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1. Platz:

Elisabeth Scharp

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Der letzte Anruf

Genre-Wettbewerb-Wettbewerb 2018 Runde I

Das Urteil der Jury:

Die Geschichte beginnt mit Langeweile und dem ironisierten Selbstmitleid einer jungen Frau, die im Callcenter arbeitet. Während sie sich noch für ihre eigene Trägheit beschimpft und sich nach Sinn sehnt, ruft eine alte Dame an, die ihre Zeitung abbestellen möchte, weil sie sich zum Sterben in eine „Einrichtung“ begeben wird. Als die alte Dame das erzählt, durchfährt den Leser ein Ruck – ebenso wie die Callcenter-Frau. Dieser Augenblick ist der Angelpunkt einer rührend schönen Geschichte, die aber beim Erzählen ganz ohne Kitsch und Pathos auskommt. Fast sachlich erzählt Elisabeth Scharp in einer jungen, klaren, bildreichen Sprache 10 Minuten, in denen zwei Leben aufeinander treffen. Mehr Spannung schafft kein Krimi. Und das 2-Taschentuch-Ende - wunderschön!


Der letzte Anruf

Freitag, kurz vor sechs. Moment mal, war es eben nicht schon genauso spät? Diese Uhr scheint sich für meine Sehnsucht nach Feierabend nicht im Geringsten zu interessieren. Im Gegenteil, ihr Ticken klingt wie ein Kichern, weil sie die Macht hat, mich auf ewig an diesem Ort festzuhalten, wenn sie einfach so, vielleicht sogar aus reiner Bosheit, den Sekundenzeiger anhielte.
Schnell fange ich an, den Schreibtisch aufzuräumen, aber auch dadurch lassen sich Zeit und Raum nicht austricksen, es ist immer noch zehn Minuten vor Wochenende, und so lange bin ich hier noch festgenagelt. Mit der Entdeckung der Relativität hat Einstein scheinbar ganz nebenbei auch mein Dasein beeinflusst, denn ich bin relativ unglücklich und auch diese blöde Uhr verhält sich entsprechend seiner Theorie. In meiner Pause treibt sie ihre Zeiger gnadenlos voran und macht so aus dreißig gefühlte zehn Minuten.
Ich seufze tief und laut, fast bereit, mich meinem Schicksal zu ergeben, ich bin immer noch hier. Obwohl ich nur ein Jahr hier arbeiten wollte, hat mich dieses verflixte Callcenter vor drei Jahren mit Leib und Seele gefressen und genau wie die lachende Uhr, habe ich mich seither kein Stück weiter bewegt. Sechsunddreißig Monate, und alles, was ich herausgefunden habe, ist, was ich nicht will... nicht hier sein, nicht alleine sein, nicht sinnlos sein, nicht einen Tag, keine Woche und schon gar nicht mein ganzes Leben.
Tatsächlich habe ich gar keine Ahnung, warum ich eigentlich so dringend nach Hause will, dort wartet eigentlich gar nichts Besonderes auf mich. Ein paar dreckige Teller und ein Telefon, was, im Gegensatz zu diesem hier, viel zu selten klingelt, mehr habe ich heute Morgen nicht zurückgelassen. Na ja, außer meiner Selbstachtung, die müsste ich auch noch irgendwo vergraben haben. Vielleicht suche ich mal bei meinen Träumen von Liebe und Leidenschaft oder im Korb mit der dreckigen Wäsche. Fünf vor Sechs. Die Uhr ist also doch nicht kaputt und als ich noch so denke, die fünf Minuten bis zu meiner Sinn leeren Freizeit werde ich nun doch noch irgendwie schaffen, da klingelt auch schon das Telefon. Natürlich, ist ja klar, dass ich noch diesen einen, letzten Anruf bekomme, ab jetzt läuft die Zeit für mich erst mal wieder rückwärts. Schnell entwirre ich meine vertüdelte Kopfhörerschnur. Ich schaffe das und zum sechsundachtzigsten Mal an diesem Tag höre ich mich mechanisch sagen „Willkommen bei Ihrem Zeitschriften Service Leseglück, wie darf ich Ihnen behilflich sein?“, dabei verdrehe ich die Augen Richtung Nase und versuche gleichzeitig, sie mit der Zunge zu erreichen.
