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5. Platz:

Konstantin v. Erzberg

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Der Tod reist mit

Genre-Wettbewerb-Wettbewerb 2017 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Katrin Maidorf wähnt sich in einem Polizeiauto. Sie sitzt auf dem Rücksitz und versucht sich zu erinnern. Ihr Schädel brummt, jemand hatte ihr einen Gegenstand auf den Kopf geschlagen ...
Wie die Hauptfigur, so glaubt auch der Leser zuerst, dass sich Katrin in Sicherheit befindet. Aber nach und nach werden die Hauptfigur und mit ihr die Leser misstrauisch. Bis schließlich klar ist: Sie sitzt in der Falle und muss sterben.

Der Autor spielt mit den falschen Erwartungen des Lesers. Die Polizei, die die Ordnung wiederherstellen sollte, ist in dieser Geschichte der Täter. Zurück bleibt Angst und die Vorstellung: Das kann auch mir passieren. Konstantin v. Erzbergs Krimi ist klug durchdacht und spannend bis zum Schluss.


Der Tod reist mit

„Erinnern Sie sich an etwas?“
Die Stimme, die beruhigend und monoton auf sie einredete, echote wie in einem Tunnel. Erst langsam kam sie zu sich. Ihr Kopf, er dröhnte, als würden tausend Hämmer wild durcheinander auf sie einschlagen. Wieder vernahm sie die freundliche Stimme: „Erinnern Sie sich an etwas?“
Nein, sie erinnerte sich an gar nichts. Das einzige, was sie wahrnahm, waren ungeheure Kopfschmerzen.
„Was ist denn passiert?“, brachte sich schließlich heraus.
„Sagt Ihnen der Name Probst etwas? Susanne Probst? Es ist wichtig, dass Sie sich erinnern.“
,Susanne Probst, Susanne Probst.‘ Sie versuchte nachzudenken. Da waren irgendwelche Bilder, aber die Kopfschmerzen waren stärker. Sie brachte keinen klaren Gedanken hervor. Wieder fragte sie: „Was ist denn passiert?“
„Wir fanden sie in der Wohnung von Susanne Probst. Sagt Ihnen der Name denn gar nichts?“
,Doch natürlich, Susanne.‘ Mehr und mehr nahm sie wahr, wo sie sich befand. Sie war fest in eine Decke gehüllt auf dem Rücksitz eines Wagens, den Kopf an Vordersitz und Fensterscheibe gelehnt. Die Stimme, die sich wieder freundlich nach ihrem Befinden erkundigte, gehörte zu dem Fahrer direkt vor ihr. An ihr glitten die Lichter des nächtlichen Bochum vorbei.
„Wo bin ich?“, fragte sie leise.
„Sie sind in einem Polizeiwagen – und in Sicherheit. Erinnern Sie sich an etwas?“
,In Sicherheit, wieso in Sicherheit?‘, fragte sie sich.
Schlagartig waren die Erinnerungen wieder da. Sie war in Susannes Wohnung gewesen, um Unterlagen und Beweismaterial zu sichten. Susanne hatte sie angerufen und von einem „Riesenknüller“ erzählt. Ab und an kam Susanne mit solchen unglaublichen Geschichten auf Sie zu und fragte, ob sie sie für ihre Zeitung ankaufen wollte.

Ihre Gedanken wurden von der Stimme des Mannes gestört: „Erinnern Sie sich an etwas? Erinnern Sie sich an Susanne Probst?“
„Ja“, sagte sie langsam, „Susanne ist eine Freundin von mir, sie ist freie Journalistin, und manchmal kaufe ich Berichte von ihr an.“
„Sehr gut und weiter?“
„Sie hatte mich angerufen, um mir von einer Story zu erzählen und – oh, mein Gott!“ Plötzlich sah sie Susanne an ihrem Schreibtisch sitzen. Der Computer war angeschaltet, aufgerufene Dateien waren zu sehen. Ihr Kopf lag schräg auf der Tastatur, ihr Gesicht war zu Seite gewandt mit aufgerissenen stumpfen Augen. An ihrem Hinterkopf bis zur Schläfe klaffte eine tiefe Wunde. Das Blut lief ihr über ihr blondes Haar und das Gesicht auf die Tastatur.
Sie schrie auf. „Oh, mein Gott, ist sie tot?“
„Beruhigen Sie sich“, kam es von vorne, „Sie sind in Sicherheit.“

