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4. Platz:

Julia Schulze

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Ausgecheckt

Genre-Wettbewerb-Wettbewerb 2018 Runde I

Das Urteil der Jury:

In „Ausgecheckt“ stellt Julia Schulze zwei Glücksmodelle gegeneinander: Leidenschaftliche Liebe und eines ohne Leidenschaft. Ort: Ein Hotel am Meer. Die Hauptfigur ist ein Zimmermädchen, das bedächtig und systematisch putzt. Dabei lernt sie die intimsten Geheimnisse der Gäste kennen – und die bestätigen sie in ihrer Haltung: Leidenschaft hat mit Leiden zu tun. Nein, danke. Bemerkenswert die kleine Szene, in der das Zimmermädchen Rosanna einen Papierkorb leert und die Gedanken, die sie dabei entwickelt. So wunderbar bedeutungsvoll kann man über ein Detail schreiben –vom Detail zu einer ganzen Lebensphilosophie.


Ausgecheckt

Das Letzte, was sie sah, bevor ihr Bewusstsein sie mit Totalausfall vor dem Aufprall und den naheliegenden Konsequenzen schützte, war das offene Fenster, aus dem sie fiel. Ein dunkles Loch im obersten Stock gähnte ihr noch entgegen - wie eine Mundhöhle und sie wie ein hohler Zahn, der herausgebrochen war. Alle anderen Fenster blickten blind oder einfach nur schlafend auf die Fallende.

Das Erste, was Rosanna tat, war, das offene Fenster zu schließen, bevor sie mit dem Aufräumen begann. Seit fünf Uhr morgens reinigte sie unentwegt Zimmer für Zimmer, Stockwerk um Stockwerk. Zu Dienstschluss stand wie immer die Suite ganz oben im zehnten Stock auf dem Plan. Es war das teuerste Zimmer auf der ganzen Insel, das hoch über dem Stadtpark thronte mit einem riesigen Fenster für einen traumhaften Ausblick bis zum Meer. Rosanna stand gern hinter genau diesem Fenster, denn hier war ein sicherer Platz für Träume. Für ihre Träume, die so entfernt vor ihren Augen schimmerten wie das blaue Meer am Horizont. Manchmal, wenn sie ihre Augen so fest zusammenkniff, bis es weh tat, konnte sie ein Boot erkennen. Weit draußen auf den glitzernden Wellen. Und Carlos, eine winkende Hand und seine schwarze Lockenmähne aufgeregt im Wind zwirbelnd. Dann verschwand das Bild wieder von der spiegelnden Wasseroberfläche wie eine Einbildung und damit das Boot und Carlos und sein Winken. Das passiert, wenn man zulange auf etwas in der Ferne starrt. Man verliert sich in einer Ablenkung des Lichts.

Offene Fenster aber bereiteten Rosanna schon immer Unbehagen. So vieles, das aus offenen Fenstern verschwinden konnte. Erst recht in dieser Höhe. Ein Windstoß und dann der freie Fall in die Unendlichkeit. Nein, danke. Rosanna zog den Vorhang vor und rückte die Sessel zurecht. Wie die Letzte an einem Tatort, dachte sie, war es ihre Aufgabe, Spuren eines zurückgelassenen Lebens aufzusammeln, nichts übrig zu lassen, und den Ort des Geschehens in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen, in einen Ort der Anonymität und Neutralität für jeden, der bereit war, dafür zu bezahlen.

Diskretion war oberstes Gebot in diesem Hotel, und auf Rosanna war Verlass. Was die Spuren ihr über die Menschen verrieten, die hier kurz vorher ausgecheckt hatten, blieb bei ihr und verschwand mit ihr und ihren schwarzen Müllsäcken. Die gesammelten Überbleibsel fremder Leben würden über all die Jahre, die sie hier schon arbeitete, ein einziges schwarzes Plastikmeer ausmachen, in dem es rascheln und knarzen würde, da war sie sich sicher. Sie selbst war eine Erinnerungsdeponie für die Gäste, die nicht wussten, dass es Rosanna und ihre Deponie gab. Bei jedem Sack, der sich füllte, nahm sie sich aufs Neue vor, selbst keine Spuren zu hinterlassen, wenn sie einmal diese Welt verlassen würde. Sie wollte auf niemandes Müllhalde landen.

