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3. Platz:

Cleopatra Lamantis

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Gespalten

Genre-Wettbewerb-Wettbewerb 2017 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Was ist normal? Paula Feddersen hat Blut am Arm. Woher kommt es? Sie kann sich nicht erinnern. Nach und nach erkennt der Leser, dass Paula anders ist. Sie sieht andere Personen, sie spricht mit ihnen, aber diese Personen sind nicht real. Sie sind in Paulas Kopf. Und eine davon, hat das Blut am Arm verursacht, eine davon hat getötet.
In Cleopatra Lamantis Kurzkrimi geht es um eine gespaltene Person, die einen Mord begeht. Einen Mord, an ihrem widerwärtigen Chef. Ist sie schuldig? Kann der Leser sie verurteilen, auch wenn sie vielleicht noch einen Mord begeht? Es ist die Stimmung, die in dieser Geschichte besticht. Der Leser wird misstrauisch, hier stimmt etwas nicht. Die Autorin gibt Hinweise, Personen, die miteinander reden, vorwurfsvoll, aggressiv, geheimnisvoll. Bis zum Schluss ist der Leser gespannt, bis zum Schluss und noch viel länger bleibt die Frage: Ist Paula schuldig?


Gespalten

Der rote Fleck am Arm fängt den Blick, den sie in den Spiegel beim Hauptausgang wirft. Sieht aus wie Blut! Ist das Blut? Und wenn ja, wie kommt es dahin? Paula Feddersen verlässt wie jeden Tag das Bürogebäude um 17:30. Der gefangen gehaltene Blick verstört ihr Gehirn so sehr, dass sie das „Pünktlich wie immer, Frau Feddersen“ des Pförtners in der Eingangshalle nur durch einen Nebel wahrnimmt.
Gewohnheitsmäßig formen ihre Lippen ein knappes „Auf Wiedersehen“. Der Novemberabend ist kühl und trocken. Sie tritt hinaus und geht Richtung Bushaltestelle.

Dieser Donnerstag hat wohlgeordnet begonnen: Aufstehen, frühstücken, dann zum Büro mit dem Bus, Mittag essen – alles wie immer. Regelmäßigkeit ist oberstes Gebot in ihrem Leben, ohne sie fühlt sie sich orientierungslos, verkrampft und verirrt. In drei Minuten kommt der Bus, sagt ein kurzer Blick auf ihre Uhr am Arm. Die rasche Bewegung entblößt erneut den Fleck daneben in der Farbe von getrocknetem Blut. Sorgsam verbirgt sie ihn wieder unter dem Ärmel des Mantels. Niemand darf ihn sehen, solange sie nicht weiß, woher er kommt und was er bedeutet.

„Schöner Abend heute“, gute Manieren sind immer eine saubere Decke für alles.
„Soll aber noch regnen“, gibt Otremba, der Busfahrer, zurück. „Dabei hatten wir doch letzte Zeit eine ganze Menge Regen.“
„Da haben Sie Recht.“ Wie einfach, ein Small Talk und wie beruhigend, die Gewohnheit!!
Im Bus kreisen ihre Gedanken um den vergangenen Arbeitstag: Der Morgen begann normal; was war dann schief gegangen? Die wichtige Besprechung des Chefs am Nachmittag? Von dort kam er übermütig zurück. Mit wenigen Schritten näherte er sich ihrem Stuhl von hinten. Seine Alkoholfahne überflutete sie mit Ekel, offensichtlich war das Geschäft gut gelaufen.

„Na Fetterchen“ eine abschätzige Anspielung auf ihre üppige, weibliche Figur, die auch ein eintöniger Hosenanzug nicht ausreichend verbergen kann, „immer schön fleißig!“ Sie hasste seine plumpen Zutraulichkeiten und noch mehr ihre eigene Wehrlosigkeit. Zur Salzsäule erstarrt saß sie da. Ein schriller Ton im rechten Ohr, dann stieg Übelkeit in ihr auf bis zur Nasenwurzel.

Nicht zum ersten Mal fand sie auf der Toilette die Erinnerung wieder, sie wusch sich sorgfältig die Hände. Es war Zeit, Feierabend zu machen, sie ging zurück zu ihrem Schreibtisch, holte Mantel und Tasche. Die Tür zum Zimmer des Chefs war geschlossen, alles war wie immer.

Der Bus hält nur wenige Schritte zu ihrem kleinen Häuschen, das Erbe ihrer Mutter, der gute Teil davon. Paulas Gesicht wird hart beim Gedanken an ihre Mutter. Sie war eine schwache Frau. Schnell schiebt Paula den Gedanken zur Seite, nur nicht in dieses Loch fallen, nein heute nicht. Heute muss sie stark sein, sie muss sofort runter gehen in den Keller. Angespannt sucht sie mit dem Schlüssel das Türschloss.

Im Keller schiebt sie das Regal zur Seite, öffnet die geheime Tür dahinter und tritt in den Frisiersalon ein. Noch ist niemand da. An den Wänden hängen drei große Spiegel, davor stehen Drehsessel und die Utensilien der anderen. Ihr Platz ist nüchtern und kahl. Prüfend schaut sie sich im Spiegel an. Der schmucklose Kurzhaarschnitt ihres aschblonden Haares, ihre schrägen olivgrünen Augen, kein Hauch von Schminke. Nein, sie verabscheut es, sich Farbe ins Gesicht zu schmieren. Ihr Blick fällt auf Chantalles Bereich, der beherbergt Schminkzeug jeglicher Art, Nagellack und rote Langhaarperücken. Ja, Chantalle ist ganz anders als sie, so körperlich. Sie nähert sich ihrem Spiegel und streichelt die roten Locken. Wieder das Ohrgeräusch und Übelkeit danach.