Nach einer Weile sagte der Mann: „Für Ihre Freundin können wir leider nichts mehr tun. Aber sie können helfen, den Täter zu fassen. Deshalb ist es so wichtig, dass Sie sich erinnern. Am besten, Sie fangen ganz vorne an: Wer Sie sind, in welcher Beziehung Sie zu Susanne Probst standen und was sie heute in der Wohnung gesehen haben.“
Ihre Gedanken waren auf einmal wieder ganz klar.
„Ich heiße Katrin Maidorf und arbeite für die Bochumer Allgemeine Zeitung. Ich kenne Susanne seit einigen Jahren und kaufe, wie ich schon sagte, hin und wieder Artikel von ihr an. Heute Vormittag rief sie mich wieder an und fragte, ob ich Interesse an einer „Riesensache“ hätte. Es wäre wichtig, dass wir uns noch heute sehen. Sie sagte, dass sie danach für ein paar Wochen die Stadt verlassen wollte.“
„Hat sie sonst noch etwas über diese Geschichte erzählt?“
„Nicht direkt, aber ich weiß, dass Sie in unserem Archiv zur neuen innerstädtischen Müllverbrennungsanlage und zu dem Innensenator recherchiert hat, der dieses umstrittene Projekt schließlich genehmigt hat. Meinen Sie, es hat irgendetwas damit zu tun?“
„Das lässt sich bislang nicht sagen. Sie verstehen, dass wir uns an die Fakten halten. Und was geschah dann in der Wohnung?“
„Wir waren um 9 Uhr abends verabredet, aber ich konnte mich früher freimachen und war schon etwa eine halbe Stunde eher da. Ich stand vor der Tür und hörte Stimmen, die ich aber nicht kannte. Ich glaube, es waren zwei Männerstimmen. Als ich dann anklopfte, war für einen Moment alles still. Dann wurde die Tür geöffnet und ich ging ein paar Schritte hinein. Ich sah Susanne an ihrem Schreibtisch, wie sie quer über der Tastatur lag. Im nächsten Moment spürte ich einen Schlag auf meinem Hinterkopf. Das ist alles, woran ich mich erinnere.“
„Haben Sie die Männer in der Wohnung gesehen? Es ist wirklich sehr wichtig.“
„Nein. Als mir die Tür geöffnet wurde, hat sich der Mann, ich glaube, es war ein Mann, seitlich dahinter verborgen. Ich konnte nichts erkennen. Ich sah direkt ins Wohnzimmer und wie Susanne auf ihrem Schreibtisch lag. Dann bekam ich den Schlag auf den Kopf.“
Der Mann am Lenkrad wirkte zufrieden.
„Wohin fahren wir eigentlich?“
„Zur Kriminalpsychologin. Sie wohnt etwas außerhalb. Sie wird ihn noch einmal die gleichen Fragen stellen.“
Katrin dröhnte noch immer der Schädel.
„Wissen Sie“, ergänzte der Mann, „je früher man sich erinnert, umso eher kann man die Aussage verwerten. Je länger man mit der Befragung wartet, umso höher ist das Risiko, dass das Gehirn die Dinge „verarbeitet". Schock und Selbstschutz lassen dann häufig ganz andere Bilder im Kopf entstehen. Manchmal kommen zwar die wirklichen Erinnerungen zurück, aber das ist keinesfalls sicher.“
Katrin dämmerte vornüber gebeugt vor sich hin. Wieder waren die Kopfschmerzen mit ungeheurer Intensität zurückgekehrt. Katrin versuchte, sich den Kopf zu halten. Mühsam wickelte sie sich aus der Decke, aber irgendetwas behinderte sie. Als sie die Decke endlich beiseite gezerrt hatte, erkannte sie, dass sie Handschellen trug. Entsetzt starrte sie auf ihre Handgelenke.
„Ich schwöre, ich habe nichts mit dem Tod von Susanne zu tun.“, stammelte sie aufgeregt. „Sie halten mich doch nicht wirklich für eine Mörderin, oder?“