Sie stand in der Mitte des Zimmers und schaute sich um. Das Auffälligste waren ein paar zerknüllte Blätter, die ihren Weg in den Papierkorb offensichtlich verfehlt hatten und noch verstreut auf dem Teppichboden lagen. Angefangene Sätze, unterbrochene Gedanken. Weitere Lebensbeweise und kostbare Materialverschwendung für Rosanna, die nicht viel vom Briefeschreiben hielt. Sie hob die Blätter auf und drückte sie energisch in den Müllsack, wo die Wörter, die einmal mit Bedacht gewählt, federleicht verschwanden, aber nur langsam mit dem Papier, auf dem sie hafteten, verenden würden, nicht wissend, wie schwer sie und ihre Bedeutung eigentlich wogen und wie sinnlos es für Wörter war, auf einer Müllkippe zu landen.

Rosanna legte einen neuen Block des hoteleigenen Briefpapiers auf den Sekretär. Der Rest war Routine. In weniger als 20 Minuten waren die Räume wie immer, akkurat und anonym. Und wie immer stellte sie sich abschließend wieder in die Mitte des makellosen Teppichbodens und drehte sich. Dabei wanderten ihre Augen prüfend auf und ab durch den Raum, der ihr heute seltsam entleert vorkam, aber die Sessel, das gemachte Bett, der Fernseher, sie alle hielten sich stillschweigend zurück. Zum ersten Mal in ihrem Leben als Zimmermädchen hatte sie das Gefühl, etwas übersehen zu haben. Alles stand an seinem Platz, Gegenstände und Möbel, durch ihre Hände ihrer jüngsten Vergangenheit beraubt, waren bereit, die nächste Geschichte in sich aufzunehmen.

Rosanna befand, dass ihre Gründlichkeit nicht nachgelassen hatte. Sie ging zur Tür, schob ihren Wagen in den Flur und drehte sich ein letztes Mal um. Was war denn heute los mit ihr?

Die Kissen im Sessel waren eingeknickt unter einer Last, die es nicht gab und ließen sich nur schwerfällig noch einmal vom Zimmermädchen aufschütteln. Das Zimmer befand, noch nicht fertig mit ihr zu sein. Der Vorhang schwang leicht hin und wieder her, wie ein seichter Abschiedsgruß, angeregt durch einen feinen Luftzug, der unbemerkt herein geschlichen und zu Füßen des Vorhangs gekrochen war, um dort auszuruhen. Vielleicht auch, um ihr noch etwas zu sagen, weil ein Vorhang nicht ausgetauscht wurde wie ein benutztes Laken und daher so viel mehr wusste als Rosanna sehen und einsammeln konnte. Er sah sie, die Träume, die jeden Tag an ihm vorbei durchs Fenster stürzten oder letzten Gedanken oder das Leben selbst. Aber all das konnte Rosanna beim besten Willen nicht im Vorhang erkennen. Sie schloss die Tür und schob die Reste des Tages in ihrem Wagen langsam vor sich her durch die stummen Flure des Hotels.

Eine Woche später wurde ein junger Mann verhaftet. Er hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen, außer seinen Urlaub auf der Insel verbracht und sich dort verliebt zu haben, ungeachtet der Tatsache, dass dies nicht von allen, die Zeuge dieser Liebe wurden, gleichermaßen gut geheißen werden wollte. Nein, er wollte die junge Frau nicht entführen. Nein, auch nicht außer Landes schmuggeln. Und nein, er wollte auch niemanden ausspionieren. Er sei doch nur zum Urlaub machen hier. Und ja, er habe sich verliebt. Ob ihm denn jemand sagen könne, wo die junge Frau sei, er würde sie selbst auch sehr vermissen. Und ob einer der Herren vielleicht eine Zigarette für ihn habe.

