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3. Platz:

Silvia Beutler

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Lila Wolken

Genre-Wettbewerb-Wettbewerb 2018 Runde I

Das Urteil der Jury:

Diese Geschichte spielt mit Gegensätzen: Sie beginnt mit einer „schönen Wiese“ mit „Gänseblümchen“, „Feldblumen“ und „Morgentau“. Aber Vorsicht, die Idylle trügt. Ein junges Mädchen, ein Kind noch, badet im See. Oben im Haus verschiebt sich eine Gardine und die große Schwester schaut zu. Dazwischen Verlust und Schweigen. Der großen Schwester ist etwas geschehen, was die kleine nicht versteht und niemand ihr erklären will. Am Ende ein großer Schritt ins Erwachsenwerden und eine lila Wolke. Die fast naive Sprache ist mit Absicht gewählt, ein wunderbares Beispiel für eine gelungene Figurensprache. Silvia Beutler ist es gelungen, den kindlichen Blick zu wahren und in Sprache zu übersetzen.


Lila Wolken

Ich saß am Ufer des Sees, auf der schönen, mit Gänseblümchen und anderen Feldblumen durchsäten Wiese, die vom Morgentau noch ganz nass war. Doch das war mir egal, Hauptsache ich konnte die Stille genießen, hier draußen, weit vor Omas Haustür. Ich saugte die kühle Morgenluft ein und fühlte mich für einen Augenblick leicht und frei. Ich nahm eine Handvoll Steine auf und schleuderte sie so weit wie ich konnte ins Wasser, wo sie mit einem dumpfen, platschenden Geräusch verschwanden. Das leise Gluckern verebbte und die winzigen Wellen legten sich, noch bevor sie ans Ufer gekommen wären. Darauf konzentriert, nicht die Stille zu durchbrechen, stand ich langsam auf und ging die wenigen Schritte zum Saum des Wassers. Ich zog meine Sandalen und Socken aus und warf sie etwas vom Wasser entfernt auf die Wiese, so wie meine Schwester es auch immer getan hatte, bis zum letzten Sommer. Dann trat ich ins Wasser, nur bis zu den Knöcheln und spürte, wie kalt es sich noch anfühlte. Als ich meinen Blick über die Bucht schweifen ließ, sah ich die lila Wolken, die in dünnen Schlieren über der Gebirgskette am Horizont hingen. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie sich in leuchtend orange Fäden verwandeln und damit den Beginn des Tages einläuten würden. Spätestens dann musste ich zurückkehren.

Ich legte das Kinn auf die Brust und starrte mein eigenes Spiegelbild an, das sich immer wieder verzerrte, so sehr ich mich auch bemühte, still zu stehen. Zwei Tropfen fielen auf mein Gegenüber und ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass es meine Tränen waren, die das Bild durchbrachen. Wütend fuhr ich mit dem Fuß durch das Wasser, sodass mein Gesicht nicht mehr erkennbar war. Was hatte ich eigentlich verbrochen? Und vor allem: Was zum Teufel war mit meiner Schwester passiert?

Ich fing an, meine Kleidung auszuziehen und legte sie zu den Sandalen. Um diese Zeit würde sowieso noch niemand zur Bucht kommen, und die weißen Boote am Steg des gegenüberliegenden Ufers waren so weit entfernt, dass sie wie kleine Muschelschalen aussahen, die auf dem Wasser trieben. Dann stürzte ich mich kopfüber ins kühle Nass, schwamm mit zittrigen Armen ein paar Züge, bis sich meine Haut an die Temperatur gewöhnt hatte und suchte eine Stelle, auf der meine Zehen den Boden berührten. Bis zu den Schultern im Wasser schritt ich langsam voran, der Grund fühlte sich mal rutschig an und mal waren dort feine, aber scharfkantige Steine, die sich in meine Fußsohlen bohrten. Das sind die winzigen Seebewohner, die uns aus ihren Gärten vertreiben wollen und nun mit Schwertern auf uns einschlagen, hatte meine Schwester früher zu mir gesagt. Deshalb müsse ich meine Füße immer oben halten. Das war in dem Sommer gewesen, als ich das Schwimmen erlernte. Vanessa hatte es mir beigebracht und ich war stolz darauf, meinen Eltern zeigen zu können, wie gut ich es konnte, wie gut ich es schaffte, die Bewohner des Sees nicht zu verärgern. Natürlich wusste ich heute, dass das nicht stimmte. Manchmal träumte ich von meinen nächsten Ferien, die ich mit Mama, Papa und Vanessa im Haus meiner Großmutter verbrachte und ganz selten sah ich auch eine versunkene Stadt vor mir, in der es immer noch Bewohner gab, die nie an die Oberfläche traten. Ich fragte mich, ob Vanessa sich noch an diese Geschichte erinnerte. Überhaupt schien sie alles vergessen zu haben, was früher einmal war. Alles, was Spaß machte, wollte sie nun nicht mehr tun.

Ich starrte auf die Wasseroberfläche vor mir, die ich mit kraftvollen, langsamen Bewegungen aus dem Gleichgewicht brachte. Ich schritt weiter, bald würde ich die Ecke der Bucht erreicht haben. Vanessa hatte es genauso wie ich geliebt, im Wasser zu sein, zu plantschen, zu schwimmen oder sich einfach nur mit Schlamm zu bewerfen. Doch letzten Sommer war etwas anders. Immer öfter zog sie sich mit Mama ins Wohnzimmer zurück und redete so leise mit ihr, dass ich nicht verstehen konnte, was sie sagten, obwohl ich direkt hinter der Tür stand. Wenn ich dazu kam, änderten sie auf einmal den Ton und plauderten über Ausflüge zur Gebirgskette oder den anstehenden Nachmittag am Badestrand. Ich beobachtete meine Schwester, wie sie anfing, sich zu schminken und ewig lang ihre Haare zu kämmen. Wenn ich sagte, dass ihre Frisur im Wasser sowieso nicht hielte, lachte sie und sagte, sie würde sich nur an den Strand setzen. Vom Wasser aus sah ich sie an den Strandkiosk gehen und wenn hinter ihr niemand anstand, dauerte es Ewigkeiten, bis Marco ihr das Eis herausgereicht hatte.

