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2. Platz:

Frauke Kurzawski

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Das Schwein

Genre-Wettbewerb-Wettbewerb 2017 Runde 2

Das Urteil der Jury:

„Warum mussten die brutalsten Morde immer an den idyllischsten Orten geschehen?“ Bauer Marten, der größte Schweinebauer im Dorf, ist bestialisch ermordet worden. Abgestochen liegt er in der Kadavertonne und unterscheidet sich kaum von den fünf Schweinen, die unter ihm liegen.

Wer hat den Bauern auf dem Gewissen? Frauke Kurzawski spielt mit Übertreibung und der Leser ist mittendrin im schönsten Bauernkrimi. Verdächtig ist Nachbar Lürssen, ein Bio-Hühnerhalter, aber der bestreitet vehement, denn ein Mord wäre schlecht fürs Karma. Verdächtig sind auch militante Tierschützer, dann aber kommt die Wahrheit ans Licht. Holger Marten hat seinen eigenen Sohn umgebracht – der Leser steht hinter der Mörderin und ihrer Komplizin. „Das Schwein“ hat es nicht anders verdient. Ist Selbstjustiz zu verurteilen? Das anfängliche Lächeln des Lesers erstarrt am Ende der Geschichte auf seinem Gesicht. In ihrer klaren, einfachen Sprache legt die Autorin den Fokus auf Witz gepaart mit makabrem Inhalt und das funktioniert wunderbar!


Das Schwein

„Kadavertonne“ stand auf dem offenen Container. Fliegen umschwirrten ihn und es stank bestialisch. Im Inneren lagen mindestens fünf tote Schweine. Und obendrauf Bauer Marten, genauso mause-, pardon, schweinetot wie die Tiere. Nackt und schwergewichtig lag er da, seine Nase mit den riesigen Nasenlöchern steckte zwischen den Schweinerüsseln, und wenn er nicht so eine dunkle Körperbehaarung gehabt hätte, wäre er zwischen den aussortierten Zuchtsauen kaum aufgefallen. Sein massiger Körper war auffallend blass. Die Halsschlagader war der Länge nach aufgeschnitten worden und klaffte. Der Mann war vollkommen ausgeblutet.
Kommissar Brinkmann blickte auf und seufzte. Warum mussten die brutalsten Morde immer an den idyllischsten Orten geschehen? Das reetgedeckte Fachwerkhaus prahlte mit blitzsauberen Scheiben und auf der Leine spielten frischgewaschene Laken im Wind. So weiß, dass sie die Protagonisten in jeder Waschmittelwerbung hätten sein können. Bestimmt hätte man auch ihren Duft riechen können, wenn es nicht so penetrant nach Gülle gestunken hätte.
Der Ermittler wedelte eine Fliege aus seinem Gesicht und starrte wieder missmutig auf den unschönen Fund. Noch ein Eintrag mehr auf seiner langen Liste „Arten, auf die ich nicht sterben will“: aufgeschlitzt, ausgeblutet und als organischer Abfall entsorgt. Wie ein Schwein. Brinkmann trat zur Seite, um dem Gerichtsmediziner das Feld zu überlassen. Er musste sich erst einmal um die Angehörige kümmern.

