Suche
X

Infos anfordern

Kostenlos und unverbindlich!
Frau Herr
Bitte füllen Sie alle Pflichtfelder aus.

5. Platz:

Robin D. Albert

-

Widerwillen

Genre-Wettbewerb 2017 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Die Geschichte von der menschlichen Puppe Annie, der der Besitzer Gefühle und einen eigenen Willen hat einprogrammieren lassen, damit seine Gespielin für ihn interessanter wird. Pech für ihn, dass Annie ihn nun nicht mehr will. Die Idee ist nicht neu, das hat es im Science Fiction schon mehrfach gegeben. Das Besondere an dieser Geschichte ist, wie gut Robin D. Albert sie erzählt: mit einer starken Dramaturgie, einer gepflegten, treffenden Sprache, viel Fantasie und Vorstellungskraft, was äußere und technische Details einer zukünftigen Welt betreffen. Das kommt in dieser Kombination im deutschen SF selten vor.


Widerwillen

Annie hatte nicht lange gebraucht, um ihre Tasche zu packen. Nichts in der Wohnung gehörte ihr, und alles in der Wohnung erinnerte sie an ihr Leben als Puppe. Seit dem Eingriff hatte sie ihre Erinnerungen aufgearbeitet, nachträglich Gefühle entwickelt und daraus Konsequenzen gezogen. Nun war sie bereit, das Leben eines Menschen zu führen.
Durch die Jalousie schaute Annie in den Dahme District, einen armen Stadtteil von Europe City mit mehrheitlich niedrigen Gebäuden. Es war Nacht, der Verlauf der Boden- und Luftstraßen durch Lampen und Neon-Schilder gekennzeichnet, die Sky Towers des Berlin District blinkten in der Ferne. Ein Roboter und eine junge Frau schlenderten am gegenüberliegenden Gebäude vorbei. Es war ein altes Wohnhaus mit fünf Stockwerken, eine Betonplatten-Konstruktion aus dem 28. Jahrhundert mit einem Hovercar-Parkplatz auf dem Dach. Die Röhren mit der transparenten Flüssigkeit BI-4, welche die Atemluft in der Stadt erzeugte, wurden nachträglich an der Außenwand angebracht und schlängelten sich vom Dach hinab bis zum Boden.
Chris Brakovich lag halb bedeckt im Bett, die Hände vor dem Kopf zusammengefaltet, als würde er beten. Bis auf seine abgerundeten Ohren entsprach sein Körper dem Schönheitsidol der Evolvierten. Er war muskulös, über zwei Meter groß und mit sechs Fingern und vier Zehen ausgestattet, und bis auf seine blonde Mähne war er haarlos.
Annie hatte das Licht im Schlafzimmer gedimmt und sich ein weißes Sommerkleid angezogen. Sie gab Acht, ihn nicht zu wecken. Chris würde sie niemals gehen lassen. Er hatte sie nach seinen Wünschen herstellen lassen, hatte sie auf seine Vorlieben abgerichtet und sich schließlich in eine Illusion verliebt.
Langsam schob Annie die Holztür zur Seite. Ein leises Knacken vermeldete, dass die Tür in der Wand eingerastet war.
„Wo willst du hin?“
Annie zuckte zusammen. Sie konnte an seinem Gesichtsausdruck nicht erkennen, ob er in Schock war oder in Rage oder beides.
„Willst du mich verlassen?“
Annie schluckte.
„Ja“, sagte sie leise.
Chris katapultierte sich aus dem Bett. Seine muskulösen Finger bohrten sich in ihren Arm und er zerrte sie weg von der Tür, so dass Annie aufpassen musste, nicht über ihre Füße zu stolpern.
„Und was willst du da draußen machen? Ganz allein? Ohne ID, ohne Bitcoins? Willst du in der Gosse landen bei den Elenden und Mutanten? Weißt du, was die mit dir machen, wenn sie herausfinden, dass du eine Puppe bist?“
„Warst.“
„Was?“, zischte er.
„Eine Puppe warst.“
„Nein, Annie. Deine ID ist entscheidend, nicht dein Wille. Und in deiner ID steht: menschliche Puppe, hergestellt im Kraków District, Eigentum von Christian Brakovich.“
Annie riss sich von ihm los und trat einen Schritt zurück.
„Warum hast du mir dann einen Willen gegeben?“
„Du hast halt nie was gewollt. Die Leute haben das gemerkt. Sie haben unsere Beziehung nicht akzeptiert. Jetzt kannst du selbst entscheiden, was du isst, was du trägst, was du guckst. Jetzt müssen sie unsere Liebe akzeptieren. Verstehst du das?“
Er schaute sie an, als wäre seine Erklärung plausibel gewesen. Mit dem Daumen strich er ihr liebevoll über die Wange, über ihr individuelles Gesicht, das Chris ausgewählt und das sie von all den Standard-Puppen unterschieden hatte.
Annie zögerte einen Augenblick.
„Aber ich liebe dich nicht.“
Chris legte seine Hände vorsichtig auf ihren Schultern ab.
„Liebe braucht Zeit, Annie. Als ich Lauren kennengelernt habe, da habe ich sie auch nicht sofort geliebt. Das hat sich entwickelt.“
Lauren war seine Ex-Frau, und Annie erinnerte sich ungern an sie. In ihrer ersten Dienstwoche hatte sie den beiden Frühstück ans Bett gebracht. Lauren hatte noch geschlafen, und Chris hatte auf seinen erregten Penis gedeutet und Annie Zeichen gegeben, ins Bett zu klettern und ihren Mund einzusetzen. Als Lauren wach geworden war, hatte sie einen wütenden Schrei von sich gegeben und Annie mit beiden Füßen so fest in die Rippen getreten, dass sie vom Bett gefallen war. Chris hatte Annie in Schutz genommen, und Lauren hatte kurz darauf die Scheidung eingereicht.
„Und Annie.“ Sein Blick wurde ernst. „Du weißt, dass Gehirnmanipulation strafbar ist. Was machst du, wenn sie dich erwischen? Dafür gehe ich in den Knast. Willst du das?“
„Nein, natürlich nicht. Ich hab mit jemandem gesprochen, der eine neue ID für mich generieren kann.“
Chris ließ von ihr ab und lief nun gestikulierend vor der Tür auf und ab.
„Mit wem? Pat? War es Patrick? Natürlich war es Patrick. Wer sonst. Glaubst du, so Leute machen das umsonst? Da wirst du für bezahlen müssen. Und wenn du keine Bitcoins hast, dann wird er dich ficken wollen. Hörst du mich!“
„Na und! Dann fick ich ihn halt, wenn das alles ist!“
Chris starrte Annie mit offenem Mund an. Dann stapfte er aus dem Zimmer, schob die Tür zu und schloss ab.

