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4. Platz:

Bernd Oelsner

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Thaigergirl

Genre-Wettbewerb 2018 Runde 2

Das Urteil der Jury:

24. Dezember, Hochsaison in den Massagesalons in Patong/Thailand. Marc, ein Journalist, lässt sich auf die hübsche Sandy mit dem tätowierten Tiger auf dem Rücken ein und – verliert dabei seine teure Uhr und sein Geld. Die Polizei will nichts unternehmen, also ermittelt er selbst – vergeblich. Doch Sandy findet ihn und rettet ihn mit dem von seinen Wertsachen gekauften alten Motorroller vor einem Tsunami.

Die Geschichte von Bernd Oelsner ist leise, genau beobachtet und bis zum letzten Satz spannend. Die Beschreibungen Patongs, die Schwüle, die Armut, die Freundlichkeit der Menschen machen jedes Delikt wett.


Thaigergirl

Der rotgesichtige englische Tourist kam zuerst aus der Tür. Während er mit seinem rechten Fuß ungeschickt in einem großen Haufen Flip Flops stocherte, trieb ihm die schwüle Abendhitze, die die Soi Keb Sap in einen Backofen verwandelt hatte, Schweißperlen auf die Stirn. Sie stand wie ein Schatten hinter ihm und wartete geduldig. Es war der 24. Dezember 2004. Hochsaison. Mit einer kleinen Verbeugung und zum Dreieck gefalteten Händen hielt sie ihm einen Plastikbecher Wasser hin. „Thank you Sir, please come back tomorrow!“. Als der dicke Engländer in Richtung der Strandpromenade von Patong verschwunden war, schlüpfte sie in ihre pinken Flipflops, nahm ein abgegriffenes laminiertes Schild mit dem Massageangebot in die Hand und setzte sich auf einen Plastikstuhl vor dem Eingang, wo sie sich konzentriert in den bläulichen Bildschirm ihres Gameboys vertiefte.

„Mist! Der Artikel wird heute nichts mehr!“ Marc klappte sein iBook zu, griff nach der Flasche Chang Bier und stocherte lustlos in einem Teller mit Shrimps und Papaya Salat. Das Restaurant war zur Straße hin offen, so dass die Klimaanlage nur im hinteren Teil die schwüle Luft verdrängte. Er saß hier jeden Abend, direkt an der Balustrade, da dort das WiFi am besten funktionierte. Die heißen Tropentage vertrödelte er am Kata Beach, wo das funkelnde Wasser der Andamanensee deutlich sauberer war als in Patong, abends schrieb er und trank, bis ihn ein Blick auf seine Breitling Navitimer daran erinnerte, dass es Zeit war ins Hotel zurückzukehren.

Die kleine schlanke Frau, er schätzte sie auf Mitte 20, war ihm schon am ersten Abend aufgefallen. Ein schmales Gesicht mit fein geschwungenen dunklen Augenbrauen und einer zierlichen Nase, an der vermutlich professionell nachgebessert worden war, über vollen Lippen. Dunkelbraune Naturlocken fielen ihr fast bis auf die Hüften. Sie hieß Sandy.

Ein glockenhelles Lachen und ein immer fröhliches „Massage Hello! Welcome!“, selbst wenn Touristen achtlos an ihr vorbeigingen. Wenn sie aufstand, den Mann, mit dem sie vorher verhandelt hatte, an der Hand nahm und mit ihm im geschäftigen Trubel der Soi Keb Sap verschwand, lachte sie etwas gequält. An diesen Abenden kam sie nicht mehr zurück.