Der Mann sah sie über den Rückspiegel an und beschwichtigte: „Die Handschellen sind nur zu Ihrem eigenen Schutz. Als wir Sie fanden und Sie aufwachten, waren Sie ganz hysterisch und haben um sich geschlagen. Dann haben sie ihre tote Freundin gesehen und wurden ohnmächtig. Wir haben sie daraufhin hier den Wagen gesetzt.“
„Wo ist Ihr Kollege eigentlich jetzt?“, fragte Katrin, innerlich erleichtert, dass ihr keine Mordanklage drohte.
„Der wartet auf die Spurensicherung und kommt dann nach.“
Katrin blickte ziellos vor sich hin. Die dichte Bebauung der Stadt war vereinzelten Häusern gewichen, zwischen denen sich größere Baumgruppen und kleinere Waldstücke erstreckten. Es war schrecklich, an Susannes Tod zu denken. Es war, als wäre der Tod plastisch anwesend.
Der Mann schaltete gerade in den nächsten Gang, als sie an seinem Handgelenk ein aufwändig gearbeitetes Goldkettchen sah. Es war mit Silberfäden durchwirkt und hatte kleine gold-silberne Anhänger, auf denen man ein Kreuz, einen Davidstern und einen Halbmond erkennen konnte.
„Hübscher Anhänger“, sagte Katrin wie in Gedanken.
„Ein Geschenk meiner verstorbenen Frau.“, erwiderte der Mann.
Katrin kam dieser Satz irgendwie bekannt vor. Genau diese Worte hatte sie schon einmal gehört, aber wo?
„Sie sagte immer, Feinde hat man schon genug auf der Welt, da kann ein bisschen Toleranz nicht schaden.“, ergänzte der Mann. Jetzt erinnerte sich Katrin wieder. Sie hatte den Mann mit Susanne in einem Café gesehen, so etwa vor fünf Monaten, als sie die Recherche zu der Müllverbrennungsanlage begann. Der Mann und Susanne wirkten sehr vertraut miteinander. Sie, Katrin, war kurz an den Tisch gegangen, um ,Hallo‘ zu sagen und hatte schon damals das Kettchen bewundert.
„Kannten Sie Susanne näher?“, fragte Katrin.
„Nein“, sagte der Mann. „Ich sah sie heute zum ersten Mal.“
Katrin starrte erneut auf das Armband. Sie fragte sich, ob sie sich irrte, aber das konnte eigentlich nicht sein. Es waren wirklich dieselben Worte gewesen.
Der Mann schien ihre Skepsis zu bemerken und wirkt auf einmal sehr angespannt. Häufig sah er Katrin über den Rückspiegel direkt an. Unvermittelt fuhr er in einen kleinen Waldweg und stoppte den Wagen. Er stieg aus und öffnete Katrins Tür. Katrin sah in den Lauf einer Pistole.
„Raus jetzt!“, sagte der Mann barsch.
Als Katrin nicht sofort reagierte, zerrte er sie heraus.
„Wirklich schade“, sagte der Mann, „Wer sich an nichts erinnern kann, dem passiert auch nichts! An das Armband habe ich leider nicht gedacht. Dabei lief alles so gut für Sie: keine verwertbare Erinnerung und niemanden gesehen….“
„Damit kommen Sie nicht durch! Ihr Kollege weiß, dass ich bei Ihnen bin und die Kriminalpsychologin auch.“
„Die Psychologin weiß noch gar nichts und mein Kumpel steckt ebenso mit drin. Und, falls Sie es noch wissen wollen, es war eine Korruptionsaffäre innerhalb der Polizei. Susanne hat unsere Beziehung ausgenutzt, um heimlich an Daten heranzukommen. Egal, Zeit zum Sterben!“
Er richtete die Waffe auf Katrin und schoss dann durch die Decke zweimal auf sie. Die Schüsse waren kaum zu hören. Katrin sank auf den Boden. Ein paar Herzschläge noch sah sie auf das grüne Laub. Dann sah sie nichts mehr.

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