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5. Platz:

Daniela Reck

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Die Entsagung

Genre-Wettbewerb-Wettbewerb 2018 Runde I

Das Urteil der Jury:

Diese Kurzgeschichte aus dem Genre Frauen nimmt das alte Thema „unmögliche Liebe“ auf, greift aber auf ironisch-boshafte Weise das Klischee der Entsagung auf: Mit einem verheirateten Mann, dem Mann einer Freundin gar, fängt eine integre Frau nichts an. Deshalb nimmt ein Treffen der Freundinnen nach dem Tod dieses Mannes eine unerwartete Wendung und die vermeintlich gute Tat wird nicht belohnt. Ganz und gar nicht. Daniela Reck erzählt geradezu hinterlistig harmlos, ein Treffen im Café, Small-Talk und dann kommt die Keule. Tolle Kurzgeschichte mit allen Raffinessen.


Die Entsagung

Die dunkel gekleidete, auffallend attraktive Frau auf dem Rücksitz des Taxis schaute gedankenverloren aus dem Wagenfenster. Wie lange war es her, dass sie Marta das letzte Mal gesehen hatte? Eine gefühlte Ewigkeit. Wie würde sie ihre frühere Freundin wohl antreffen, jetzt, da Erwin vor ein paar Wochen so plötzlich gestorben war? Vergessen geglaubte Bilder von unbeschwerten gemeinsamen Stunden und der bittere Geschmack einer schweren Entscheidung tauchten aus ihrem Inneren auf.

Das nagelnde Geräusch der Reifen auf dem Kopfsteinpflaster holte Lilly in die Gegenwart zurück, bevor der Wagen kurz darauf vor dem Café Nostalgie hielt.

Marta saß schwarz gekleidet an einem kleinen Nischentisch. Die inzwischen grau gesträhnten Haare zu einem lockeren Zopf gebunden, sah sie noch immer fast so aus wie früher, etwas schmäler vielleicht und mit feinen Lebensspuren in ihrem naturschönen Gesicht.

„Grüß Dich, Lilly! Hattest du eine gute Fahrt?“ Marta erhebt sich zögernd.

„Danke, ja“, erwidert Lilly zunächst etwas hölzern. Doch dann berappelt sie sich und nimmt Marta in den Arm. „Es tut mir so entsetzlich leid!“

Marta erstarrt, löst sich rasch aus der Umarmung und verschwindet wieder hinter dem Tisch, als könnte der ihr die Sicherheit geben, die ihr verloren gegangen ist. „Wir sind immer noch total geschockt! Unbegreiflich, dass ausgerechnet Erwin ohne irgendeine Vorwarnung an einem Herzinfarkt stirbt. Er war einfach nicht der Typ dafür.“ Ihr Blick wirkt leer.

Wohl wahr! Lilly war vom ersten Moment an überwältigt gewesen, als Marta ihr damals ihren Erwin vorgestellt hatte. Groß, sportlich, gutaussehend mit einem unvergleichlichen Lachen in den Augen.

„Wie hältst du das nur aus?“ Lilly ergreift zaghaft Martas Hand. „Immerhin war Erwin doch deine große Liebe!“

„Ja, das war er.“ Marta räuspert sich. „Allerdings nicht meine einzige…“

Lilly schaut ungläubig auf.

„Eigentlich hatte ich immer die Berufung in mir gespürt, mal irgendwo auf der Welt Entwicklungsarbeit zu leisten. Doch dann wurde ich unerwartet schwanger…“

„Du willst mir jetzt aber nicht sagen, dass Du nur deswegen bei Erwin geblieben bist?“

„Na ja, Abtreibung war für mich nie ein Thema. Du weißt, dass ich in einem katholischen Internat erzogen worden bin. Und Erwin war schon immer sehr ritterlich und hat sich nicht vor der Verantwortung gedrückt.“

Oh ja, das wusste Lilly nur zu gut! Verantwortung war für Erwin mehr als nur ein Wort gewesen, viel mehr! Wie viel hatte er geopfert, nur um seinem Verständnis von Pflichttreue gerecht zu werden. Man kann sein Glück nicht auf dem Unglück anderer aufbauen, hatte er immer gesagt, wenn sie es einmal wieder nicht begreifen wollte.