„Hello Sir, you come go massage with me?“ Zwei funkelnde schwarze Kohlestücke strahlten Marc über die Balustrade hinweg an und rissen ihn aus seinen Gedanken. „No Sandy, i don´t like massage!“ Marcs strenger Blick verwirbelte mit derselben Geschwindigkeit, in der ein trauriger Schatten über Sandys lachendes Gesicht fiel. „Please Sir, I need money for family. It´s Christmas!“

Marc legte die Breitling sorgsam neben ein dickes Bündel Baht Scheine, die er vorher aus dem Geldautomaten in der Lobby gezogen hatte, während Sandy an der Minibar im Hotelzimmer mit Hong Whiskey, Cola und Eiswürfeln hantierte. „Please have a drink and relax. I will take shower first!“. Als Marc genussvoll den ersten Schluck seine Kehle hinunterrinnen ließ, bewunderte er den großen fauchenden Tiger auf Sandys nacktem Rücken, der anmutig durch die Badezimmertür verschwand. Englisch war offenbar nicht die Stärke des Tätowierers. Unter dem Tiger stand „Thaigergirl“!

„Please wake up Sir!“ Durch Marcs Kopf schwirrte ein sturmumtoster Helikopter und hinterließ in den Synapsen seines Gehirns eine Spur der Verwüstung. Als er quälend langsam die Augen aufschlug, spürte er, wie eine pelzige Zunge an Zahnreihen stieß, die widerlich nach Whiskey schmeckten. Vor ihm verschwamm das besorgte Gesicht des Zimmermädchens. „Please Sir. It´s 4 pm. I must clean your room“. Allmählich realisierte Marc, dass er in den Klamotten des Vorabends quer auf dem Bett lag. Seine Hand tastete schwerfällig über die glänzende Oberfläche des Nachtkästchens. Doch da war nichts. Seine Breitling und das Geldbündel waren verschwunden. Verdammtes Miststück Sandy!

Die Touristenpolizei von Patong lag direkt an der Strandpromenade. Als Marc, inzwischen wieder lebendig, dort ankam, war die tropische Nacht schon lange angebrochen. Schräg gegenüber blinkte das große „Patong Beach“ Schild am Eingang der berüchtigten Bangla Road, einer der größten Amüsiermeilen Südostasiens. Erwartungsfrohe Touristenmassen in Weihnachtsstimmung bewegten sich, größtenteils angetrunken, in Richtung der vielen Restaurants, Clubs, Gogo-Bars und Pingpongshows. Vor dem Polizeigebäude stand ein kitschig glitzernder Weihnachtsbaum, der die Temperaturanzeige über dem Eingang, 31 Grad, treffend konterkarierte.

„We cannot do much for you, Sir!“ Officer Thapwan, der sich geduldig Marcs weitschweifige Ausführungen zum Tathergang angehört hatte, sah ihn bedauernd an. Dann drückte er eine stinkende filterlose Zigarette in einem überquellenden Aschenbecher aus und kippte auf seinem unbequemen Holzstuhl zurück an die fleckige Wand. In der Hochsaison arbeiteten tausende Frauen in den Massagesalons und Bars von Patong, erklärte er. Alle hätten Spitznamen, da kein Tourist thailändische Namen aussprechen könne und das Personal wechsle manchmal täglich. Man werde in den nächsten Tagen, an Weihnachten ersticke die Touristenpolizei in Arbeit, den Shop aufsuchen und ermitteln. Vermutlich sei die junge Dame aber mit der teuren Uhr längst verschwunden und landesweit werde sie sicher nicht gesucht. Diebstähle unter Verwendung von KO-Tropfen passierten leider immer wieder. Dummerweise – und jetzt fixierte er streng Marcs Augen – nähmen Touristen bedenkenlos Einheimische mit auf ihre Hotelzimmer, obwohl Prostitution in Thailand verboten sei. Dann empfahl er Marc, den Verlust seiner Versicherung zu melden und den Rest des Urlaubs entspannt zu genießen. Mit einem Augenzwinkern war das Gespräch beendet.

