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3. Platz:

Linda König

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Blaue Lilien

Genre-Wettbewerb 2017 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Ideal für eine klassische Kurzgeschichte: es gibt weder Zeit- noch Ortswechsel. Alles, was man wissen muss, erfährt man bei einer Autofahrt, in einem unterbrochenen Dialog.

Die Mutter liegt im Koma ohne messbare Gehirnströme, die Tochter möchte die Geräte abschalten lassen, der Sohn nicht. So viel Geschichte, so viel Gefühl auf drei Seiten findet man selten, dabei ganz ruhig. Linda König gelingt eine Gradlinigkeit des Erzählens, die sich hinter scheinbar zufälligen Handlungen und Beschreibungen tarnt. Selbsterlebt? Könnte sein, man weiß es nicht. Die Autorin erzählt schlicht, aber doch raffiniert.


Blaue Lilien

Der Regen trommelt auf das Dach des Autos, das die schmale Landstraße entlang braust. Lea starrt aus dem Fenster, weite Wiesen erstrecken sich vor ihren Augen. Sie fröstelt und zieht die Weste enger um ihre Schultern. In den letzten Tagen hat der Herbst seine Finger ausgestreckt, die Blätter der Bäume in bunte Farben getaucht und die warme Sommerluft kalt aus den Straßen gefegt. Sie hätte ihren Mantel mitnehmen sollen. Lea lehnt ihren Kopf an das schwarze, weiche Leder des Sitzes. Der Geruch von kaltem Rauch hängt in der Luft. Sie erinnert sich daran, wie ihre Mutter vor langer Zeit stolz einen neuen Wagen vor die Haustür gefahren hatte. Sie liebte den Duft der frisch überzogenen Sitze, auch wenn sie nie gewusst hatte, was ihn erzeugte. Jetzt ist sie froh, dass er von Marlons Zigaretten übertüncht wird.
Ihr großer Bruder sitzt am Steuer und blickt starr nach draußen. Die Scheibenwischer sind beinahe machtlos gegen die Tropfen, die immer schneller auf das Glas prasseln. Seit einer Stunde hat keiner von ihnen ein Wort gesagt.
Sein Bart ist gewachsen, seitdem sie ihn das letzte Mal gesehen hat, doch seine hellbraunen Locken sind wie eh und je ordentlich nach hinten gekämmt, sein Hemd makellos gebügelt.
„Wann warst du das letzte Mal bei ihr?“ Er schaut sie nicht an. Lea presst die Lippen zusammen.
„Weiß ich nicht.“ antwortet sie dann.

Sie hört den lauten Vorwurf in dem Schweigen, das auf ihre Antwort folgt. Ihre Hände beginnen zu zittern, sie vergräbt sie in ihren Taschen. Viele Worte liegen ihr auf der Zunge, zu viele.
Marlon schiebt eine CD in das Laufwerk, leise Klaviermusik erfüllt den Raum. Er fährt schneller. Lea vergräbt sich tiefer im Sitz, versucht der Melodie zu lauschen. Doch diesmal lenkt sie das nicht von ihren
Gedanken ab, die sich kontinuierlich wie spitze Nadeln in ihre Kopfhaut bohren.
„Ich kann das grade einfach nicht, verstehst du?“ platzt es dann aus ihr heraus. „Was hat das für einen Sinn?“
Marlons Hände schließen sich fester um das Lenkrad, weiße Knöchel treten hervor.
„Sie merkt es, wenn du nicht da bist.“ antwortet er dann.

„Tut sie nicht!“ Ihre Stimme bebt. „Überhaupt nicht, verstehst du?“
Der Zeiger des Tachometers steigt schnell, sie haben das Tempolimit längst überschritten. Lea dreht den Kopf zur Scheibe, ihr blasses Gesicht blickt ihr aus dem Beifahrerspiegel entgegen. Sie hört Marlons Finger auf dem Lenkrad trommeln.
„Woher willst du das wissen? Du hast sie ein einziges Mal gesehen.“ Der leise Spott in seiner Stimme ist kaum zu überhören.
Lea beobachtet ihn aus dem Augenwinkel.

„Weil die Ärzte es mir gesagt haben. Und dir auch.“

Sie lassen alle Autos hinter sich, fliegen beinahe durch die Landschaft.
„Fahr langsamer!“ Leas Stimme zittert.

Der Regen lässt langsam nach, schwere, graue Wolken bleiben am Himmel zurück. Marlon dreht die Musik lauter.
Jeden Nachmittag nach der Arbeit steigt er in sein Auto und fährt zu ihrer Mutter, blaue Lilien auf dem Beifahrersitz. Bleibt dort eine Weile an ihrem Bett stehen und erzählt Geschichten, immer auf eine Antwort wartend. Lea weiß, dass er sie nie bekommen wird. Sie will den sterilen, kahlen Raum nicht sehen. Das Piepsen und Leuchten der Maschinen vergessen. Nicht mehr auf das starre Gesicht blicken, das sie früher mit so viel Liebe betrachtete.
Ein großer Baum blitzt an der rechten Seite der Straße auf, Lea erhascht einen kurzen Blick auf die blauen Lilien, die dort frisch gepflanzt sind.
Lea atmet tief durch, dann zieht sie ihre Tasche zwischen den Beinen hervor und öffnet sie. Ein gefaltetes Papier liegt zwischen zwei Ordnern, sie zieht es heraus.
„Fahr an den Rand“ sagt sie ruhig.
Zum ersten Mal schaut Marlon sie an, zieht die Augenbrauen zusammen. Doch er folgt ihrer Bitte. Er steigt aus und zündet sich eine Zigarette an. Regentropfen bleiben an seinen Wimpern hängen. Der kalte Wind schmiegt sich um sie, Gänsehaut breitet sich über Leas Körper aus. Sie lehnt sich neben ihren Bruder an das kalte Metall. Die Nässe dringt durch ihre Jacke, lässt sie frösteln. So viel Kälte.
„Es macht keinen Sinn mehr Markus. Sie wird nicht mehr aufwachen.“ Sie hält ihm das Formular hin, er schaut einen kurzen Moment darauf. Seine Augen weiten sich, seine Unterlippe bebt.
„Nein.“ sagt er dann, dreht sich von ihr weg. Lea kann die Tränen nicht mehr zurückhalten.
„Was denkst du denn, warum ich die letzten drei Monate nicht dort war? Es sind keine Gehirnfunktionen mehr messbar, verstehst du das nicht? Sie ist nicht mehr da!“
Markus senkt den Kopf, seine Schultern beben.
"Sie wacht wieder auf." flüstert er. Lea schüttelt den Kopf. Jetzt schaut er sie direkt an, sein Blick ist kalt.
„Also willst du, dass sie stirbt?“ Ihr Gesicht spiegelt sich in seinen Augen.
„Das ist sie schon vor drei Monaten.“ Leas Stimme wird laut. Dann, zum ersten Mal, sieht sie ihren Bruder weinen. Tränen laufen über sein Gesicht, er wirft die Zigarette weg. Sie nimmt ihn in den Arm. Riecht den vertrauten Geruch seines Parfüms, spürt seine Wärme und schluchzt. Lange stehen sie so da, lassen den Regen ihre Kleider durchweichen. Plötzlich löst Marlon sich mit einem Ruck aus der Umarmung, öffnet die Fahrertür und holt einen Stift aus dem Handschuhfach.
„Gib mir das Papier.“ Lea reicht es ihm. Marlons Finger zittern. Er unterschreibt. Ohne ein Wort zu sagen steigt er ein, Lea folgt ihm. Der Motor brummt auf.

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