Ich war am Ende der Bucht angelangt und blickte auf. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie hell es nun war. Die schmalen Wolken leuchteten grell und sahen aus wie Feuerzungen, die die Berggipfel verbrannten. Ich drehte mich um und machte mich im Wasser auf den Rückweg, mein Blick fiel auf den Kiosk, dessen hölzerne Fensterläden seit letztem Sommer verschlossen waren.

Ein paar Tage, nachdem meine Schwester aufgehört hatte zu baden, stand sie gemeinsam mit Marco in dem kleinen Stand und verkaufte Eis und Pommes und Cola. Ich ärgerte sie und sagte, sie sei verknallt, sang es den ganzen Tag vor mich hin. Als mir langweilig wurde, nahm ich mir Papas Taschenmesser und ritzte ein Herz in die Rückwand der Bretterbude. Ganz klein kratzte ich V+M hinein. Nachdem Vanessa wieder mit Mama im Wohnzimmer saß und diesmal auch Papa dabei war, verkündete sie, dass sie am Abend mit Marco essen gehen würde. Meinen Einwand, dass Oma schon am Mittag köstlich duftende Rouladen vorbereitet hatte, überhörte sie einfach und schloss sich stattdessen in ihrem Zimmer ein. Als sie wieder herauskam, erkannte ich sie kaum wieder. Selbst ihre Kleidung war anders als sonst. Sie trug das erste Mal hochhackige Sandalen von Mama. Dann stakste sie die Uferpromenade entlang in Richtung Stadt. Um neun sollte sie zurück sein. Sie schien glücklich. Das war alles, woran ich mich erinnerte, was vorher war. Doch sie war nicht zurückgekommen. Nicht um neun, nicht als es dunkel wurde und auch nicht in derselben Nacht. Es war das erste Mal, dass ich meine Mama weinen sah. Erst kurz, nachdem es wieder hell wurde, brachte die Polizei Vanessa zurück. Ihr Blick war leer und als ich ihr in die Arme fiel, schien sie gar nicht zu bemerken, wie sehr ich sie vermisst hatte. Von da an war alles anders.

Vanessa war zwar wieder da, doch irgendwie auch nicht. Meine Eltern verboten mir, meine Schwester zu fragen, was passiert war und auch sie sagten mir nichts, obwohl ich mir sicher war, dass sie es wussten. Über das gesamte neue Schuljahr schickten meine Eltern Vanessa weg, in eine Einrichtung, wo man sich besser um sie kümmern könne, sagte Mama. Aber ich würde mich um sie kümmern, ich würde nach der Schule die ganze Zeit mit ihr verbringen, antwortete ich. Doch Mama glaubte mir offenbar nicht.

Erst zu Beginn dieser Sommerferien, als Papa und ich bereits zu meiner Oma gefahren waren, kam Mama ein paar Tage später mit Vanessa im Auto nach. Meine Schwester war mir irgendwie fremd und doch spürte ich die enge Verbundenheit von früher. Sie hatte keinen leeren Gesichtsausdruck mehr, wirkte aber immer noch traurig. Also bemühte ich mich, sie aufzuheitern. Ich ging wieder mit ihr schwimmen und gestern zeigte ich ihr die Stelle, an der weiterhin das eingeritzte Herz erkennbar war, sie war doch so in Marco verliebt gewesen. Anstatt sich zu freuen, war sie in Tränen ausgebrochen und lief zu meiner Großmutter ins Haus zurück. Wenig später hatte mein Vater mich in mein Zimmer gezerrt und mir Stubenarrest gegeben, für drei Tage, in denen ich nicht einmal mit meiner Schwester sprechen dürfe!

Deshalb watete ich nun, wo noch alle schliefen, allein durchs Wasser. Wie sollte ich drei sonnige Tage aushalten, ohne den Zauber des Sees genießen zu können? Vielleicht ließen meine Eltern nochmal mit sich reden, nachdem sie eine Nacht drüber geschlafen hatten. Vielleicht konnte Vanessa mir einfach erzählen, was passiert war. Dann wäre es viel einfacher, mir etwas zu ihrer Aufmunterung zu überlegen. Ich stellte fest, dass noch immer niemand in Sichtweite war, stieg an der Blumenwiese aus dem Wasser und lief fröstelnd zu meinen Klamotten – auf denen ein großes Badetuch lag. Überrascht schaute ich mich um, hob meinen Blick zum Haus und sah, wie sich die Gardine im Zimmer meiner Schwester bewegte.

Jetzt war ich mir sicher, dass auch sie die lila Wolken gesehen hatte. Wieder stiegen mir die Tränen in die Augen. Ich schluckte schwer. Auch meine Schwester hatte mich vermisst, ganz bestimmt. Diesen Sommer würde alles anders werden. Vermutlich nicht so, wie es einmal war, aber es konnte wieder besser werden. Doch ich begriff auch, dass es Vanessa sein musste, die den Zeitpunkt bestimmte, wann sie es mir erzählte. Ich würde nicht weiter fragen, denn ich konnte sie nicht noch einmal verlieren.

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