Gedanklich folgte Annie seinen Schritten ins Wohnzimmer, hörte ihn auch die nächste Tür schließen. Sie presste ihren Kopf gegen die Wand und lauschte.
„Doktor Hart!“, sagte Chris mit gedämpfter, aber hörbarer Stimme. „Gut, dass ich Sie erreiche. Ich möchte die ganze Sache rückgängig machen. ... So schnell wie möglich. ... Heute Abend? Deal! ... Die Bitcoins haben Sie bis dahin auf dem Konto, versprochen. ... Danke, ich danke Ihnen. Bis dann.“
Annie kannte Doktor Hart. Er war es, der ihren Willen und ihre Gefühle freigeschaltet hatte. Seine neurochirurgische Praxis befand sich im 42. Stock eines Shopping Towers neben einem Outlet für Roboter-Mode. Vor ein paar Jahren hatte Chris in dieser edlen Gegend eine Wohnung gemietet. Das war vor der Großen Finanzkrise, in der er seinen Job als Immobilienmakler verloren hatte.
Doktor Hart war ein älterer Mann von kleiner Statur gewesen und hatte sie herzlich in Empfang genommen. Als er den Gehirn-Scanner justiert hatte, der Annie an einen Haartrockner aus Freddys Friseur erinnerte, hatte er Chris über die Behandlung aufgeklärt.
„Bei den Puppen werden die Regionen, die für den Willen und die Gefühle zuständig sind, durch Lasereingriffe lahmgelegt, sobald sich das Gehirn vollständig entwickelt hat, oder besser gesagt, sie werden unterdrückt. Ich scanne jetzt die Anordnung der Atome im Gehirn, lokalisiere die unterdrückten Regionen und überschreibe sie mit einer neuen Anordnung. Das Ganze übertrage ich dann auf Annies Gehirn, und voilà.“
Nachdem sie den Behandlungsraum verlassen hatte, war sie mit so vielen Erinnerungen konfrontiert, mit so vielen Gefühlen überflutet worden, dass sie beinahe das Bewusstsein verloren hatte.
Und auch in diesem Augenblick spürte Annie neue Gefühle, von denen der blanke Horror das stärkste war.

