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3. Platz:

Iris Schoell

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Der Graben

Genre-Wettbewerb 2018 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Ein ernüchterter Hausmann, eine erfolgreiche Frau, ein Kind, das von Erdbeben träumt: Marc hat seinen Job verloren, er hält Simone den Rücken frei, denn die Wohnung in der Innenstadt von Hamburg muss bezahlt werden. Er bringt die Kleine in den Kindergarten, kauft ein, putzt, und er soll die Küche renovieren, denn es bröckelt, es bröckelt an allen Ecken und Kanten. Sogar die Kleine sieht es, nur eine sieht es nicht: Sandra.

Iris Schoells Szene einer Ehe besticht durch perfekte Dialoge und durch die Risse, die zuerst in den Fliesen sichtbar werden, die sich immer weiter ausbreiten, bis der Putz von den Wänden fällt. Der Graben – eine Metapher für den Anfang vom Ende – vielleicht.


Der Graben

Ich lege das Brot in Lunas Frühstücksdose und klappe sie zu. Vom Deckel lächelt mir eine pinke Fee entgegen.
Was gibt es da zu lächeln?
Ich hasse meinen neuen Alltag. Morgens um sieben Uhr ins Bad schlurfen, duschen, und – wenn ich Lust habe – mich rasieren. Danach das Frühstück vorbereiten. Um acht ins Kinderzimmer rufen: „Luna, Guten Morgen, Aufstehzeit!“
Immer dieselben Worte, immer dieselben Handgriffe. Luna in den Kindergarten bringen. Die ausweichenden Blicke der anderen Eltern ignorieren. Auf dem Rückweg etwas einkaufen, später ein bisschen putzen. Ich brauche so lange, dass ich danach gleich wieder Luna abholen muss. Simone meint, zum Glück habe sie sich nicht auf mich verlassen, sondern ihren Job behalten. Sonst hätten wir die Wohnung mitten in Hamburg aufgeben müssen. Und noch einiges anderes. Ich sag mal so: Dass sie nun das Geld nach Hause bringt, kann ich akzeptieren. Mein Job war gefährlich, ohne Frage, aber dass die mich rauswerfen würden – daran habe ich gar nicht gedacht.
Simone sagt, das werde schon wieder. Aber sie sieht mich dabei nicht an. So geht’s seit Wochen.
Sag mal, was klebt da auf dem Fliesen? Ich bücke mich und kratze mit dem Fingernagel an der Stelle herum.
Also, Simone merkt nicht, was mir wirklich fehlt. Kleiner Tipp, mein Team plant nun ohne mich neue Tricks, diskutiert Fallhöhen, testet Sicherungsseile, zwölf Stunden Arbeit pro Drehtag, jede Stunde etwas Neues und ich – ich mache auf Hausmann.
Da klebt nichts, sondern die Fliese hat einen Sprung. Ist mir noch gar nicht aufgefallen. Jetzt kommt Simone mit festem Schritt den Flur entlang, ihre Absätze klackern. Sie sieht immer noch so knackig aus wie vor sieben Jahren, als sie in meinem Workshop auftauchte. „Boxen für Manager“ – das hatte sich damals Ron ausgedacht, um ein zweites Business aufzuziehen. Selbst im Jackett erkennt man Simones durchtrainierten Körper, den ausgebildeten Deltamuskel, der ihre Schultern wölbt. Ihre Geschäftspartner können sich auf harte Verhandlungen einstellen, soviel ist klar.
„Marc, hast du meine Mappe gesehen?“ Mit ihren rotlackierten Fingernägeln blättert sie durch die Fächer ihrer Tasche. „Hilf mir doch mal, ich komme sonst zu spät.“
Sicherlich ein wichtiges Meeting. Und morgen das nächste wichtige Meeting. Und dann wieder eins und wieder eins. Ob sie auch „Marc und Luna“ als Termin ihrem Kalender eingetragen hat? In dem Moment höre ich ein Knacken. Ich sehe mich um, aber Simone redet weiter. Kracks, schon wieder, nur dieses Mal lauter.
„Hast du das auch gehört?“ frage ich. Ein Geräusch, wie wenn man Whisky auf Eiswürfel gießt.
„Was meinst du?“ Sie zieht die oberste Schublade der Kommode auf und durchkramt sie.
Ich blicke stirnrunzelnd auf den Küchenboden. Jetzt läuft der Sprung bereits durch die nächste Fliese.
„Ach, hier liegt die Mappe, sag´ das doch.“ Simone greift sie sich vom Esstisch und eilt damit zur Garderobe. „Der Krause kommt heute dazu, ich hoffe nur, er kürzt mir nicht das Budget.“ Sie lässt die Mappe in die Tasche gleiten und die Schnallen zuschnappen.
Der Sprung reißt weiter auf, er verläuft nun von der zweiten Fliese in der Fuge entlang, biegt im stumpfen Winkel ab und -kracks- durch die nächste Fliese durch, als würde jemand eine Zickzacklinie auf den Boden zeichnen. Die ersten Fliesen platzen ab.
Der Boden – Achtung! Will ich rufen. Aber Simone redet weiter, während sie ihre Armbanduhr unter ihrem Ärmel hervor nestelt: „Oh Gott, so spät schon. Ich muss gleich los. Hast du heute Training?“
Ich antworte nicht.
„Ich kann mir deine Termine nicht auch noch merken.“
Ratsch! Der Riss verlängert sich einen Meter, nun läuft er unter dem Tisch durch und lässt die Teller klappern. Der Spalt klafft auf, ich schaue in ein kantiges Maul aus Mörtelbett und Estrich.
„Heute kannst du sowieso nicht hingehen. Das Meeting wird den ganzen Tag in Anspruch nehmen.“
Der Spalt weitet sich und nun erkenne ich zwei Rohrwindungen der Fußbodenheizung, wie ein freigelegtes Fossil.
„Aber ich habe schon letzte Woche mein Training verpasst, als du deinen Mädels-Abend hattest“, sage ich leise und lasse den Boden nicht aus den Augen. Nur einmal in der Woche zu trainieren ist sowieso viel zu wenig, selbst die Seniorengruppe trifft sich häufiger.
„Ich brauch´ auch mal einen freien Abend. Kannst du nicht Freitagvormittag hingehen?“ antwortet Simone.
Schweigend verfolge ich, wie der Spalt auf die Wand zu rennt. Von der zerberstenden Fußleiste fliegen Holzsplitter durch die Küche, die Tapete reißt ein und setzt eine Staubwolke frei. Meine Nase kribbelt, ich muss niesen.
„Danke, Schatz.“ Sie macht einen Schritt auf mich zu – selbstsicher tritt sie neben den Spalt – um mir einen Kuss auf die Stirn zu drücken. Ich lasse es geschehen.
„Hat sich das Arbeitsamt eigentlich bei dir gemeldet?“ Sie bleibt einen Moment neben mir stehen, der Duft ihres Parfums breitet sich aus.
Was soll die Frage? Der Boden bebt, ein dumpfes Grollen, ein tiefer Bass.
„Naja, wird schon werden. Du guckst so, ist was?“ Sie folgt meinem Blick zur Wand. „Stimmt, die Küche müsste wieder gestrichen werden, das habe ich auch schon gedacht. Willst du das selbst machen, oder rufst du einen Maler an?“ sagt sie im Weggehen und schnappt ihre Tasche.
„Überstreichen wird nicht reichen“, reime ich zufällig und schüttele den Kopf. Sie merkt es nicht.
„Wie? Ach, das können wir ja heute Abend besprechen. Ich muss jetzt wirklich los. Gibt Luna einen Kuss von mir. Tschüss!“ Schon ist sie draußen, die Haustür fällt so heftig hinter ihr ins Schloss, dass der Putz aus dem Riss bröckelt. Krümel rieseln hinunter und versinken in meinem Kaffee. Verärgert stehe ich auf, kippe die Tasse aus und beginne mit dem Abwasch. Draußen ist es mittlerweile hell und es nieselt.

