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4. Platz:

Birgit Adam

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eBay für Fortgeschrittene

Genre-Wettbewerb-Wettbewerb 2017 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Anne-Marie ist reizbar, sie ist gewalttätig und sie mordet. Die Geschichte wird von Anne-Maries Mann erzählt. Er berichtet, wie alles angefangen und wie es geendet hat. Und es sind vor allem zwei Fragen, die sich dem Leser stellen: Warum ist Anne-Marie so gewalttätig? Und, und diese Frage ist vielleicht die wichtigere: Warum lassen sich alle in Anne-Maries Umgebung deren Gewalttätigkeit gefallen?

Es sind die Figuren, die den Leser faszinieren: Der mitmachende Ehemann, die kommandierende, brutale Anne-Marie. Und es ist das Milieu, das besticht: Menschen an der Armutsgrenze, Menschen, die alles verkaufen, was sie haben. Menschen, die nicht einmal davor zurückschrecken, den eigenen Sohn zu verkaufen.

Birgit Adam schreibt in einer kargen Sprache, bei der jedes Wort stimmt. Andeutungen geben dem Leser Raum für Fantasie. Die ehemals orangerote Karotte im Mund des Toten bleibt dem Leser unvergesslich.


eBay für Fortgeschrittene

„Nein, bist du bescheuert? Das Bild können wir so nicht nehmen. Das kauft uns ja keiner“, sagt Anne-Marie und plustert sich vor mir auf. Anne-Marie ist leicht reizbar; sehr leicht. Ich erinnere mich, wie wir den Dinosaurier von Max – unserem Junior – auf eBay verkauften. Dreizehn Aufnahmen musste ich machen, bis sie zufrieden war. Am Ende brachte das Plastikding mit dem abgebrochenen Bein nur fünfzig Cent ein. Beim Zwei-Mann-Zelt mit der kaputten Mittelstange waren es siebzehn Fotos. Anne-Marie weiß eben, was sie will.

Wann dieses eBay-Fieber bei Anne-Marie anfing, weiß ich nicht mehr so genau. Erinnern kann ich mich an den Abend, als es Thaisuppe gab, die nach nichts anderem, als nach Koriander schmeckte. Für die Suppe kratzten wir unsere letzten Groschen zusammen. Glücklicherweise fand ich noch ein paar Cent im Wäschekorb, der schon wochenlang vollgestopft neben der kaputten Waschmaschine vor sich hingammelte. Anne-Marie steuerte fünf Euro Pfandgeld bei. Für die zehn Alditüten und zwei Ikea-Shopper mit Bierdosen mussten wir sieben Mal zu Penny laufen. Vor dem Laden durchwühlte Anne-Marie auch noch den Mülleimer und geriet in Streit mit einem Obdachlosen.
„Ich habe die Colaflasche zuerst entdeckt.“
Sag‘s nicht, dachte ich noch, aber da schrie er schon: „Nein, ich!“
Er hätte auf mich hören sollen. Ich weiß, wie rechthaberisch Anne-Marie sein kann. Noch heute rieche ich das Desinfektionsmittel, das mir in der Notaufnahme in die Nase stieg, wohin wir den Obdachlosen brachten. Anne-Marie tat es dann doch leid, so arg hätte sie gar nicht zuschlagen wollen.

Auf dem Nachhauseweg entschlossen wir uns, die Thai-Suppe mit extra viel Koriander mitzunehmen. Als er uns reinkommen sah, wusste Thu, der nette Chinese, gleich Bescheid. Für Anne-Marie bemühte er sich seit Langem, alles besonders richtig zu machen. Einen gebrochenen Finger, wie beim letzten Mal, wollte er nicht mehr riskieren. Kaum verließen wir den Laden sah ich, wie er Räucherstäbchen anzündete. Anschließend hängte er das Schild Geschlossen an die Tür.

Neben dem Asiaten entdeckten wir einen neuen Laden. Dort verkaufte jemand gebrauchte Sachen. So wie ein Second-Hand-Laden für Klamotten, nur eben für andere Dinge. Im Schaufenster standen alte Skier, eine Betonmischmaschine, Nasenringe (inklusive Popel) und ein Gebiss.

„Das ist es“, sagte Anne-Marie da. „Wir brauchen einen eBay-Account.“

Sie wollte unsere alten Sachen verkaufen. Das Problem war nur, wir besaßen keinen Computer. Aber der Holger über uns, der hatte einen. Ich schlug vor, ihn bei Gelegenheit zu fragen, ob wir ihn ausleihen dürfen. Anne-Marie wollte nicht warten. Am Abend hatten wir dann einen. Kurz darauf war Holger ausgezogen.