„Warum hast du dich eigentlich irgendwann wie ein Tintenfisch vernebelt?“, holt Marta sie aus ihrer Erinnerung. „Wir haben das nie verstanden! Eben noch haben wir fast jede freie Minute miteinander verbracht und plötzlich warst du weg, wie vom Erdboden verschluckt.“

Vorwurf und Schmerz treffen Lilly ins Mark. „Ich wollte mich damals einfach mal neu erfinden und ihr hattet ja euch…“, hört sie sich hilflos faseln.

Dabei hofft sie inständig, nicht die Fassung zu verlieren. Wie entsetzlich schwer war ihr damals diese Entscheidung gefallen. Erwin und sie hatten sich ihre Liebe füreinander aus dem Herzen gerissen, um Marta und das Kind zu schonen.

„Ihr wart doch glücklich, oder?“ Lilly sucht beschwörend Martas Zustimmung.

„Im Großen und Ganzen schon..., aber ich konnte meine Sehnsucht einfach nicht loslassen. Wir sind ja alle nur einen Wimpernschlag auf der Welt und haben nur ein gewisses Zeitfenster, um unsere Träume zu leben. Du wirst es vielleicht nicht glauben, aber es gab eine Zeit, da hab‘ ich fast schon gehofft, Erwin hätte sich in eine andere verliebt…“

Lilly schluckt trocken und schaut sich hilfesuchend nach der Bedienung um. „Noch ein Wasser, bitte.“

„Er wirkte plötzlich irgendwie verloren und distanziert. Wenn er damals gegangen wäre, hätte ich nochmal anknüpfen können - an meinen Lebenstraum…“

Im Wirrwarr ihrer Gedanken und Gefühle rebelliert Lillys Magen nun bedenklich.

„Wie ist es dir denn ergangen?“, fragt Marta in die entstandene Sprachlosigkeit. „Keine große Liebe, die zuhause auf dich wartet?“

Wie durch eine Wand aus Watte sickern ihre Worte zu Lilly durch.

„Ich bin in den letzten Jahren viel in der Welt rumgekommen...für Goldschmiede gibt‘s überall Arbeit…“, antwortet sie abwesend. Dass sie sich inzwischen international einen Namen als Schmuckdesignerin gemacht hat, erwähnt sie nicht. Ihr beruflicher Erfolg hatte nie den grausamen Schmerz aufwiegen können, den der Abschied von Erwin und kurz darauf der Verlust des ungeborenen Kindes für sie bedeutet hatte.

„Weltenbummeln hatte ich nie wirklich auf dem Plan… anders als du. Und eine große Liebe? Ja, die gab‘s. Aber sie war unerreichbar... - und jetzt ist es zu spät.“

„Das tut mir leid.“ Martas Mitgefühl wirkt echt, auch wenn nicht recht klar wird, wem es tatsächlich gilt.

Als wären alle Worte aufgebraucht, sitzen sie noch eine Weile schweigend beisammen.

„Die Rechnung übernehm‘ ich“, unterbricht Marta schließlich die Stille. „Brauchst du ein Taxi?“

Lilly nickt müde.

„Du warst zwar nicht bei der Beerdigung dabei, aber ich hab‘ eines für dich aufgehoben.“ Marta schiebt das Sterbebildchen von Erwin über den Tisch. „Er hätte sich sicher gefreut, dich zu sehen.“

Lilly rettet sich gerade noch ins Taxi, bevor sämtliche Dämme brechen.

Durch einen dichten Tränenschleier nimmt sie die buckelige Straße wahr, die wie ein alter, knorriger Zeigefinger in Richtung Unendlichkeit weist. Rechts ein schütteres Waldstück, ausgebeint durch den letzten Sturm, der die Bäume geknickt hat als seien es Streichhölzer. Scharfe Zacken der geborstenen Stämme ragen in einen bleichen Himmel, wie anklagend gegen eine zerstörerische Naturgewalt, der nichts entgegengesetzt werden kann als das eigene nackte Leben.

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