„Mach mir bitte keine Vorwürfe, ich kann nichts dafür!“ Ohne Umschweife kommt Chantalle zur Sache. „Aber wenn du mich fragst, er hat es verdient, das eitle Schwein. Du redest immer so ehrfurchtsvoll von deinem Chef, aber ich sage dir, die sind alle gleich, Freier, geile Böcke.“
„Warum bist du heute nicht bei mir gewesen? Du regelst das doch sonst für mich!!“ Einen Vorwurf kann Paula nicht aus ihrer Stimme heraushalten.
„Weil ich bei dir war“, ruft Dolores aus dem Hintergrund. „Der Typ ist immer widerwärtiger geworden, ich hab dem ein Ende gesetzt – und das kann nur ich.“ Dolores ist die dritte, schwarzer Bubikopf, geschmeidig wie ein Panther, ein Springmesser in der Hosentasche.
„Ich habe dich nicht um Hilfe gebeten, Dolores“, wirft Paula zaghaft ein.
„Ich mache, was ich will. Du bist so feige, Paula, es ist an der Zeit gewesen; du hättest das noch hundert Jahre ertragen.“
„Ja, aber ich will gar nicht, dass du das Haus verlässt! Es ist so unendlich mühsam, danach wieder alles in Ordnung zu bringen“.
„Ordnung! Scheiß drauf, Büromieze, wie immer angepasst, langweilig und komplett unterwürfig! Dein Chef kann dich beleidigen, erniedrigen, angrapschen und dir fällt nichts dazu ein. Wenn er weiter geht, ist dann Chantalle die billige Nutte, die den Rest für dich einsteckt.“
„Hey, hey“, meldet sich Chantalle zu Wort „beleidige mich nicht, von wegen billig… ich halte euch die geilen Böcke vom Hals.“
„Das brauchst du nicht!“, triumphiert Dolores, „wenn sie auf mich treffen, sind sie tot.“ „Was hast du mit ihm gemacht, Dolores? Um Himmels willen, nicht schon wieder!“ Paulas Augen weiten sich vor Entsetzen.
„Willst du mir Vorwürfe machen, Stiefvater war ein Drecksack, seit ihr klein wart, hat er euch befingert und...
„Nein, nein, nein“, Paula hält sich die Ohren zu, Tränen stürzen aus ihren Augen. „Red nicht davon, ich habe es dir verboten.“ Ihre tränenerstickte Stimme beeindruckt Dolores jedoch nicht im geringsten.
Chantalle reißt Dolores an den schwarzen Haaren. „Hör auf! Paula und ich hatten alles im Griff, ich habe sie ihr immer vom Leib gehalten, den Stiefvater genauso wie den Chef. Warum musstest du dich einmischen, Dolores, es war doch alles gut.“
„Was heißt schon gut? Ich lass mir nichts vorschreiben, ich gehöre auch zu euch. Was ist gut an einer Vergewaltigung? Und heute lag da ein schöner, spitzer Brieföffner.“
„Das wäre doch nur ein normaler Job mit einem Kunden geworden“, Chantalle zupft sich vor dem Spiegel ihre roten Locken zurecht.
„Und hätte er gezahlt?“
„Nicht mit Geld, aber dafür lässt er Paula in Ruhe dort arbeiten und du weißt doch, wie wichtig ihr das ist.“
Als Paula ihrem Namen hört, löst sie sich aus ihrer Erstarrung; immer streiten die beiden und Dolores bringt alle in Gefahr. Sie, Paula, gibt ihnen das bürgerliche Gesicht nach außen... das muss sie jetzt retten, sie muss den Frisiersalon sofort verlassen. In ihren Streit vertieft, bemerken die beiden nicht, wie Paula behutsam die Klinke drückt; als sie draußen ist, atmet sie auf, schließt die Tür ab und stellt das Kelleregal davor. Niemand würde einen weiteren Raum dahinter vermuten. Das Geschehene entwindet sich langsam ihrer Erinnerung.
Auf der untersten Kellerstufe überfällt sie jedoch der Klingelton ihres Handys: „Verdammt, ich habe es liegen lassen!“ Ihr Herz beginnt zu hämmern, sie zögert, aber sie benötigt ihr Handy.
Mit zitternden Händen bewegt sie erneut das Regal, öffnet die verborgene Tür. Wie immer ist niemand da, als sie eintritt.
Sofort nimmt sie den Anruf an: „Sind Sie Frau Paula Feddersen“ fragt eine schroffe, männliche Stimme am anderen Ende.
„Ja“, antwortet sie in brüchigem Ton.
„Hier spricht Hauptkommissar Jan Rechtler, wir stehen vor Ihrer Tür und müssen mit Ihnen reden.“
„Worum… worum geht es denn, ist etwas passiert?“
„Das sagen wir Ihnen im direkten Gespräch, öffnen Sie die Tür!“
„Ja… ja... selbstverständlich, ich komme – gleich.“
Schon wieder meldet sich ihr rechtes Ohr, doch bevor die Übelkeit ihrer habhaft werden kann, greift Dolores von hinten an und wirft sie zu Boden, schnappt sich das Handy und verschwindet. Von außen verriegelt sie die Tür und rückt das Regal an seinen Platz. Mit federndem Schritt geht sie nach oben. Noch auf der Treppe leckt sie mit der Zunge den Blutfleck vom Arm ab; mit der anderen Hand liebkost sie das kühle Metall ihres Springmessers in der Hosentasche. „Mal sehen, ob der sich zu benehmen weiß.“

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