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1. Platz:

Janina Plaumann

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Das Mistvieh

Genre-Wettbewerb 2018 Runde 2

Das Urteil der Jury:

„Der Teppich war versaut“ – und Dietmar ist angewidert vom Blut, das einen immer größer werdenden Fleck auf seinem Langflor verursacht, nicht von der Leiche, die er auf dem Gewissen hat.
Dietmar, das ist der „normale“ Nachbar, den jeder zu kennen scheint. Hinterhältig beobachtet er den fetten roten Kater, der seit einigen Wochen in sein Gemüsebeet kackt. Müllers roten Kater, der ihn nicht zu erziehen weiß, und deshalb ist Müller dran.

In einer einfachen und doch präzisen Sprache erzählt Janina Plaumann die Geschichte eines Mordes, die so furchtbar realistisch ist, dass man ab sofort seinem eigenen Nachbarn jedes Verbrechen zutrauen wird. Höchster Lesegenuss!


Das Mistvieh

Der Teppich war versaut. Dietmar seufzte und musterte angewidert das Blut, das durch die roten Haare sickerte und einen immer größer werdenden Fleck auf dem weißen Langflor bildete. Das würde nicht mehr rausgehen, nicht mal mit den guten alten Hausmitteln.
Die Spuren der Schokofinger seiner Nichte hatte er mit Spülmittel, Gallseife und viel Geduld wieder aus seinem Sofa entfernen können. Es hatte Tage gedauert, bis nichts mehr an die Verwüstung erinnert hatte, die die „niedliche Kleine“ damals in seinem Reihenhaus angerichtet hatte. Seitdem hatte er das Mädchen lieber bei seinem Bruder zu Hause besucht, und alles war in Ordnung gewesen.

Bis vor einigen Wochen der Kater in sein Leben getreten war. Dietmar hatte seinen Augen kaum getraut: Das fette rote Vieh war ganz selbstverständlich quer durch seinen Garten stolziert. Erst hatte er noch an einen Zufall geglaubt. Doch am nächsten Tag war der Kater wiedergekommen. Am dritten Tag hatte Dietmar sich auf die Lauer gelegt. Hinter den Terracottakübeln mit seinen Hängegeranien hatte er gekauert und gewartet. Die Geranien waren ihm in diesem Jahr besonders gut gelungen. Die üppige rote Blütenpracht quoll über den Rand der Töpfe bis auf die Terrassenfliesen. Dietmar hatte gerade ein paar welke Blüten ausgezupft, als der Kater aufgetaucht war. Seelenruhig war er über den akkurat getrimmten Rasen gestromert, hatte das frisch geharkte Gemüsebeet durchquert und war dann unter der hohen Eibenhecke verschwunden, die den Blick auf Müllers Grundstück verdeckte.
Was auch bitter nötig war, denn in Müllers Garten durfte alles wachsen, wie es wollte. Der Faulpelz lag den ganzen Sommer auf seiner ranzigen Liege und kam nur in Wallung, wenn das Bier alle war. Oder die Grillkohle. Leider scherte sich das Unkraut nicht um Grundstücksgrenzen. Also musste Dietmar regelmäßig Unkrautvernichter unter die Eibenhecke gießen. Was tat man nicht alles für eine gute Nachbarschaft! Natürlich benutzte er nicht dieses moderne Ökozeug. Er hatte noch das gute Mittel von früher im Gartenschuppen. Das wirkte wie Teufel. Als er gehört hatte, dass sie es verbieten wollten, hatte er sich schnell einen Vorrat angelegt.
Dietmar hatte seine Deckung verlassen und war zur Hecke gesprintet. Auf dem Boden liegend hatte er ausgespäht, wohin der Kater gelaufen war. Was er gesehen hatte, hatte seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Das Mistvieh war schnurstracks zur Liege gelaufen und hatte sich auf Müllers fetter Wampe zusammengerollt.

Im Flur rührte sich nichts, selbst Dietmar stand wie angewurzelt da. Nur das Ticken der alten Pendeluhr verriet, dass die Zeit verging. Blicklose Augen starrten zur Decke hinauf, als suchten sie nach einem Makel, einer Spinnwebe vielleicht. Natürlich würden sie nichts finden. Trotzdem – es war höchste Zeit zum Aufräumen. Zuerst ging Dietmar ins Gäste-WC und wusch das Blut von seinem Pokal, den er immer noch fest umklammert hielt. Auf den weißen Marmorsockel war eine goldfarbene Gartenschaufel geschraubt. Sorgfältig polierte er die Plakette. „Kürbiskönig 2017“ stand darauf. Ein Lächeln stahl sich auf Dietmars Lippen. Kein Kürbis war so groß und so schön gewesen wie seiner. Wie neidisch die anderen geschaut hatten! Zärtlich strichen seine Finger über das kalte Metall der Schaufel. Dann stellte er den Preis wieder auf das Regal neben der Haustür. Den Teppich rollte er mitsamt der Bescherung auf. Mit Paketband klebte er die Rolle zusammen. Na bitte, sah doch schon viel besser aus.

