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2. Platz:

Gudrun Hopert

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Meine Mutter

Genre-Wettbewerb-Wettbewerb 2018 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Das Thema Mutter-Tochter ist wohl niemals verbraucht, weil Mütter nun mal die wichtigsten Menschen im Leben sind. So große Erwartungen, solch tiefe Bedürfnisse werden mit ihnen verknüpft. Und was, wenn sie dem nicht entsprechen – nicht entsprechen können? Denn Mütter haben ihre eigene Geschichte. Gudrun Hopert hat sich für ihre Abrechnung eine Nacht im Krankenhaus ausgesucht, die letzte Chance auf Versöhnung. In wenigen harten, treffenden Worten fasst die Ich-Erzählerin ihre Enttäuschung zusammen. Hautnah erlebt man ihren Kampf darum, vergeben zu können. Und die Trauer und die Scham über verpasste Gelegenheiten. Nur ein schwach versöhnliches Ende, alles andere wäre gelogen. Eine ganz starke Zeichnung mit Worten, ehrlich bis zur Nacktheit.


Meine Mutter

„Wie kann ich Ihnen helfen?“ Eine korpulente kleine Frau in Birkenstocksandalen schaut mich freundlich an.

„Äh ja, ich möchte zu Frau Steinbeißer, meine…Mutter.“ Das Wort Mutter bildet einen säuerlichen Kloß in meinem Mund.

„Sie bekommt starke Schmerzmittel und schläft sehr viel, sie hat aber mehrfach nach Ihnen gefragt. Sie sind doch Marianne Witte? Sie sprach ganz liebevoll von einer ‚Nanni‘.“

Das Adjektiv liebevoll im Zusammenhang mit meiner Mutter überrascht mich, der Kloß gewinnt an Bitterkeit. Die Signale der Überwachungsmonitore dringen gedämpft an mein Ohr, das Zischen der Beatmungsmaschinen, ein ferner Wasserfall. Schwester Aurora lese ich auf ihrem Namensschildchen, was für ein hübscher Name, irgendwie tröstlich. Sie deutet auf eine Reihe von Plastikstühlen, deren Lehnen schmutzige Streifen an der Flurwand hinterlassen haben und hastet, vom Telefongebimmel gerufen, ins Stationszimmer. Ich setze mich und stelle mir vor, wie ein übermüdeter Arzt mit beileidsvoller Stimme verkündet, dass meine Mutter soeben verstorben sei. Erst dann wäre meine ewige Kindheit vorbei, meine Sehnsucht nach Mutterliebe erloschen. Der harte Rand der Stuhllehne drückt mir in den Rücken, kalte Wellen der Anspannung schwappen durch meinen Körper. Den Rücken gekrümmt und den Kopf gebeugt, die Hände unter die Oberschenkel geschoben, schiebe ich meine Füße wie ein Kind auf dem Linoleum hin und her.

„Frau Witte, Sie können jetzt zu ihrer Mutter“. Schwester Aurora steht vor meinen Knien und beugt sich herab. „Alles in Ordnung?“ Sie ergreift meinen Ellenbogen und zieht mich hoch. Ich schlüpfe in einen Krankenhauskittel, wickele die Stoffbahnen um mich, bis ich den Klettverschluss erwische.

Durch einen Gang, der an beiden Seiten von Glaswänden begrenzt ist, gehe ich einer Situation entgegen, der ich lieber ausweichen möchte. Patienten liegen zu zweit oder allein rechts und links in den Zimmern, die Türen sind geöffnet. Von Beatmungsgeräten und Infusionsnadeln malträtiert, blinkende Lämpchen und endlos laufende bunte Linien im Display der Apparate über ihren Köpfen, werden sie am Leben erhalten oder am Sterben gehindert. Der Geruch nach Desinfektionsmitteln mischt sich mit dem süßlichen Duft überreifer Äpfel.

„Wie laut und doch leise es hier ist. Eine eigenartige Atmosphäre.“ Meine Schritte werden kürzer, ich schlucke schwer und huste.