Einige Minuten waren vergangen, bevor Chris ins Schlafzimmer zurückkam. Er hatte sich ein Polo-Shirt und eine schwarze Hose angezogen, fuhr sich mit einer Hand durchs Haar, um Gel zu verteilen, das einen süßlichen Geruch hatte, und griff mit der anderen Hand nach dem In-Ear-Translator, der auf seinem Nachttisch lag.
„Ich muss ein paar Besorgungen machen. Bin in ein paar Stunden zurück.“
Annie schielte auf die offene Tür hinter ihm.
„Kann ich mitkommen?“
„Nein, tut mir leid.“
„Mir tut es auch leid.“
„Was?“
Chris hatte nie Gewalt gegen sie angewendet, und auch Annie hätte gerne darauf verzichtet. In den Nachrichten hatte sie oft von Puppen gehört, die von ihren Besitzern schwer misshandelt worden waren. Einer hatte seiner Puppe aus Spaß beide Hände abgeschnitten, einen reichen Evolvierten hatten sie den Puppenfresser genannt, weil er elf Puppen mit einem Beil zerhackt und aus ihrem Fleisch Gerichte zubereitet hatte, ganz zu schweigen von den Prostituierten und Probanden, deren grausame Behandlung für die größten Skandale gesorgt hatte.
Annie gab Chris einen platzierten Tritt zwischen die Beine. Er krümmte sich und stöhnte, und Annie griff ihre Tasche und stürmte aus dem Zimmer.

Die Wohnungstür befand sich am anderen Ende des Vorraums und führte direkt in den Fahrstuhl. Auf den grauen Fliesen stand eine hüfthohe Figur aus Metallgel, die ihre Form ändern und Remote-Befehle über Nanosensoren empfangen konnte, und an diesem Tag die Gestalt eines dickbäuchigen Buddha angenommen hatte.
Annie musste abbremsen, um nicht gegen die Tür zu laufen. Panisch drückte sie den Knopf.
„Halt!“, rief Chris. Er stolperte aus dem Zimmer, den Mund zu einer Grimasse verzogen, fokussierte seinen Blick auf Annie und preschte nach vorne.
Sie konnte das süßliche Parfüm riechen, als sich die Türen des Fahrstuhls zur Seite schoben. Chris packte Annie an der Schulter und riss sie zurück. Annie hätte nicht gedacht, dass ihr Herz jemals so schnell schlagen würde. Reflexartig griff sie nach dem Buddha. Er war schwer, aber sie konnte ihn mitreißen, schwang ihn herum und rammte ihn Chris in die Rippen. Es knackte mehrmals, Chris schrie, taumelte zurück, und bevor sich die Türen wieder schlossen, sprang Annie in den Fahrstuhl.

Es dauerte nur wenige Sekunden, bis der Fahrstuhl im Erdgeschoss ankam und die Türen in die Freiheit öffnete. Ein alter Mann schaute aus dem Fenster, und Annie war sich sicher, dass auch er einen Menschen sah, als sich ihre Blicke kreuzten.

-

Diese Website verwendet Cookies, um Inhalte und Anzeigen für Sie zu personalisieren.

Sie können sich hier infomieren und der Verwendung widersprechen. Mit der Nutzung der Website, Klick auf einen Link oder auf "OK" stimmen Sie der Verwendung zu.

OK