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4. Platz:

Wolfram Engel

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Farben der Sehnsucht

Genre-Wettbewerb 2017 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Erzählt wird eine Jugendgeschichte voll stiller Qual und Sehnsucht, voller Rücksichtnahme und Zurückstellung des Selbst. Ein Jugendlicher weiß, dass sein Vater ein schwaches Herz hat und jede Aufregung ihn umbringen kann. Doch er ist eben ein normaler Junge, der sich austoben muss – was tun? Wolfram Engel schildert diesen Konflikt einfühlsam und zugleich glaubhaft aus der Perspektive eines Jugendlichen. Eines Erwachsenen, der sich urplötzlich in das Erleben des Jungen zurückversetzt, der er einmal war. Das ist gefühlvoll beschrieben, ohne auch nur einen Augenblick lang sentimental zu werden. Der Aufbau der Geschichte ist durchdacht und geschickt, die Sprache präzise.


Farben der Sehnsucht

Plötzlich passiert es. Unerwartet. Am Obststand im Supermarkt  kriechen lang vergessene Duftmoleküle in meine Nase. Ich rieche fruchtiges Rot und denke sofort: Sprengstoff. Bilder drängen in mein Bewusstsein, als hätten Spermien nach beinahe einem halben Jahrhundert auf diesen Augenblick gewartet. Du kannst uns nicht entfliehen!, rufen sie mir lautlos zu, und ich erstarre. Langsam nimmt EIN Bild eines alten Mannes Gestalt an: Mein Vater.
Nach seinem Tod im Mai 1979 habe ich nur noch selten von ihm geträumt, als hätte eine unsichtbare Flutwelle seine wichtigsten Spuren aus meinem Unbewussten auf ewig mitgerissen. In stillen Momenten aber denke ich manchmal an ihn. Doch die auftauchenden Erinnerungen sind bruchstückhaft, als ob ein Maler sein Werk unvollendet hinterlässt und es dem Betrachter obliegt, fehlende Elemente fantasievoll hinzuzufügen. Hat mein Vater in mir überhaupt bedeutende Eindrücke hinterlassen, frage ich mich ab und zu - und schäme mich im nächsten Augenblick für die Antwort.
Wenn ich die Augen schließe, erkenne ich sein Gesicht mit der fliehenden Stirn und den buschigen Brauen. Längst schon sprachen seine Augen aus,  was auszusprechen er selbst beharrlich vermied: Ich habe Scheißangst und brauche Hilfe, plärrten sie stumm, wenn sein Körper ihn erneut zwang, nach einigen Schritten stehen zu bleiben, mit blau verfärbten Lippen, die in dem fahlen Gesicht wirkten wie ein mit dem Lineal gezogener Strich. Die Hände zu Fäusten geballt, schien er stumm und wütend gegen die Krankheit zu rebellieren, die sein Herz in immer kürzeren Abständen wie zwischen zwei Schraubstockbacken presste. Sekunden später überzog ein Schweißfilm seine Stirn, und er atmete stoßweise. Jetzt musste alles schnell gehen: Mein Vater brauchte Sprengstoff, um zu überleben - flüssiges Nitroglycerin, eingeschlossen in eine Gelatinekapsel, die bei Lichteinfall leuchtete wie ein Rubin. Hastig zerrte er den stets mitgeführten Aluminiumstreifen aus der Hosentasche, drückte eine Kapsel heraus und steckte sie sich in den Mund.
Dann zerbiss er sie und spuckte die nutzlos gewordene Gelatinehülle aus. Ich war damals vierzehn und beobachtete ihn, betete, der Kapselinhalt möge ebenso rasch wirken wie die vielen Male zuvor und sein Herz für kurze Zeit aus der eisernen Umklammerung befreien. Ahnungslos vertraute ich dem süßlichen Geruch, der jeder bisher zerbissenen Kapsel entströmte und dachte: Was fruchtig riecht, muss ihm einfach helfen.
Ein kurzes Lächeln huschte Sekunden später über seine wieder entspannten Lippen, mein Vater atmete tief ein und wir spürten beide: Auch dieser Herzanfall war überstanden.

Vier Wochen später rief meine Mutter zum wiederholten Male notfallmäßig unseren Hausarzt Dr. B. an. Die Anfälle meines Vaters waren häufiger aufgetreten und hatten ihm erheblich zugesetzt. Meine Mutter und ich saßen stumm an seinem Bett im ersten Stock unseres Reihenhauses. Er war kurz zuvor erschöpft eingeschlafen. Draußen war es bereits dunkel, als das schrille Läuten der Hausglocke die bleierne Stille durchschnitt. Erschrocken zuckten wir zusammen.
„Das muss der Hausarzt sein“, flüsterte meine Mutter. „Ich warte hier, und du zeigst ihm den Weg.“