Da kommt Luna um die Ecke geschlichen. Sie drückt ihren Teddy an sich und reibt sich die geröteten Augen.
„Papa, gibt es bei uns Erdbeben?“
Mir rutscht der Lappen aus den Fingern. „Was hast du gefragt?“
„Gibt es bei uns Erdbeben?“ wiederholt sie und drückt sich an mich.
Ich trockne mir die Hände ab und lasse mich auf den Stuhl sinken. Kurz blicke ich zur Wand. Nein, da ist nichts mehr zu sehen. Sie klettert mit Teddy auf meinen Schoß. Ihr Haar duftet wie es nur Kinderhaar kann.
„Wie kommst du darauf?“
„Ich habe geträumt, mein ganzes Zimmer wackelt und der Boden platzt. Im Boden drinnen waren lauter Rohre, die sahen aus wie Schlangen. Die wollten mich beißen.“ Nach einer Antwort suchend stolpert mein Blick über den Tisch zur Brotdose. Aber die Fee grinst noch immer und scheint zu sagen: Ich habe damit nichts zu tun, bring du das in Ordnung!
„Also, bevor ich es vergesse: Mama hatte es eilig, ich soll dir einen dicken Kuss von ihr geben“, sage ich schnell und berühre ihr Haar mit meinen Lippen.
Sie wartet.
„Gibt es bei uns Erdbeben?“, lenkt sie zurück auf die Gesprächsspur und zupft an Teddys Ohren herum.
„Keine Sorge, hier gibt es keine Erdbeben. Hier stürzt nichts ein“, beruhige ich Luna. Und mich.
„Wirklich nicht?“ Sie schielt zu mir hoch und kuschelt ihren zarten Rücken an mich.
„Nein. Keine Erdbeben in Norddeutschland.“ Es klingt eher wie eine Forderung. Eine Petition mit Unterschriftenliste.
„Ach so. Da haben wir Glück, das war nämlich richtig krachig in meinem Traum! Und staubig. Da müsstest du ganz schön viel putzen.“ Sie setzt Teddy auf den Tisch und beginnt mit ihm zu spielen. So klein und schon so ein großes Mundwerk, denke ich und beobachte, wie sie Teddy eine Serviette umbindet. Was hat sie neulich durch den Kindergarten gerufen? Mein Papa ist der mutigste Papa auf der Welt, er kann mit dem Motorrad meeeeterhoch fliegen und über brennende Autos springen.
Er konnte, meine Liebe. Er konnte. Und der Human-Torch-Trick damals ging leider gründlich schief.
Ich drücke sie noch einmal und schiebe sie dann von meinem Schoß.
„So und jetzt ist Frühstückszeit! Dir knurrt sicher schon der Magen, was willst du essen?“

Heute Abend werde ich mit Simone reden, bevor alles einstürzt. Mir kommt gerade eine Idee. Special Effects planen, das wäre was für mich. Damit einen Neuanfang wagen. Ich bin mutig, sagt meine Tochter.

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