Auch in diesem Jahr hatte er Großes vorgehabt: den Titel verteidigen, den Rekord übertreffen. Doch dann hatte er beim Jäten zum ersten Mal in die stinkende, breiige Masse gegriffen. Katzenscheiße! In seinem Gemüsebeet! Dietmar hatte sich direkt in die Eibenhecke übergeben. Dann war er ins Haus gestürmt, hatte sich Waschpulver und Nagelbürste geschnappt und seine Hände geschrubbt, bis sie wund gewesen waren. Das Waschbecken hatte er geputzt und desinfiziert. Erst dann war er erschöpft in seinen Ohrensessel gesunken. Der Gestank war ihm tagelang nicht aus der Nase gegangen. Nachdem Dietmar sich gründlich informiert hatte, hatte er aufgerüstet: Verbrämungsmittel mit stinkenden Duftstoffen, Lautsprecher, die Geräusche im Ultraschallbereich aussenden konnten. Der Kater hatte unbeirrt weiter zwischen die Kürbisse geschissen. Daraufhin war Dietmar auf Hausmittel umgestiegen. Er hatte versucht, das Vieh mit dem Gartenschlauch zu duschen. Er hatte Steine geworfen, doch die hatte er danach wieder aus seinem Rasen sammeln müssen. Am Ende war er schreiend hinter dem Kater her gerannt. Aber er hatte nicht immer da sein können. Seitdem hatte das Mistvieh einfach nachts in sein Beet gekackt.

Dietmar zerrte die Teppichrolle zur Terrassentür. Erleichtert stieß er sie auf, doch statt Abkühlung prallte ihm eine Wand aus Sommerhitze entgegen. Plötzlich breitete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus. Eigentlich perfekt! Vorsichtig streckte er den Kopf aus der Tür, betrachtete die Fenster seiner Nachbarn. Sein Grinsen wurde breiter. Alle Rollläden waren zum Schutz vor der Mittagssonne heruntergelassen. Er hatte freie Bahn.
Leise vor sich hin pfeifend holte er die Schubkarre aus dem Schuppen und wuchtete die Teppichrolle darauf. Dann manövrierte er seine Fracht durch die hintere Pforte zum Feuerlöschteich. Endlich war dieser schmuddelige, zugewucherte Schandfleck mal zu etwas nütze.
Im Blätterdickicht am Ufer hielt er keuchend inne. Der Mistkerl war schwerer als gedacht! Sein Blick fiel auf ein paar zerbrochene Ziegelsteine, die jemand hier entsorgt hatte. Die konnte er gut gebrauchen. Schnell stopfte Dietmar die Ziegel in die Enden der Teppichrolle. So würde alles am Grund bleiben. Gut, dass er so gerne Krimis im Fernsehen sah.

Als Müller heute bei ihm geklingelt hatte, um ein Paket abzuholen, hatte Dietmar ein klärendes Gespräch mit ihm eröffnet. Sachlich hatte er Müller die Verfehlungen seines Katers geschildert und ihn höflichst darauf hingewiesen, dass er für die Hinterlassenschaften seines Tieres die Verantwortung trage.
Einen Moment lang hatte Müller ihn nur mit seinen wässrigen blauen Augen angeglotzt. Auf Dietmars weißem Teppich hatte er gestanden mit seinen speckigen Pantoffeln und hatte sich die roten Bartstoppeln gekratzt, dass die Schuppen nur so rieselten. Und dann hatte er angefangen zu lachen. Er hatte so gelacht, dass sein Wanst gewackelt hatte, und sich auf die fetten Schenkel geschlagen. Müller hatte sich gebogen vor Lachen. Über ihn!
Schwungvoll kippte Dietmar die Schubkarre aus. Ein Platschen, ein paar Wellen, dann lag der Teich wieder glatt und still vor ihm. Als Dietmar noch einmal ins Wasser schaute, blickte er nur in sein eigenes lächelndes Gesicht.
Auf dem Rückweg sah Dietmar den roten Kater auf dem Weg sitzen. Ohne Futter würde der sich schon bald trollen. Schade war es nur um seinen schönen Teppich.

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