„Sie haben Glück, heute ist es ruhig. Nachts kehrt ein bisschen Ruhe ein.“

„Glück, was hat das Glück denn hier verloren? Das Ganze kommt mir vor wie ein gläsernes Labyrinth, aus dem es kein Entrinnen gibt. Kann ich ja froh sein, wenn ich zu Hause tot umfalle“. Mein sarkastischer Monolog prallt an Schwester Aurora ab. Unbeirrt segelt sie vor mir her, biegt in eine der gläsernen Waben ab. Das Licht, blaugrün, strömt durch den Raum, nur Atmen und Stille.

„Frau Steinbeißer, Ihre Tochter ist hier.“ Aurora hat die Hand an die Wange einer alten Frau gelegt, streichelt sie und spricht behutsam zu ihr. Das ist meine Mutter?

„Das muss eine Verwechslung sein“, erleichtert straffe ich die Schultern, „Meine Mutter ist eine dominante Frau mit harten Augen und einen strengen Rasierklingenmund.“

„Es ist immer ein Schock, seine geliebte Mutter in so einem Zustand zu sehen. Kommen Sie näher, Sie spürt Ihre …“

„Sie ist kein liebevoller Mensch und schon gar nicht meine geliebte Mutter.“ Aufgebracht schüttele ich den Kopf und verachte die ausgemergelte Greisin in dem Krankenhausbett. Ich reagiere mitleidlos, bin ganz die Tochter einer gefühlsarmen Mutter.

„Sprechen Sie mit ihr. Suchen Sie einen Weg, um sich voneinander zu verabschieden. Weinen Sie, lachen Sie, erzählen Sie aus der gemeinsamen Vergangenheit. Alles ist gut, nur nicht schweigen und weglaufen.“

Scheu betrachtete ich das faltige, trockene Gesicht mit den zwei tiefen Kerben zwischen den Augenbrauen. Lippen und Nase glänzen matt, überzogen mit Vaseline. Das Morphium hat den schmerzgeplagten Körper in ein gefüttertes Etui gebettet, die Sinne betäubt. Aus dünnen Schläuchen, die in den Nasenlöchern verschwinden, strömt Sauerstoff in ihre Lunge und beständig, mit langen Pausen zwischen Ein- und Ausatmen, hebt und senkt sich der Brustkorb. Wie oft habe ich sie verflucht, mir geschworen, sie höchstpersönlich an den Abgrund der Hölle zu bringen. Es ist so weit, sie macht sich auf den Weg. Sie geht, für immer. Ich spüre es. Ihr großer starker Körper liegt weich unter der Bettdecke und ihr Mund, von runzligen Linien umkränzt, bewegt sich tonlos. Widerstrebend beuge ich mich vor. Die von Altersflecken betupfte Hand, von brüchigen Adern durchzogen, zuckt. Hatten diese knotigen Finger mir jemals tröstend übers Haar gestrichen? Hatten diese Arme, vom schlaffen Bindegewebe gewellt, mich jemals gehalten und beschützt? Das Muster meiner Kindheit aus Einsamkeit und Furcht ist zu tief in mir verwurzelt, als dass ich zu der abweisenden Mutter von einst Nähe empfinden könnte. Sie hatte ihrem gut situierten Ehemann ein Kuckuckskind in die Wiege gelegt, niemals den Namen des Vaters preisgegeben. Sie hatte es gewaschen, ihm die Haare gekämmt, es bekleidet und mit Essen versorgt; aber Zärtlichkeit und Zuwendung konnte sie nie geben. Meine Augen brennen, Tränen des Selbstmitleids tropfen auf das Bettlaken. Und dennoch, sie ist meine Mutter.

„Guten Abend, Frau…Witte, ich bin Dr. Maghmnadi.“ Die deutschen Vokabeln rumpeln sperrig zu mir herüber. „Ihre Mutter… Blutvergiftung…überstehen, wenn…Beine amputieren. Dialyse notwendig…Organe geschädigt…Pflegefall.“

Mühsam folge ich seinen Ausführungen, setze an, um etwas zu sagen. Welch eine Entscheidung wird hier von mir verlangt? Kann ich wirklich das tun, was ich seit Jahren wollte: sie in den Tod schicken - unwiderruflich.