Rosanna zog an ihrer Zigarette. Sie saß im Vorraum der Polizeistation, auf dem Tisch vor ihr eine Akte mit einem Foto. Eine schlechte Kopie eines veralteten Passfotos. Für einen kurzen Moment sah sie eine schwarze Lockenmähne, eine winkende Hand. Aber ihre Augen betrogen sie wieder mit Bildern, die nur existierten, wenn sie die Augen zu lange geschlossen hielt oder zu lange vor einem Fenster stand und die Bilder mit dem Inselwind herein segelten. Rosanna blinzelte. Vor ihr, das war das Bild eines jungen Mannes mit blondem Haar, ein Tourist. Was gibt es bei uns schon zu sehen? Dachte sie. Was suchen all die Touristen bei uns, was wir selbst nicht finden können? Ihre Gedanken vermischten sich mit dem Rauch ihrer Zigarette im Raum und ihr Herz wollte fliehen. Es trommelte so stark gegen ihren Brustkorb, als hätte man einen Gefangenen in einer Höhle geweckt, der nun mit aller Kraft gegen den versperrten Eingang hämmerte.

Die Polizei hatte sie heute Morgen abgeholt und viele Fragen gestellt. So viele Fragen. Aber sie interessierten sich nicht mehr für Carlos. Sondern für eine junge Frau, die einen anderen Weg von dieser Insel gesucht hatte, für eine junge Frau, die der Liebe hinterher gesprungen war.

Hätte Rosanna schneller gearbeitet an diesem Tag, eine Zigarette weniger geraucht auf dem Weg zur Suite, vielleicht hätten sich ihre Wege gekreuzt. Nein, nein, Sie stören nicht, kommen Sie herein, hätte die junge Frau sagen können, ein bisschen Gesellschaft tut gut. Ihre Augen hätten verweint ausgesehen, aber ihr Lächeln warm und aufrichtig. Aufrichtig traurig. Und dann hätte Rosanna das Bett für sie gemacht und sie hätten sich unterhalten. Vielleicht hätten sie über das Fenster gesprochen, das man besser nicht öffnet. Vielleicht hätten sie eine Zigarette zusammen geraucht und über die Liebe gesprochen. Vielleicht hätte die Zeitung heute eine Nachricht über die Hochzeit der jungen Frau gedruckt und keine Anzeige über ihren plötzlichen Tod.

Rosanna hatte der Polizei gesagt, was sie wusste. Und das war eigentlich nichts. Sie hatte ein Zimmer aufgeräumt. Ein Fenster geschlossen. Und Briefpapier in den Müll gepackt. Briefpapier? Da waren sie hellhörig geworden und Rosanna hatte einige Zeit gebraucht, ihren Müllsack ausfindig zu machen im stinkigen Hinterhof des Hotels. Angefangene Briefe. Ein paar Zeilen einer unvollendeten Liebe. Verbotene Gefühle. Das, was dieses Land wirklich bewegte, lag in den dunklen Hinterhöfen verborgen. Dort pochte das gebrochene Herz der Insel.

Nein, die Liebe, das war nichts für Rosanna. In ihrem Brustkorb pulsierte seit drei Jahrzehnten ein unaufgeregtes Leben. Dafür hatte sie gesorgt. Vielleicht würde sie dem jungen Mann morgen ein paar Zigaretten vorbeibringen. Ihr schien, die würde er brauchen können. Sie zog an einer weiteren Zigarette. Das Hämmern in ihrer Brust war schwächer geworden. Kaum hörbar, kaum spürbar. Ja, das würde sie tun. Wenn sie mit den Zimmern fertig war.

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