Eine Frauenstimme „Guten Abend, ich hoffe ich störe Sie nicht, so kurz vor Ihrem Feierabend?“ Es klingt ein bisschen kratzig, gefolgt von einem leisen Rasseln, wenn sie in den Hörer atmet.
Ach, was für eine Vorlage, wie gerne möchte ich ihr sagen, dass sie den Nagel auf den Kopf getroffen hat. ´Jaaaa, Sie stören mich! Genau wie alle Anderen, die heute bereits vor Ihnen angerufen haben, auch wenn ich überhaupt nicht weiß, was ich sonst mit mir anfangen soll, wenn ich nicht gerade für einen Hungerlohn an diesem seelenlosen Ort rumhänge, aber Sie stören mich beim Untergang in meiner Selbstmitleidssuppe! Bitte rufen Sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder an, am besten nach Sechs!´
Da ich aber auch weiterhin Miete bezahlen muss, damit ich irgendwo meine dreckigen Träume und die Leichen von Liebe und Leidenschaft aufbewahren kann, sage ich, bis aufs Äußerste geschult, „Aber nein, dafür bin ich doch da, bitte nennen Sie mir Ihre Kundennummer.“ Während die Dame in ihren Unterlagen raschelt und weiterhin schwer in mein Ohr schnauft, räume ich Gummibärchen und Stressball in meine abschließbare Schublade und versuche, das Alter meiner Anruferin einzuschätzen.
Als sie mir die Zahlen nennt, auf die ich gewartet habe, stelle ich sie mir so um die siebzig Jahre alt vor. In meiner Fantasie sitzt sie in einem geblümten Ohrensessel mit gehäkelten Schonbezügen, eine schnurrende Katze auf ihrem Schoss. „Wissen Sie, ich muss leider mein Zeitungsabonnement kündigen,“ knarzt es durch die Leitung, „ich habe diese Zeitschrift immer sehr gerne gelesen,“ in meinen Gedanken füge ich eine Lesebrille hinzu, „aber nun brauche ich sie nicht mehr.“ Das war ja nun einfach, ich erledige die Kündigung und somit auch den Anruf und schwups, sitze ich auf dem Fahrrad Richtung DVD Player und Schokoladeneis. „Das kann ich hier sofort für Sie erledigen, allerdings wird die Kündigung erst am Ende des Monats wirksam, so dass sie noch 4 weitere Ausgaben erhalten werden, lassen Sie uns nur noch kurz ein paar Daten vergleichen.“ Professionell will ich mich verhalten, meine Aufgabe abarbeiten, mein Aufenthalt hier ist kaum noch auszuhalten, als die Dame etwas sagt, was umgehend jedes noch so kleine Härchen auf meiner Haut aufstellt. „Ach, wissen Sie, bis dahin werde ich längst tot sein!“ Ist es der Sinn ihrer Worte, der nur langsam durchsickert, oder die Art, wie sie es gesagt hat...werde ich längst tot sein!
Mein Mund ist jedenfalls noch in derselben Sekunde staubtrocken. Wieder diese ganz eigene Empfindung von Zeit. Feierabend ? Genauso gut könnte ich jetzt zu Fuß nach Australien starten, beides scheint mir gleich weit entfernt. „Sind Sie noch dran?“, dringt es verunsichert zu mir durch, während ich auf der Suche nach Spucke meine Lippen befeuchte und ich sage irgendetwas wie ´ach sagen Sie doch das nicht, Sie sind doch noch jung´ oder einen ähnlichen Quatsch, den ja doch keiner glaubt, allem voran die Oma mit der Lesebrille.