„Sie müssen verstehen, ich habe meine Mutter lange nicht gesehen, sie ist mir fremd.“ Ich will die Verantwortung abgeben, dem Arzt das Urteil überlassen.

„Wir könnten ihr Leben nur für kurze Zeit verlängern. Sie würde sehr leiden. Wenn Sie damit einverstanden sind, lassen wir sie sanft hinübergleiten. Was sie jetzt braucht, ist eine vertraute Stimme, die Gewissheit, dass sie nicht alleine ist.“

„Ich will das nicht! Wir sind uns nicht vertraut!“ Ich fange an zu weinen. Zusammen gesunken hocke ich da und ringe um Fassung.

Ein Piepen ertönt in immer kürzeren Abständen, zerhackt mein Schluchzen. Dr. Maghmnadi fingert an dem Piepser in seiner Brusttasche herum, klappt die Krankenakte zu und nimmt seine Brille ab. „Frau Witte, Sie sind bereits vor einer Woche über den Zustand Ihrer Mutter informiert worden, ich kann Sie nicht zwingen hier zu bleiben. Aber Ihre Mutter hat durchgehalten, um mit Ihnen Frieden zu schließen. Und Sie werden keinen Frieden finden, wenn Sie sich zornig und vorwurfsvoll abwenden.“

„Was wissen Sie schon von mir, von meiner Mutter, von unserem Leben!“ Was bildet dieser Arzt sich ein, was mischt er sich in Dinge, die ihn nichts angehen! Abrupt springe ich auf und laufe zur Tür. Die Stimme Dr. Maghmnadis verfolgt mich, blockiert meine Bewegungen.

„Ihre Mutter hat als junge Frau die Gewaltherrschaft der Nazis erdulden müssen, die Bombennächte von Berlin erlebt. Später der Einmarsch der Russen. Ein Jahr nach Kriegsende sind sie zur Welt gekommen. Haben Sie mal darüber nachgedacht, was Lydia zu gestoßen ist, welche Ereignisse ihren Charakter geprägt, ihr Leben beeinflusst haben?“

Der Doktor weiß anscheinend mehr als ich über meine Mutter. Lydia sagt er, so vertraut. Eifersüchtig starre ich ihn an. Bisher habe ich mir in der Opferrolle gefallen. Schlechte Zeugnisse, Abbruch der Journalistenschule, das Scheitern meiner Ehe – meine unnachgiebige Mutter war schuld. Stirn und Hände an die kühle Glasscheibe gelegt, sehe ich das rote Alarmlicht im Flur an und aus gehen, der Signalton unaufhörlich. Krankenschwestern huschen vorbei, die Gesichter ernst und konzentriert. Ein flüsterndes Wimmern. Ein Hilferuf, hoch und dünn. Dr. Maghmnadi nickt mir zu, eilt zielstrebig davon, um sich dem Tross der Helfer anzuschließen.

Früh am Morgen schlurfen Patienten über die Flure, machen Halt an der Tür zur Intensivstation, erschauern, wenden sich ab. Die Tagschicht bringt die Morgendämmerung mit, verbreitet Geschäftigkeit. Es schneit. Dicke Schneeflocken tanzen am Fenster vorbei und nehmen die Seele meiner Mutter mit sich fort. Ich denke an eine Lydia, die ich nie kennen gelernt habe. Sie ist aus der Nacht nicht mit in den Tag gekommen. Ihre zuckende Hand wurde in meiner warm und wieder kalt. Scham und die Trauer über verpasste Gelegenheiten, das erstarrte Schweigen zu brechen, knisterten zwischen uns, als wären sie Seiten aus Seidenpapier. Die hauchzarte Balance aus Ablehnung und dem schüchternen Gefühl der Zusammengehörigkeit vereinte uns für kurze Zeit. Der Tod hat uns endgültig getrennt.

Sie war meine Mutter und ich bin ihre Tochter – nicht mehr aber auch nicht weniger.

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