Eine Weile verkauften wir wirklich gut, Anne-Marie war zufrieden. Wir verscherbelten die Sofakissen, den Fernseher, die Stereoanlage und dann auch das Sofa; die Spielsachen von Max, den Herd, die Spüle; später die Küchenschränke. Das Geld gaben wir für Essen bei Lieferando aus. Nur den Tisch, auf dem der Computer stand, verkauften wir nicht. Als Anne-Marie auf einmal vorschlug, ich sollte unseren Sohn fotografieren, brachte ich den Max zur Oma. Dort gab es auch wieder Spielsachen für ihn.

Irgendwann verkauften wir sogar die kaputte Waschmaschine; dann hatten wir nichts mehr.

Anne-Maries Laune ging endgültig den Bach runter, als es anfing zu schneien. Die kalte und glitschige Jahreszeit mochte sie überhaupt nicht. Wir glotzten tagelang trübsinnig zum Fenster hinaus. Auf dem Bolzplatz gegenüber bauten einige Kinder einen Schneemann und steckten ihm eine orangefarbene Karotte ins Gesicht. Andere kreischten beim Schneeballwerfen. Unser Nachbar von links radelte auf seinem weißen Fahrrad vorbei, lachte und winkte den Kindern zu. Anne-Marie war nicht zum Lachen. Sie öffnete das Fenster und rief: „Ruhe ihr Rotzgören! Es ist Mittagspause. Verschwindet!“

Unser Nachbar traute sich zu sagen: „Jetzt haben sie sich nicht so.“

Schnell schlug ich das Fenster zu und Anne-Marie vor: „Lass uns mal nachsehen, ob unsere angebrochene Packung Melissen-Tee ersteigert worden ist.“

Anne-Marie starrte mich einige Sekunden lang ganz komisch an, mir war, als änderte sich ihre Augenfarbe, in Rot vielleicht. Es lief mir eiskalt den Rücken hinunter. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich noch etwas sagen sollte. Wortlos drehte sie sich von unserem Fensterplatz weg. Sie wolle eine Runde um den Block spazieren, alleine.

Als sie zurückkam, war es bereits dunkel. Sie brachte frische, kalte Luft in unser muffiges Wohnzimmer. Ich bemerkte gleich ihre gute Laune. Mit klammen Fingern stellte sie zwei Plastiktüten in unsere leere Küche. Den ganzen Abend verbrachten wir damit, unseren Ebay-Account mit den neuen Dingen aufzufüllen, die sie mitgebracht hatte. Der Rubel rollte wieder. Ein paar Tage später las ich in einer Anzeige am schwarzen Brett im Hausflur, für die Wohnung links wird ein neuer Mieter gesucht.

Der Winter in diesem Jahr war besonders kalt. Die Temperatur lag viele Tage unter dem Gefrierpunkt, sogar der kleine Teich vom Bolzplatz war zugefroren. Doch für Weihnachten wurde Tauwetter angesagt. Um unsere Stimmung zum Fest aufzuhellen, wollten wir einen Gänsebraten bestellen. Dazu brauchten wir neues Geld. Anne-Marie holte ihr Handy und zeigte mir ein Foto von einem Fahrrad. Ich setzte mich gleich an den Computer, dachte so bei mir, wer wird schon ein Fahrrad kaufen, das eingefroren in einem Teich lag. Anne-Marie lief wie ein aufgeputschter Weihnachtself vor mir auf und ab. Sie war nicht zufrieden mit der Anzeige, ihr Gesicht war rot wie eine Christbaumkugel. Ich war sehr erleichtert, als sie mich losschickte, ein neues Bild von dem Rad im Teich zu knipsen.

Das Fahrrad war in dem aufgetauten Teich fast versunken, ich konnte nur noch das Hinterrad entdecken. Wie ich so dastand und nachdachte, schoss auf einmal unser Nachbar von links an die Wasseroberfläche und trieb geruhsam ans Ufer. Seine toten Augen hatten einen überraschten Ausdruck. In seinem Mund steckte die Karotte des geschmolzenen Schneemannes. Aus dem leuchtenden Orange ist ein schmutziges Gelb geworden.

Heute haben Max und ich neue Namen und leben mit Oma in einer anderen Stadt. Von Anne-Marie höre ich manchmal durch meinen Anwalt. Sie verkauft noch immer auf eBay Sachen von ihren Gefängniskolleginnen. Nur manchmal muss sie in die Gummizelle.

Koriander esse ich keinen mehr.

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