Suche
X

Infos anfordern

Kostenlos und unverbindlich!
Frau Herr
Bitte füllen Sie alle Pflichtfelder aus.

2. Platz:

Franka G. Emmerich

-

Ein richtig guter Krimi

Genre-Wettbewerb 2018 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Muss man einen Mord begehen, um einen richtig guten Krimi zu schreiben?

Die Hauptfigur, ein erfolgloser Krimischriftsteller, befindet sich mit seiner Ehefrau auf einer Kreuzfahrt. Es ist Silvester und die beiden beginnen ihren traditionellen Silvesterstreit. Doch diesmal ist er schärfer, die Worte sind härter als bisher. Bis einer der beiden stirbt.

Franka G. Emmerich hat eine wunderbar böse Geschichte geschrieben. Am Ende bleibt ein zwiespältiges Gefühl übrig. Die Freude darüber, dass er es endlich geschafft hat, seine bösartige Ehefrau zum Schweigen zu bringen und das Entsetzen darüber, dass dazu ein Mord nötig war.


Ein richtig guter Krimi

Ich will neu anfangen. Ein leerer Notizblock liegt vor mir. Ein Schriftsteller muss keinen Mord begehen, um einen richtig guten Krimi zu schreiben – das habe ich Buck schon häufig erklärt. Agatha Christie war schließlich auch keine Massenmörderin.
Wer weiß, meint Buck dann, wer weiß. Ich würde doch auch sonst immer so viel Wert auf unverfälschte Erfahrungen legen und jede Recherchereise mit der Bedeutung unmittelbarer Eindrücke begründen. Warum das ausgerechnet für einen Krimi nicht gelten sollte, fragt er. Ich schüttele resigniert den Kopf, er lächelt spöttisch, Ende der Diskussion.
Auch wenn Buck gelegentlich verschrobene Ansichten hat, ist er mein Held. Er begleitet mich schon sehr lange, ich würde fast sagen, mein Leben lang. Obwohl wir meistens das Gleiche erleben, sind seine Storys immer viel dramatischer, erotischer und packender als meine. Dabei ist Buck wie ich – nur sieht er besser aus, stürzt sich in Abenteuer und schreckt vor keiner Auseinandersetzung zurück. Ich dagegen bleibe in meinen Reaktionen im Rahmen des Erwart- und Ertragbaren. Allerdings wohl nicht immer und so bin ich mir manchmal nicht sicher, ob die eine oder andere dramatische Episode in meinen Aufzeichnungen zu meinen eigenen oder zu Bucks Geschichten gehört. Das ist ein verwirrendes Gefühl, so wie wenn man nach dem Aufwachen nicht weiß, ob die Bilder, die man im Kopf hat, Erinnerungen oder Träume sind.
Gerade mache ich eine Recherchereise in den hohen Norden, eine Kreuzfahrt, auf die mich meine Frau begleitet. Nach zahlreichen Ausflügen ans Land und noch zahlreicheren ans Büffet hat die Reise bereits ihren Höhepunkt überschritten: den Silvesterabend mit Gala-Dinner – der Herr im Smoking, die Dame im langen Kleid, versteht sich. Für mich und meine Frau ist das Schauspiel reine Routine. In unserem Leben haben wir schon deutlich mehr als vierzig Neujahrsfeiern erlebt und gemeinsam an Bord eines Schiffes mehr als wir ertragen können. Zum Ausklang eines alten Jahres haben wir die Aufführung eines Streits auf dem Programm – immer desselben, weil er so wunderbar funktioniert. Seine Choreografie haben wir im Laufe von elf Ehejahren zu einer Vollkommenheit perfektioniert, die kaum zu steigern ist. Aber – so viel sei verraten – für diesen Abend, den Silvesterabend 2018 auf 2019, hat sich meine Frau etwas ganz Besonderes einfallen lassen.
