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1. Platz:

Dorothea Barbosa Sicard

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Harveys Haus

Genre-Wettbewerb-Wettbewerb 2017 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Mark ist im Haus seines Onkels Harvey, in dem damals, in seiner Kindheit, etwas Schreckliches passiert ist. Und dieses Schreckliche lässt ihm bis heute keine Ruhe. In seinen Ohren kreischt und saust es, er hört seine Angst, bis er noch einmal erlebt, was damals passiert ist. Endlich kann er darüber reden und endlich schweigen die kreischenden Stimmen. Dorothea Barbosa Sicards Kurzkrimi setzt die Natur, das düstere Wasser des Cedar Island Lake in Minnesota gekonnt ein, um den Leser das Innerste Marks zu verdeutlichen. In treffenden Bildern (die Bissspuren von Peters Schneidezähnen, sein rotziger, mit Kekskrümeln verschmierter Mund) erkennt der Leser die Wut, die Mark spürt, als sein Cousin seine Melodica mit seinen Zähnen zu zerstören droht. Der Leser erlebt den Schmerz, den Mark heute noch spürt, mit. Denn Mark ist schuld daran, dass Peter gestorben ist. Es geht um Schuld, um Vergebung und um das Ende des Schweigens. „Harveys Haus“ ist eine gut durchdachte Geschichte, durch die abwechselnden Beschreibungen, Dialoge und Gedanken sehr unterhaltsam, spannend bis zum Schluss und sprachlich versiert.


Harveys Haus

Es war eine düstere Novembernacht, die Nacht, in der ich begann, Harveys Haus zu hüten. Die alte Labrador-Dame Lexi war den ganzen Abend unruhig im ersten Stock herumgeschlichen und hatte schon ein paar Mal angeschlagen, als sie gegen Mitternacht endlich unter meinem Bett Ruhe gab. Ich wälzte mich noch eine Weile hin und her, hörte das alte Haus ächzen und knarren und war gerade eingeschlafen, doch dann spürte ich, dass es ganz hell im Zimmer geworden war. Benommen schälte ich mich aus dem Bett, griff nach meinem Bademantel und trat auf den Balkon und in die feuchtkalte Herbstluft. Zwischen den wenigen blutroten Ahornblättern, die noch an den Bäumen verblieben waren, schimmerte das düstere Wasser des Cedar Island Lake, der hinter dem Garten begann. Totenstill lag er heute da. Es schien, als hielte er die Luft an. Ich beugte mich über das Geländer und betrachtete das steile Glasdach des Wintergartens. Plötzlich knackte ein Ast im Gebüsch. Dann schepperte es. Ich eilte hinunter, hinters Haus, und sah sofort die umgekippte Mülltonne, an der mich ein beißender Uringestank empfing. Diese Waschbären waren in Minnesota schon während meiner Kindheit eine Plage gewesen. Ich räumte die Mülltonne wieder ein und wollte zurück ins Haus. Wie schön es noch immer war. Und wie stolz es jetzt gerade vor mir in diesem Licht erstrahlte. Als hätte es die Scheinwerfer selbst angeschaltet, um sich in Szene zu setzen. Mich fröstelte. Ich klappte den Kragen meines Bademantels hoch, steckte die Hände in die Taschen und ging hinein.

„Hast du schon was gefangen“, fragte Harvey, als ich ihn am nächsten Tag im Pflegeheim in St. Cloud besuchte.
„Nein. Ich bin doch gestern Abend erst angekommen.“
„Du kannst das Boot nehmen, Mark. Ich muss nur die Schlüssel finden.“ Mit zittrigen Händen betastete er seine Hosentaschen.
„Die sind bestimmt im Haus, Onkel Harvey. Ich finde sie schon.“
„Wenn ich zurück bin, gehen wir zusammen angeln.“
„Ja. Das machen wir.“
„Ich will zurück in mein Haus.“
Der Geruch nach Chlor, Urin und Fäkalien, der unter der Badezimmertür hindurch ins Zimmer kroch, nahm mir den Atem. Ich stand auf und kippte das Fenster. „Soll ich dich nicht lieber ein bisschen im Garten herumfahren, Onkel Harvey?“ „Wenn du meinst. Aber vorher möchte ich dir noch was geben. Schieb mich mal darüber“, sagte er und nickte in Richtung der alten Holzkommode. Mühsam ruckelte er die obere Schublade auf, griff hinein und reichte mir zitternd eine längliche, dunkelgrüne Schachtel. Ich erkannte sie sofort.
„Na los, mach sie schon auf, Junge.“
Ich öffnete den Druckknopf an der Seite und klappte den Deckel hoch: tatsächlich, meine Melodica. Sofort erblickte ich die Bissspuren von Peters Schneidezähnen auf dem schwarzen Mundstück, an dem ein winziger, hellgelber Kekskrümel klebte. Wie angestachelt setzte sich der lauernde Bienenschwarm in meinem Ohr in Bewegung, rauschte in Windeseile heran und verwandelte sich dabei in ein dröhnendes Brummen, das meinen Kopf sprengen wollte. Mir wurde speiübel.
„Ich habe sie im Garten gefunden, Mark. Damals, an dem Tag.“ Müde senkte Harvey die Augenlider. „Ich hab sie aufbewahrt. Sie hat dir doch immer so viel bedeutet.“ Ich presste Mittel- und Zeigefinger gegen mein Ohr, um das drängende Dröhnen zu lindern.
„Gehen wir erst mal an die Luft, Onkel Harvey, Ok?“