„Den kennt er doch“, maulte ich und stand auf.
„Jetzt geh schon. Und mach das Licht an!“
Ich stapfte aus dem Schlafzimmer über den kurzen Flur bis zum Treppenabsatz. Dort drückte ich den Lichtschalter und trampelte anschließend die Holzstufen hinunter, bis ich an der Eingangstüre war und Dr. B. herein ließ. Er klemmte den Arztkoffer unter den Arm und hastete sofort nach oben. Ich verriegelte die Haustür hinter ihm. Dann schlüpfte ich mit leisen Schritten in die Dunkelheit des angrenzenden Wohnzimmers - im Augenblick der Ort, an dem ich alleine sein wollte.
Ich setzte mich auf den Boden und schloss die Augen. Lange brauchte ich nicht zu warten, bis ich sie sah: Tanzende Seifenblasen, in schillernde Farben getaucht, von einem unsichtbaren Puppenspieler an unsichtbaren Fäden gezogen und unterschiedlich groß. In jeder von ihnen schwebte ein schon lange ersehnter Wunsch: Mit meinem Vater auf die höchsten Berge klettern, mit ihm raufen, ihm meine schlechten Schulnoten erklären und …
Als hätte der Lichtstrahl sie durchstochen, zerplatzten sie lautlos, als meine Mutter und Dr. B. ins Wohnzimmer traten. Meine Mutter voran, die ihm höflich einen Stuhl anbot. Anschließend setzte sie sich auf den zweiten freien Stuhl.
Ich blieb auf dem Boden hocken.
„Jede Aufregung ist mittlerweile Gift für ihn“, ermahnte der Arzt uns beide. Er zupfte seine Brille herunter und sah mich eindringlich an: „Du darfst ihm keinen Ärger machen!“, warnte er mich.
„Sonst?“
Schweigen
„Sonst!?“
„Es könnte sein Ende bedeuten!“

Dr. B. setzte die Brille wieder auf, zog einen Rezeptblock aus dem Arztkoffer und verschrieb erneut eine Packung Nitrolingual.
„Schon die vierte in diesem Monat“, seufzte er. „Mehr kann ich nicht für ihn tun, nachdem er nicht mehr ins Krank …“
„Und seine Schmerzen nachts?“, unterbrach ihn meine Mutter mit bebender Stimme.
„Legen Sie Ihrem Mann abwechselnd feuchtheiße Tücher auf die Brust“, empfahl Dr. B. „Das entspannt zusätzlich die verengten Gefäße.“
Meine Mutter nickte stumm.
Es klickte, als Dr. B. den Arztkoffer verschloss. Das Geräusch bellte durch die plötzlich eingetretene Stille. Der Arzt und meine Mutter standen auf. Mit einem kurzen Händedruck verabschiedete sie ihn, und ich sah, wie ihre zusammengekniffenen Lippen zitterten. Dann begleitete sie ihn zur Haustür.

Ich blieb im Wohnzimmer sitzen. Wie Billardkugeln klackten die Worte des Arztes in meinem Kopf aneinander: IhmKeinenÄrgerMachen.MachIhmKeinenÄrger.
In zwei Wochen würde ich fünfzehn werden. Ärger war vorprogrammiert:  Versetzung in die nächste Klasse gefährdet. Ohne Führerschein hatte ich das Moped meines Vaters aus der Garage geklaut und das Auto eines Nachbarn gerammt. Weil ich zu schüchtern war, hatte meine Freundin letzte Woche mit mir Schluss gemacht. Kurz danach hatte ich eigenmächtig den Gitarrenunterricht abgebrochen.
Meinem Vater all das zu sagen, schien unmöglich, ohne gleichzeitig sein Leben zu gefährden. Plötzlich schwitzte ich und zitterte. Meine Brust brannte, als läge das demolierte Moped mit dem heißen Auspuff darauf.
Was sollte ich tun!?
Plötzlich fielen mir die tanzenden Seifenblasen ein. Ich würde noch heute meinem Vater vom kleinsten Ärgernis zuerst erzählen, als wäre es meinem Freund Klaus passiert. Und ich würde ihn genau beobachten. Beim geringsten Anzeichen von Aufregung würde ich ganz schnell abwiegeln:
„Glaub mir, so was würde mir nicht passieren!“
Ich stand auf und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Als ich die Wohnzimmertür öffnete, hörte ich, wie sich meine Mutter und Dr. B. an der offenen Haustür leise unterhielten.
Ich schnappte Worte auf wie: „Vorsichtig sein, schonen, auf Ihren Sohn aufpassen …“

Leise stahl ich mich davon und ging die Treppenstufen hinauf. Nach ein paar Schritten war ich im Schlafzimmer. Meine Brust brannte noch immer. Die kleine Nachttischlampe am Bett meines Vaters leuchtete und hüllte das Zimmer in einen weichen Schein. Langsam näherte ich mich seinem Bett und blieb davor stehen. Mein Vater schlief, atmete regelmäßig in der Stille.
Ich setzte mich auf die Bettkante, nahe an sein Gesicht und sah ihn an. Aus seinem geöffneten Mund roch es wieder fruchtig.
Nach einer Weile schloss ich die Augen, und hinter den Lidern tanzten rote Punkte im Rhythmus meines Herzschlags. Mitten hindurch flog die bisher größte Seifenblase, und in ihr sah ich einen Gedanken schweben, umhüllt von den schillernden Farben der Sehnsucht: Irgendwann, wenn er keine roten Kapseln mehr brauchen wird, werde ich es ihm erzählen.
Plötzlich kribbelte es nur noch in meiner Brust, als ob sich ein paar Ameisen dorthin verirrt hätten. Ich beschloss, meinen Vater schlafen zu lassen und öffnete die Augen. Dann stand ich auf und verließ das Zimmer, leise, wie ich es betreten hatte.

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