„Wieviel hast du in diesem Jahr verdient?“ Magda schnitt ein Stück von der Foie Gras ab. Sie aß die Stopfleber von der Gans pur. Von Brot, auch wenn es warmes, duftendes Baguette war, hielt sie nichts. Es war der sechste Gang des Silvester-Dinners, das sich bereits seit Stunden hinzog und bis zum Feuerwerk dauern würde. Zum Aperitif hatte es Bellini gegeben und zu jedem Gang wurden begleitende Weine serviert. Sie schmeckten Magda offenbar so gut, dass sie die Hälfte meiner Gläser gleich mittrank.
Ich lächelte und sagte nichts. Weil sie natürlich wusste, dass ich auch in diesem Jahr nichts verdient hatte. „Ich will es hören.“
Ich neigte den Kopf zur Seite und sagte immer noch nichts.
„Ich will hören, wer dir diese Kreuzfahrt bezahlt, wer dir deinen Smoking bezahlt, wer dir deinen Laptop bezahlt, deine Miete, deine ausgebeulten Jogginghosen, den Dosenfraß und dein ganzes mieses kleines Leben…“
„…und das seit mittlerweile elf Jahren!“, ergänzte ich ihren Satz, damit Magda nicht theatralisch mit ihren schmalen, beringten Fingern nachrechnen musste.
„Und das seit elf Jahren“, sagte sie trotzdem mit schleppender Zunge und nickte bedeutungsschwer.
„Liebes, du hast ja recht. Ich trage nichts zu unserem Lebensunterhalt bei und ich danke dir aus tiefstem Herzen für deine Geduld und deine Großzügigkeit.“ Ich schaffte es, meine Stimme ironiefrei zu halten. Dabei verdiente meine Frau ja nun wirklich genug für zwei. Magda leerte den beträchtlichen Rest ihres Châteauneuf-du-Pape mit einem gierigen Schluck. Der Rotwein hinterließ zwei kleine Streifen an ihren Mundwinkeln, die sie nicht wegwischte und sie wie einen Vampir aussehen ließen.
„Es ist eben nicht leicht, als Schriftsteller Fuß zu fassen. Der Markt ist so hart umkämpft“, führte sie meinen, ihr wohl bekannten Text weiter. Sie machte das gut. „Ich brauche nur noch ein bisschen Zeit. Ein bisschen von deinem Glauben und deinem Rückhalt…“
„Ich werde mir einen Job suchen“, unterbrach ich sie. „Wenn du willst, fange ich gleich hier auf dem Schiff an. In der Küche…“
„…können sie bestimmt immer ein paar Hände mehr gebrauchen.“ Auch das hatte Magda schon so oft von mir gehört, dass sie meinen Part problemlos übernehmen konnte.
Wir pausierten für den Kellner mit dem Dessert. Die Wunderkerzen auf der Eisbombe scheiterten kläglich bei dem Versuch, neben ihren Funken auch gute Laune zu versprühen. Magda bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und weinte. Das war neu.
„Schatz…“, fing ich an und fühlte mich hilflos. Meine Frau hatte noch nie die Fassung verloren.
„Es ist aus“, schluchzte sie und nahm die Hände vom Gesicht. Die Wimperntusche war kaum verwischt. „Mit uns ist es aus. Ich ziehe zu Carmen.“
„Wer ist Carmen?“
Sie ließ ein kurzes, ungläubiges Lachen hören und schüttelte den Kopf. „Carmen ist die Frau, die ich liebe. Die ich so liebe, wie du deine Figuren. Ich denke, ich werde sie mal erwähnt haben – so an die Tausend Mal.“
Das war möglich und wenn dem so war, war die Lage ernst. Etwas Dramatisches musste passieren – ich musste handeln. Ich sprang auf und lief zu unserer Kabine – hastig, aber gerade so schnell, dass Magda auf dem schwankenden Boden mit High Heels und wackeligen Beinen folgen konnte. In der Suite raffte ich alles zusammen, was mich als Schriftsteller ausmachte und stürmte hinaus. Bis wir es an Deck geschafft hatten, war es bereits kurz vor Mitternacht. Stoßweise schickten wir Atemwolken in den Nachthimmel.