„Amy?“ Der Akku meines Handys war fast leer, als ich zwei Stunden später in Harveys Einfahrt einbog.
„Ja.“
„Alles klar bei Euch?“
„Alles klar. Wie geht es Harvey?“
„Naja, er ist alt. Sehr alt. Er will zurück in sein Haus.“
„Das kann ich gut verstehen. Und wie sieht es aus, das Haus?“
„Es ist immer noch schön. Unheimlich schön.“
„Willst du mal mit Timmy sprechen?“
„Was macht er gerade?“
„Er isst seine Halloween-Süßigkeiten.“
„Der hat’s gut.“
„Ist wirklich alles in Ordnung bei dir?“
„Ja, ja. Hab nur schlecht geschlafen. Und der Besuch bei Harvey, das Haus und – mein Ohr macht mir heute ziemlich zu schaffen.“
„Nimmst du deine Tabletten?“
„Ja, ja. Mach ich.“
„Vielleicht solltest Du lieber gleich Dr. Miller anrufen. Er hat doch gesagt, dass du ihn jederzeit erreichen kannst, wenn was ist.“
„Wenn ich ihn brauche, melde ich mich schon bei ihm.“
„Ich will nicht, dass Du Dir zu viel zumutest.“
„Jetzt hör aber mal auf damit.“
„Die Schule hat angerufen, Mark. Die wollen wissen, ob sie nach den Weihnachtsferien wieder mit dir rechnen können.“
„Ich krieg das schon hin, Amy. Ich muss jetzt rein. Ich melde mich später nochmal, Ok?“
„Ok, Schatz. Ich liebe dich.“
„Ich liebe dich auch, Amy.“

In der Diele empfing mich eine ohrenzerreißende Stille. Hier in Harveys Haus gab es nichts, rein gar nichts, was mich von dem qualvollen Gebrumm in meinem Ohr hätte ablenken können: keinen Fernseher, kein Radio, kein Meeresrauschen – nicht mal WLAN. Und die Pillen? Vielleicht hätte ich die Pillen doch nicht wegwerfen sollen. Aber ich hatte es so satt, träge und gefühllos durch die Gegend zu laufen. Lieber den Lärm in mir aushalten. Ich musste auf andere Gedanken kommen. An dem Brett neben der Garderobe sah ich die Bootschlüssel. Ich pfefferte die Melodica und das Handy in den Sessel, schnappte den Schlüsselbund und eilte in die Garage, wo ich rasch die Angelausrüstung zusammensuchte. Eine halbe Stunde später saß ich im Boot und brauste los.
Es dauerte eine ganze Weile, bis der nasskalte Fahrtwind mein Gesicht abgekühlt und ich mich innerlich beruhigt hatte. Als ich schließlich den Anker auswarf, färbte die untergehende Sonne den Himmel orange-violett und über dem Gras des nicht allzu fernen Ufers schwebte ein blassgrauer Nebelteppich. Eine Weile ruhte mein Blick auf dem Schwimmer, der ab und zu sachte auf und ab zuckte – wahrscheinlich nur ein kleiner Mondfisch, der an dem Wurm herumzupfte. Auf dem Anlegesteg stand ein etwa achtjähriger Junge. Er trug hellblaue Schlagjeans. Ich dachte, die wären heute nicht mehr modern. Oder vielleicht wieder modern, wer konnte das schon wissen? Ich bestimmt nicht. Früher hatten Peter und ich auch solche Hosen getragen, damals, als die Welt für uns alle noch in Ordnung war und unsere Familien hier gemeinsam die Sommer verbrachten. Der Junge hob den Arm und winkte mir zu. Ich nahm mein Fernglas und sah, dass er etwas aus seiner orange-braunen Hirtentasche zog und zum Mund führte – vielleicht war es nur eine Flöte oder doch eine Melodica?
Ich konnte es nicht mehr erkennen, denn vor mir sah ich nur noch Peters Mund – seinen rotzigen, mit Kekskrümeln verschmierten Mund, in den er meine Melodica hineinstopfte und lospustete. Der Magen drehte sich mir um. Ich wollte mich übergeben, aber ein Eisenring schnallte sich um meinen Hals. Ich versuchte zu atmen, aber ich konnte nicht. Mein Herz galoppierte und ich wusste, dass mir jetzt nur noch eins helfen würde: fliehen – nicht still sitzen, nicht aushalten, nicht atmen in diese Scheißtüten, wie es Ärzte immer empfahlen. Ich musste weg, bevor diese gewaltige Woge der Erinnerung endgültig über mir hereinbrechen und mich wegspülen würde. Ich stürzte zum Lenkrad, warf den Motor an und preschte los.