Else Marten saß in der Küche vor einer Tasse Tee. Ihre Freundin Henriette Roland stand hinter ihr und hatte beschützend ihre Hände auf die Schultern der Witwe gelegt. Die älteren Damen sahen den Kommissar erwartungsvoll an und vergaßen dabei, ihm auch etwas anzubieten, sei es nun einen Stuhl oder einen Tee. Brinkmann nahm es ihnen nicht übel. Er blieb stehen und suchte nach den richtigen Worten. 25 Jahre bei der Kripo und noch immer fiel ihm dieser Teil der Ermittlungsarbeit besonders schwer. Auf einmal bemerkte er die Kerze, die auf dem Tisch stand und brannte. Ein kleines Holzschild mit einem Kreuz und dem Namen „Jens“ stand daneben.
„Wieso Jens? Ihr Mann hieß doch Holger!“ Halb versehentlich hatte Brinkmann diesen Gedanken laut ausgesprochen. Diskretion war noch nie seine Stärke gewesen.
„Jens war mein Sohn, er wäre heute vierzig geworden“, antwortete Frau Marten ruhig. „Aber es war eine Totgeburt.“ Ihre Freundin Henriette warf ihr einen merkwürdigen Blick zu.
Der Kommissar räusperte sich verlegen. „Das tut mir sehr leid. Frau Marten. Äh, bitte verzeihen Sie meine unangenehme Frage, aber hatte ihr Mann Feinde?“
„Natürlich hatte er das. Er war der größte Schweinebauer im Dorf und wollte noch erweitern. Mit unserem Nachbarn Lürssen hat er sich lange um ein Grundstück gestritten. Aber am Ende hatte er den längeren Atem.“ Frau Marten verstummte, als ihr bewusst wurde, was sie da gerade gesagt hatte. Ihr Mann hatte seinen letzten Atemzug längst getan, während ihr Nachbar sich weiterhin bester Gesundheit erfreute.
„Chef“, tönte es da von draußen, „wir haben hier was gefunden. Im Graben hinterm Haus liegt 'ne blutige Schubkarre. Kleben 'n paar Hühnerfedern dran.“

Misstrauisch öffnete Hans Lürssen, der Bio-Hühnerhalter vom Nachbarhof, die Tür. „War ja klar, dass ihr mich verdächtigt“, röhrte er statt einer Begrüßung. „Bloß, weil Marten und ich so unsere Differenzen hatten. Aber ich bin Pazifist. Ich hab sogar den Wehrdienst verweigert. Woll’n Se das Schreiben seh’n?“
Brinkmann wehrte ab und bat um Einlass. „Immerhin hat man Ihre Schubkarre auf dem Grundstück der Martens gefunden. Voller Blut“, setzte er an.
Lürssen blinzelte irritiert. „Meine Schubkarre? Die kann doch jeder nehmen! Die ist so was wie’n kommunistisches Allgemeingut. So, wie bei der Polizei die Kugelschreiber oder die Kaffeebecher.“ Brinkmann dachte an seinen heiß geliebten Kaffeebecher mit dem alten Uli-Stein-Witz und hoffte, dass dieser während seiner Abwesenheit nicht als kommunistisches Allgemeingut missbraucht würde.
„Also, ich war’s nich“, begann Lürssen noch einmal, während er den Kommissar in ein staubiges Wohnzimmer führte. „Ja, wir ha’m uns gestritten. Ja, ich bin immer noch der Meinung, dass glückliche Hühner auf dem Grundstück viel besser aufgehoben wären, als noch so‘n Schweinemaststall. Der wollte 2000 Schweine auf drei Etagen mästen, ist doch pervers! Dabei gibt‘s 'ne echte Nachfrage nach Bio-Freilandeiern. Und Schweinefleisch essen immer weniger Leute. Das lohnt sich nur durch die Subventionen.“
Brinkmann schüttelte abwechselnd den Kopf oder nickte zustimmend. „Und wissen Se, wie der die Verwaltung rumgekriegt hat?“, schimpfte Lürssen weiter. „Er hat versprochen, den Kunstrasenplatz im Dorf zu sanieren! Kann ich mir natürlich nich‘ leisten.“
Brinkmann machte sich ein paar Notizen. „Aber trotz dieses handfesten Motivs haben Sie Herrn Marten nicht auf dem Gewissen?“, hakte er noch einmal nach.
„Sach ich doch! Das wär schlecht für’s Karma! Aber ha‘m Se schon mal bei diesen militanten Tierschützern nachgefragt, die hier neulich dieses Video gedreht haben? Die wären für mich echt verdächtig!“
Brinkmann horchte auf. „Was denn für ein Video?“
„Hier, gucken Se.“
Lürssen klappte den Laptop auf dem Wohnzimmertisch auf und klickte auf YouTube. Nach einem weiteren Klick öffnete sich ein Video, das augenscheinlich nachts auf dem Martenhof aufgenommen worden war. Es zeigte gequälte Schweine mit verlängerten Klauen in viel zu kleinen Ständen. Die Einstellung am Ende erschütterte Brinkmann besonders: Die Kamera hielt auf den offenen Container mit der Aufschrift „Kadavertonne“ und zoomte immer weiter an die toten Schweine heran. Nur Herrn Martens Leiche fehlte hier noch zwischen den Tierkörpern. Eine Stimme aus dem Off sprach von untragbaren Zuständen und mahnte an, dass dem Bauern trotz dieser Missstände eine weitere Mastanlage genehmigt worden war. Die Tierschützer bemühten sich nicht, anonym zu bleiben und blendeten am Ende des Films eine Kontaktadresse ein. Praktischerweise lag die Geschäftsstelle des Vereins in der gleichen Straße wie Brinkmanns Kommissariat. Der Ermittler bedankte sich hastig und verließ zügig das Haus. Vielleicht konnte er heute doch früher Feierabend machen?

