taschen und kramt nach ihrem Buch. Sie ruckelt sich in ihrem Sitz zurecht, schlägt ihren Roman auf und beginnt zu lesen. Unzählige Bücher hat sie auf dem Weg zur Arbeit und zurück schon verschlungen. So bleibt sie für sich, muss mit niemanden sprechen.

In etwas weniger als einer Stunde wird sie an der Konstabler Wache aussteigen. Dann sind es nur zehn Minuten zu Fuß ins Büro.

Jasmin kommt früher als die anderen, entzieht sich dem morgendlichen Hallo, dem Austausch von Neuigkeiten und dem allgemeinen Kaffeetrinken. Sie setzt sich an ihren Schreibtisch, fährt den PC hoch, zieht ihre Thermoskanne aus der Tasche und trinkt eine Tasse Tee. Dann liest sie ihre Mails.

Die Jugendliche vor ihr legt ihr Handy zur Seite und entledigt sich jetzt auch ihrer Jacke. Sie wirft sie über die Rückenlehne des Sitzes neben sich. Kunstleder mit einem üppigen Kaninchenfell an der Kapuze. Jasmin starrt darauf, ist irritiert. Sie weiß nicht warum, aber ihr Herz holpert. Sie senkt den Blick und versucht, wieder in ihr Buch einzutauchen. Es geht nicht, sie ist unkonzentriert, irgendwie verstimmt. Der Mantel! Sie muss immer wieder hinsehen und auf die Kapuze starren.

Langsam füllt sich der Zug. Niemand spricht, nur Geräusche von Taschen und Tüten, ab und an ein Räuspern, ein Husten oder ein Schnäuzen sind zu hören, hier und da Reißverschlüsse, die auf und zu gezogen werden. Die Pendler bringen Kälte von draußen rein. Der Geruch von Knoblauch, intensivem Parfüm und Schweiß einer beleibten älteren Dame, verschreckt Jasmins Geruchsnerven für kurze Zeit. Jasmin reibt sich die Nase.

Je mehr sich das Abteil füllt, umso anonymer wird die Atmosphäre. Der Zugschaffner kontrolliert die Fahrkarten. Jasmin kontrolliert er nicht, er kennt sie, weiß, dass sie eine Fahrkarte hat. Er nickt ihr kurz zu und geht zum nächsten Fahrgast. Bis zur Ankunft in Frankfurt wird er noch vier Mal das Abteil betreten, um die Tickets der Zugestiegenen zu entwerten.
Erneuter Leseversuch.

Das Handy des Mädchens ertönt. Der Rufton ist unangenehm, schrill, tut weh in den Ohren.

„Hallo Nicole, gut, dass du anrufst. Ich hätte mich auch gleich bei dir gemeldet“.
Sie redet laut, jeder kann mithören.
Jasmin drückt sich tiefer in ihren Sitz. Der Typ mit der Zeitung auf den Beinen, auf der anderen Seite des Gangs, schaut missbilligend zum Mädchen. Dann kramt er in seiner Jackentasche und wird fündig. Er steckt sich Kopfhörer in die Ohren, verbindet das Kabel mit seinem Mobiltelefon, lehnt sich zurück und schließt die Augen.

„Ja, mir geht es gut ... nein, das war halb so schlimm, ich hatte Magen- Darmgrippe, hab die halbe Nacht auf dem Klo verbracht und mehrmals gekotzt.“

Das will ja nun auch keiner wissen, denkt Jasmin und verzieht ihr Gesicht. Kopfhörer, sie muss ihre dringend in die Tasche stecken.

Das Mädchen lacht laut auf. „Voll cool, woher weißt du das?... Ne, das hab ich dir doch versprochen ... Welcher Typ? ... Ja, der is‘ voll süß, der hat so niedliche Reh-Augen, aber geht der nicht mit Julia?“

Oh Gott, denkt Jasmin. Jetzt hör auf, da hinzuhören, lies einfach, befiehlt sie sich selbst. Sie schaut ins Buch, liest ohne zu lesen. Gibt auf. Ihr Blick bleibt erneut am Fellkragen hängen, ihre Ohren an der durchdringenden Stimme.