Bald darauf stolperte ich über Harveys Anlegesteg und hastete ins Haus. Meine Gedanken drehten sich nur noch um eins: Die Melodica musste weg. Panisch durchwühlte ich die Kissen auf dem Sessel in der Diele. Aber außer meinem Handy fand ich nichts.
„Hast du die Melodica versteckt“, fragte ich Lexi. Aber sie winselte nur leise, sprang auf den Sessel und kringelte sich ein. In der verdammten Diele war es jetzt so mucksmäuschenstill wie in den schalldichten Kabinen der HNO-Ärzte. In meinem Ohr setzte sich eine Kreissäge in Bewegung. Ich rannte in die Küche und stürzte ein Glas Wasser hinunter. Aber das Kreischen wurde lauter. Ich lief zurück in die Diele und lauschte. Aber hier war es jetzt ebenso unerträglich wie in der Küche. Und im Wohnzimmer? Schrillstes Sägen und Dröhnen. Ich hielt mir die Ohren zu, aber vergeblich. Dann ließ ich die Hände wieder sinken, doch es wollte nichts nützen. Ich hielt die Ohren wieder zu. Und wieder auf und wieder zu. Auf, zu, auf, zu. Wo waren all diese grauenvollen Geräusche? In mir? Im Haus? Plötzlich schien das Wohnzimmer zu schrumpfen. Langsam und lautlos schoben die Wände sich auf mich zu.
Ich stürmte die Treppe hinauf ins Bad und hielt den Kopf unter den Wasserhahn. Aber das Rauschen und Pfeifen wollte sich nicht ertränken lassen und auch hier rückten die Wände bedrohlich näher. Ich floh aus dem Bad hinüber in Peters ehemaliges Zimmer, riss die Balkontür auf, sprang hinaus und beugte mich über das Geländer. Auf dem Dach des Wintergartens erblickte ich sie: meine Melodica. Und plötzlich wusste ich, dass das Haus mich in den Wahnsinn treiben wollte, so wie Peter mich damals fast in den Wahnsinn getrieben hätte, als er den ganzen Sommer immer wieder vor mir her tänzelte, mit seiner hässlichen Kindervisage, eine Grimasse nach der anderen schnitt und dabei laut „nenenene nee nee“ brüllte.

„Er hat doch angefangen“, schrie ich, als ob das Haus mich hören könnte. Mit einem lauten Knall flog die Tür zu, der Balkon kippte, ich verlor das Gleichgewicht und knallte bäuchlings auf das Dach des Wintergartens. In dem Glas unter mir bildeten sich Risse, ein Glaselement löste sich und prallte auf den Boden, wo es in Tausend Stücke zersprang. Daneben erkannte ich Amys Winterstiefel.
„Mark! Oh mein Gott!“ Amys Aufschrei durchdrang nur schwach das Kreischen der Säge. „Warum gehst du denn nicht an dein Handy?“
„Er hat sie mir aus der Hand gerissen und dann vom Balkon geschleudert.“
„Was denn?“
„Meine Melodica. Alle glauben, dass es ein Unfall war, aber ich hab ihn gezwungen, auf das nasse Glasdach zu klettern, obwohl ich wusste, wie gefährlich das war. Ich bin Schuld, dass Peter tot ist!“
Unter mir knackte es, das Glas gab nach und um mich herum wurde es schwarz.
Als ich zwischen den Scherben auf dem Boden erwachte, lag Amys Hand auf meiner Wange. Ich lauschte. Kein Kreischen, kein Dröhnen. Stille.

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