An die Reling gelehnt begann ich Blätter aus meinem Notizblock zu reißen und sie in den Wind zu werfen, der dafür günstig stand und sie auf das offene Meer trug. Das war allerdings Pech für die übrigen Passagiere, die auf der gegenüberliegenden Seite auf das Feuerwerk warteten, denn der Rauch der Silvesterraketen würde vom Land zum Schiff herübergetragen werden. Ich riss noch mehr Blätter heraus, und der Wind erfasste sie, trieb sie in die Höhe und hinaus auf das schwarze Wasser. Wie ein Schwarm Möwen flogen sie davon.
„Hör auf damit. Das ist doch albern.“ Magda stülpte die Kapuze ihres Mantels über die Mütze. „Mein Entschluss steht fest.“
Ich riss den ganzen Notizblock auseinander und gab vor, sie nicht zu hören. Ein Blatt nach dem anderen sauste davon. Die Aufzeichnungen eines halben Jahres. Von der anderen Seite des Schiffes wehte der Countdown zum Jahreswechsel herüber. 10, 9, 8…
„Du kannst mich nicht verlassen, Magda. Nicht nach so langer Zeit.“ Ich nahm meinen Laptop aus der Tasche und hielt ihn über die Reling. Ich sah Magda an. 7, 6, 5…
Sie zog eine Augenbraue hoch: „Du spinnst.“
4, 3, 2… Bei 1 ließ ich den Laptop los. Er versank umstandslos im Meer. Auf dem Festland stiegen Raketen in den Sternenhimmel und explodierten lautstark. Ich ließ Magda nicht aus den Augen.
„Frohes neues Jahr“, sagte sie und wandte sich zum Gehen.
„Ich bringe mich um!“ Magda blieb stehen. „Wenn du jetzt gehst, bringe ich mich um!“ Ich stellte einen Fuß auf die untere Sprosse der Reling und stemmte mich hoch. Die Raketen leuchteten den Nachthimmel rot aus. Der Wind zerrte an meinen spärlichen grauen Haaren.
„Lass das Theater!“ Magda stand ein paar Schritte von mir entfernt, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie sah ärgerlich aus, aber auch besorgt. Ich schwang ein Bein über die Reling und mein Schal wehte davon. Mit einem Satz war Magda bei mir. Sie zog mich zurück auf das Deck. Dabei rutschte sie aus, verlor das Gleichgewicht und zusammen landeten wir auf dem feuchten Boden.
Ich lachte. Es klang hysterisch, aber das machte nichts, denn auch Magda lachte. Das bunte Licht der Raketen zuckte über ihr Gesicht. Ich roch den Alkohol in ihrem Atem und auch Gänseleber. Ich wollte sie küssen – das alles, diesen Moment, auf ihren Lippen schmecken. Die Erleichterung genießen. Ihren vertrauten Duft. Die Gewissheit, dass alles in Ordnung war. Doch sie stieß mich von sich wie einen zudringlichen Wüstling und war sofort auf den Beinen.
„Es ist vorbei! Begreif das endlich“, fauchte sie und wollte gehen. Ich sprang auf, packte sie an der heruntergerutschten Kapuze und zwischen den Beinen und warf sie über die Reling. Ihr Körper klatschte hart auf die Wasseroberfläche. Ich weiß nicht, ob sie noch um Hilfe rief. Das Silvesterfeuerwerk steigerte sich zu einem Crescendo, einem Höhepunkt des Begrüßungsjubels für ein neues Jahr, das auf jeden Fall besser werden sollte als das alte. Langsam ging ich zurück in meine Kabine.
Es ist 2 Uhr 33 am 1.1.2019. Die ersten Seiten meines Notizblocks sind gefüllt. Ich hatte neu anfangen, einen richtig guten Krimi schreiben wollen. Zufrieden lächle ich Buck an. Buck lächelt zurück und die Art, wie er lächelt, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren.

-

Diese Website verwendet Cookies, um Inhalte und Anzeigen für Sie zu personalisieren.

Sie können sich hier infomieren und der Verwendung widersprechen. Mit der Nutzung der Website, Klick auf einen Link oder auf "OK" stimmen Sie der Verwendung zu.

OK