„Oh doch, ich bin sehr krank, mir bleiben nur noch wenige Wochen, weshalb ich in eine spezielle Einrichtung gehen werde. Alle sagen mir, das wäre nur zu meinem Besten, ich habe es so oft gehört, dass ich es nun fast selber glaube. Zum Glück gibt es dort einen Fernseher. Noch einmal „Frühstück bei Tiffany“ sehen und dann sterben.“ Jetzt höre ich sie doch tatsächlich kichern, ein jugendliches und schelmisches Giggeln, ein Fingerabdruck von der Person, die sie gewesen ist, vor vielen Jahren, bevor der Tod sich mit auf den Ohrensessel gesetzt hat. Ich möchte weinen, auf der Stelle, sofort und jetzt! Nicht nur um die Oma, die ich ja bis eben gar nicht kannte, nein, auch um mich. Um meine Zukunft, die zwar doch einigermaßen trostlos und ebenso schwarz-weiß wie ein Film mit Audrey anmutet, aber immerhin hatte ich sie noch vor mir.
Aber ich weine nicht. Wer immer sie auch ist, was immer sie in ihrem Leben getan hat, sie hat es nicht verdient, meinen Gefühlsgulasch kosten zu müssen, allerdings macht ihr nächster Satz die Sache doppelt schwierig. „Sie scheinen nun bedrückt zu sein, das tut mir leid, ich rede immer zu viel, das hat mein Heinrich schon immer gesagt. Dabei möchte ich nur noch einige Dinge regeln. Dies ist nun mein letztes Telefonat, bevor ich am Montag abgeholt werde.“ Eine peinliche Pause entsteht, diese vielen Worte scheinen sie erschöpft zu haben. Ich bin lieber still, möchte sie nicht stören, war das nicht eben noch andersherum? Sie seufzt, nun von lauterem Rasseln begleitet, einen abgrundtiefen Seufzer, „Leider darf ich meine Katze nicht mitnehmen, am Montag wird sie in ein Tierheim kommen, ebenfalls zum Sterben, nehme ich an, denn sie ist seit 12 Jahren bei mir, war noch nie wo anders, das wird sie nicht überleben. Dort wird es so viele Katzen geben...“ Sie schnüffelt, muss Luft holen, kann den Satz nicht zu Ende sprechen. Und erst jetzt, wo diese todkranke Frau mir von ihrer Katze erzählt, weicht die Fröhlichkeit aus ihrer Stimme und es schwebt nur noch bodenlose Traurigkeit durch das Weltall, überzieht jeden Satelliten mit Rost, friert meine Ohren ein. Ich kann in jeder einzelnen Sekunde fühlen, wie es geschieht.
Diese Frau ruft hier an, um ihre Zeitung zu kündigen, obwohl sie die Sekunden bis zu ihrem Tod wohl zählen könnte und dann soll sie sich auch noch von ihrem vielleicht einzigen Freund verabschieden. Mein Wunsch nach wilden Tränen ist nun dem Wunsch nach einem wilden Schrei gewichen, ich möchte alles hinausschreien, vor allem meine eigene Dummheit, dachte ich vor 10 Minuten wirklich noch, ich hätte Probleme? Tief einatmen, ich versuche nun doch mal ein paar Tricks aus dem Telefontraining, wobei ich mir schon sicher bin, dass uns niemand beigebracht hat, wie man mit toten Menschen spricht, die ihre Fernsehzeitung nicht mehr brauchen. Vielleicht könnte ich einfach auflegen, dann würde Omi erst am Montag wieder jemanden erreichen, was ja dann sowieso zu spät wäre. Ja, dass könnte ich tun und dann alle Spiegel der Welt abhängen, da ich mich darin nie wieder betrachten könnte.
Die Uhr an der neu gestrichenen Wand springt auf sechs, und ich höre mich etwas sagen, was keiner Schulung entspringt, mich selbst überrascht und sich gleichzeitig wunderbar richtig anfühlt. “Darf ich mir Ihre Katze vielleicht mal ansehen?“
Und als ich heute Feierabend mache, besorge ich noch Eis für zwei Personen und ein paar DVDs mit Audrey Hepburn.

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