Völlig verdutzt stand Marc wieder auf der Straße. Zorn wallte in ihm auf. Er würde sich jetzt selbst um die Aufklärung des Falles kümmern. Wozu war er denn sonst Reporter? Wütend stapfte er die Strandpromenade entlang, übersah die Weihnachtsbeleuchtung in den Palmen und den Pick-up mit den muskulösen Thai Boxern, die ihn unter stampfendem Techno Gewumme zur Bangla Boxing Night einluden. Inzwischen war er auf 180. Ein Blick hinüber zum Strand. Die bunten Positionslichter der Long Tail Boote nahm er in der Ferne nur schemenhaft wahr. Das Meer hatte sich im Licht des glänzenden Vollmonds weit zurückgezogen. Kein Wellengekräusel war zu erkennen.

In der Soi Keb Sap ignorierte er das freundliche Winken des Wirtes, der auf seinen üblichen Tisch deutete und marschierte schnurstracks in den Massagesalon. „Where is this fucking bitch Sandy?“ Wild durcheinanderschreiend sprangen die Masseusen auf. Schemel fielen um. Eine Flasche Öl entleerte ihren Inhalt über den glatten Fußboden. Aus den Fußmassagesesseln runzelten fünf ältliche Chinesinnen, aufgereiht wie Krähen, pikiert die Augenbrauen. Marc stürmte in den hinteren Teil des Raumes und riss wie ein Berserker an den Vorhängen, die die Massagebetten abtrennten. „Where is Sandy?“ Schnell bedeckte ein nackter Japaner seine Blöße, die fest von der Hand eines Ladyboys umklammert wurde. Plötzlich spürte Marc eine knochige Hand auf seiner Schulter. „Sandy not here anymore. She go away this morning. Please Sir!“ Flehentlich sah die alte Frau, die den Salon leitete, ihn an.

Auf einmal fühlte sich Marc unendlich müde. Seine Wut wich aus ihm wie aus einem schlaffen Luftballon. Wortlos verließ er den Raum und stapfte in die Nacht.

„Merry Christmas Sir!“ Das pummelige muslimische Mädchen mit dem strengen Kopftuch an der Kasse des 7 Eleven packte eine Flasche Hong in eine Plastiktüte und drückte sie Marc in die Hand. Kurz war er versucht, ins Hotel zurückzugehen, doch dann trugen ihn seine Füße wieder in Richtung Strand. An der Promenade setzte er sich auf eine Bank und nahm die Flasche aus der Tüte. Es war schon nach Mitternacht. Marc rieb sich die Augen. Wo war denn das Meer? Überall sah er nur nass glänzenden Sand.

Plötzlich hinter ihm ein lautes Hupen. „Come Sir! We must go. Come, come!“ Sandy in Hotpants und einem Tiger Top. Sie saß auf einem völlig verbeulten Motorroller. Ein Blick auf ihre schmalen Handgelenke. Keine Breitling, nur ein dünnes Goldkettchen. „Where is my watch, Sandy?“. Ein flehender Blick aus tiefen dunklen Augen. „I not have anymore. I change for scooter. Come!“ Mit zusätzlichen 90 Kilo setzte sich der Roller nur unter protestierenden Explosionen des Auspufftopfs in Bewegung. Geschickt steuerte Sandy durch verstopfte Straßen, ignorierte rote Ampeln ebenso wie Einbahnstraßen und wich den Flüchen der Taxifahrer aus, während er sich wie ein Ertrinkender an sie klammerte. Auf den Serpentinen in Richtung Karon schnaufte der Roller erbärmlich. Sandy schaukelte panisch mit ihren kaffeebraunen Beinen, als könne sie die untermotorisierte Maschine auf diese Weise anschieben. Erst auf dem Aussichtspunkt hielt sie an. „Here good!“. Marc stieg zitternd ab. Auf dem Sitz des Rollers wirkte Sandy im Mondlicht winzig. Lange sah er sie kopfschüttelnd an, während tief unter ihnen eine gewaltige schäumende Wasserwand über die Bucht von Patong hinwegfegte.

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