„He, jetzt hör aber mal auf..., nein, da is' wirklich nichts gelaufen“, das Mädchen kichert. „Glaub mir … es ist nicht, wie du denkst“

Es ist nicht, wie du denkst! Jasmin durchzuckt es. Augenblicklich fängt ihr Herz an, wie wild zu schlagen. Sie legt die Hände auf die Brust, kann kaum atmen. Das Buch rutscht ihr von den Beinen, fällt geräuschvoll vor ihre Füße.
Ein Rauschen. Bilder, unscharf, aus der Tiefe, längst vergessen geglaubt. Es ist nicht, wie du denkst! Wieder Bilder, jetzt schärfer, ein Stuhl fällt krachend um, ein unterdrückter Aufschrei. Ihre Eltern, Streit, Mutter weint, ihr Kinderzimmer, Dunkelheit. Nur durch den Türspalt am Boden dringt ein schwacher Lichtstrahl. Sie zieht die blaue Decke über ihr Gesicht, will Mamas Schluchzen nicht hören, nicht Papas raue Stimme. Vater, manchmal kommt er, nennt sie Püppi, meine Püppi. „Mir ist so kalt. Komm, wärme mich!“
Im Haus ist alles ruhig, nur die Tauben gurren und schaben. Sie muss die Arme um Papa legen. Papa drückt sie fest an sich. Die Tauben sind auf dem Dachboden über ihrem Zimmer.
Tauben, Papas Hobby. Oft darf sie die Tauben füttern.
Die blaue Decke bewegt sich. Gleichmäßig. Papa atmet schwer. Ulla mit den Glasaugen starrt von der Kommode zu ihr herüber.
Ulla sieht alles, mit Ulla kann sie reden, Ulla kann sie trösten, aber Ulla kann nicht helfen. Sie starrt nur.
Schatten an der Wand, die Schultasche, rosa mit Lillifee, die Jacke mit der Fellkapuze. Kaninchenfell, ganz weich, wenn es durch die Finger gleitet. Ein Geschenk von Papa.

„Wie, is‘ weg?... einfach verschwunden? ... „Das kann doch aber nicht sein, bist du sicher? Ey Nicole, du redest jetzt keinen Mist, oder?“

„Vater ist weg“, sagte Mutter, sonst nichts. Alles blieb unausgesprochen, tief in ihr vergraben. In ihr und in ihrer Mutter.
Jasmin keucht, glaubt ersticken zu müssen, ihr Herz rast jetzt.

„Wieso?.... Ne, ich bin im Zug, auf den Weg zur Arbeit“.

„Arbeit, Arbeit“, flüstert Jasmin, „denk an die Arbeit!“
Heute ist viel zu tun. Ihr Chef will heute Ergebnisse sehen. Da wird im Büro ordentlich was los sein. Ihr Schreibtisch steht in einer Ecke, sie ist eine von vielen. Trennwände zwischen den Arbeitsplätzen. Neonlicht, blauer Teppichboden. Telefone klingeln, Tastaturen klappern.

„Geht nicht, ich kann erst später, ich muss noch einkaufen“, das Mädchen seufzt.

Einkaufen. Ja, nach der Arbeit wird sie einkaufen gehen. Mutter hat Geburtstag, sie braucht ein Geschenk. Ein Buch? Nein, besser Musik. Mama hört gerne Musik, wenn sie Musik hört, wird sie fröhlich. Mama soll fröhlich sein. Mama ...
Schmerzen in der Brust, jetzt überall, brennend. Jasmin möchte schreien.

Mama, sie weint noch immer.
„Du Schwein“, sagt sie, „wie kannst du nur!“
„Halt die Klappe, Irene, du bist ja vollkommen verrückt geworden!“. Papa ist wütend.
„Lass mich los“, heult Mama, „du tust mir weh!“
„Was unterstellst du mir“, Papas Stimme wird bedrohlich. „Frag sie doch, los mach schon, weck sie auf. Du wirst schon sehen. Es ist nicht, wie du denkst!“
Mama schluchzt, haltlos.
Ich hab dich lieb Mama. Nicht weinen!
„Es ist nicht, wie du denkst!“ Er brüllt. Eine Tür knallt zu.
Stille. Nur das Gurren und Mamas Wimmern.
Doch, denke ich, es ist, wie du denkst! Mama, es ist, wie du denkst! Bitte! Bitte!
Das Versprechen. Ich darf Mama nichts sagen.
„Das ist unser Geheimnis, Püppi, du willst doch nicht, dass Papa böse auf dich wird?“

„... mach dir keine Gedanken, ich besuch' dich morgen, und Nicole, es ist wirklich nicht, wie du denkst. Tschüssie, bis morgen“.

Jasmin springt auf. Ihr Kopf dreht sich, sie zittert. Ihr ist heiß, sie sieht rot.
„Und es ist doch, wie man denkt!“, brüllt sie das Mädchen an. „Es ist immer, wie man denkt!“ Ihre Stimme überschlägt sich, Tränen laufen über ihre Wangen.
Der Zug hält. Jasmin rauft ihre Sachen zusammen, das Buch bleibt liegen, unter dem Sitz. Sie steigt aus, drei Haltestellen zu früh.

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