Kommissar Brinkmann machte sich auf den Weg zu seinem Auto, das noch auf dem Martenhof stand. Plötzlich kamen die beiden Frauen aus dem Haus. Sie waren leichenblass, bewegten sich aber trotzdem unbeirrt auf den Kommissar zu.
„Herr Kommissar, ich möchte gestehen“, rief Henriette Roland schon von weitem.
Else Marten rammte ihr ihren Ellenbogen in die Seite. „Was erzählst du da? Ich habe ihn doch umgebracht!“
Der Kommissar blieb stehen und atmete tief durch. Was sollte das jetzt wieder werden? Für das Gefasel älterer Damen unter Schock hatte er wirklich keine Zeit. Inzwischen hatten sich die Frauen vor ihm aufgebaut.
„Ich bin schuld“, begann Henriette Roland noch einmal. „Ich habe Else endlich etwas erzählt, was ich schon vor langer Zeit hätte tun sollen. Ich bin Hebamme und gehe bald in den Ruhestand. Ich möchte meine Geheimnisse nicht mit ins Grab nehmen.“
Brinkmann sah Frau Roland verständnislos an.
„Es ging um die Geburt meines Sohnes Jens“, kam Frau Marten ihrer Freundin zur Hilfe. „Henriette war damals meine Hebamme. Jens ist hier auf dem Hof zur Welt gekommen. Das war ja damals noch üblich. Mir ging es bei der Geburt ziemlich schlecht.“
„Jens war keine Totgeburt“, erzählte Henriette weiter. „Er war nur … behindert. Als Holger gemerkt hat, dass mit dem Jungen was nicht stimmt, hat er ein scharfes Messer geholt und ihn abgestochen wie ein krankes Schwein. Dann hat er ihn zwischen den Kadavern versteckt. Er hat mir das Versprechen abgenommen, Else nichts zu sagen. Weil Else bei der Entbindung selbst fast gestorben wäre, hab ich mein Wort gehalten. Wir haben behauptet, Jens sei tot zur Welt gekommen und wir wollten ihr den traurigen Anblick ersparen. All die Jahre habe ich nichts gesagt. Bis gestern.“ Henriette Roland seufzte und ließ die Schultern hängen.
„Jedenfalls war ich es“, erklärte Else Marten nun bestimmt. „Als Holger eingeschlafen war, habe ich ihm mit einem scharfen Messer den Hals aufgeschlitzt. Weil ich nicht wusste, wie ich ihn aus dem Bett bekommen sollte, habe ich Henriette angerufen. Die ist dann mit der Schubkarre von Lürssen gekommen.“
Brinkmann blickte von einer Frau zur anderen. Holger Marten war zu Lebzeiten ein Schwein gewesen. Nun war er auch gestorben wie ein Schwein.
Der Wind frischte auf. Eines der frischgewaschenen, blütenweißen Laken riss sich von der Leine und wehte über den Hof auf die Kadavertonne zu. Trotz der Kochwäsche würde die Spurensicherung Martens Blut auf dem Stoff noch nachweisen können.

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