Suche
X

Infos anfordern

Kostenlos und unverbindlich!
Frau Herr
Bitte füllen Sie alle Pflichtfelder aus.

5. Platz:

Ellen Orbic

-

Am Morgen danach

Genre-Wettbewerb 2018 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Ein Sexualstraftäter, einer, der in einer abgelegenen Hütte kleine Mädchen vergewaltigt und umbringt und danach ein Zeichen hinterlässt: eine Haarklammer mit blauem Schmetterling. Ein Mann, der selbst vergewaltigt wurde, im Namen Gottes und der dieses Mal, nachdem er diesen unglaublichen Satz hört: „Gott liebt alle seine Kinder, auch dich“, seine Straftaten unterbricht. Jetzt legt er selbst Hand an sich.

Ellen Orbics Text besticht durch die Gefühle, die er im Leser entstehen lässt: Grauen und Verständnis, Abscheu und Mitgefühl wechseln sich ab und lassen den Leser noch lange nach dem Lesen nicht los.


Am Morgen danach

Er wachte mit bleischwerem Herzen auf. Erschöpft, ausgelaugt und mit einer tiefen Scham.

Er kannte das schon. Das, was gestern noch ihn antrieb, drängte, ihm ein Hochgefühl, eine Befriedigung verschaffte, das drückte ihn nun nieder.

Er schlurfte in sein schäbiges Badezimmer und pinkelte im Stehen. Er grinste. Jahrelang hatte seine Frau genörgelt, weil er im Stehen pinkelte. Weiber! Jetzt nörgelte keiner mehr, er konnte pinkeln wie er wollte. Er lebte allein. Blöd nur, dass er auch allein putzen musste.

Seine Frau hatte ihn verlassen, als es begann. Hatte sie etwas geahnt? Ziemlich plötzlich hatte sie ihre Koffer gepackt und war in einen anderen Bundesstaat gezogen.

Nun stand er vor dem Spiegel und grinste nicht mehr. Sein Spiegelbild schaute ihn an, nicht besonders klar, der Spiegel war schon ziemlich abgenutzt. Wie alles hier in dieser Bruchbude. Schäbig, abgenutzt, billig, schmutzig – das war er auch. Und noch schlimmer. Er war ein Monster.

Er hatte es wieder getan. Eine Weile hatte er sich im Griff gehabt, führte ein fast normales Leben. Nach außen hin führte er ein ganz normales Leben. Niemand wusste, was für ein Monster er war. Er arbeitete in einer kleinen Autowerkstatt als angelernter Schlosser. Er aß jeden Abend im selben Diner, wechselte ein paar Worte mit der Kellnerin. Trank ein Bier und fuhr dann nach Hause. Dort hockte er sich vor die Glotze und trank noch zwei weitere Biere. Nie mehr. Dann ging er schlafen. Ein ganz normales Leben, ein immer gleichbleibender Trott. Fast ohne Höhen und Tiefen.

Am Wochenende fuhr er oft mit seinem Pick-up umher. Zu Fuß durchstreifte er dann Wälder und beobachtete die Leute auf den wenigen Campingplätzen, die es hier gab. Er blieb immer abseits, unbemerkt. Meistens machte er noch einen Abstecher zu der alten Hütte, die verlassen an einem kleinen See stand. Er hatte sie vor ein paar Jahren durch Zufall entdeckt. Sie war mit Bett und Tisch und Stuhl ausgestattet. Auch einen kleinen Ofen gab es und einen Küchenschrank. Aber offenbar niemanden, der sie nutzte. Alles war mit dem Staub von Jahren belegt gewesen. Weil es keine Zufahrtstrasse dorthin gab, blieb sie auch verlassen. Vorsichtshalber hatte er ein Vorhängeschloss angebracht, damit niemand in „seine“ Hütte ging. Das war jetzt sein ungestörter Rückzugsort, den er jederzeit aufsuchen konnte.

So wie gestern, als er seinem Drang nachgegeben hatte. Wieder einmal. Wie so oft, hatte er auch diesmal ein Zeichen zurückgelassen. Eine Haarklammer mit einem blauen Schmetterling, der drei schwarze Punkte hatte. Sein Zeichen an alle, die aufmerksam Spuren suchen und deuten konnten. Warum hinterlässt du Zeichen? fragte er sein Spiegelbild. Willst du geschnappt werden? Ist dir denn nicht klar, wie man im Knast mit Kerlen wie dir umgeht!?

Weder er noch sein Spiegelbild konnten die Fragen beantworten. Es gehörte dazu. Es gab den Drang, das Zeichen zu hinterlegen. Er hatte die Haarklammern vor langer Zeit gekauft. Ein Dutzend. Eine war noch übrig. Er spürte, wie ein erregtes Kribbeln durch seinen Körper ging. Eine war noch übrig. Szenen aus dem letzten Jahr tauchten auf. Wie er sich ein kleines Mädchen in einem unbeobachteten Moment auf einem Campingplatz geschnappt hatte. Mit Chloroform betäubt in seiner großen Reisetasche verstaut war sie leichtes Gepäck gewesen, das nicht auffiel. Und noch bevor die Eltern sie vermisst hatten, war er seelenruhig davongegangen. Später, in der Hütte hatte sie geschrien und sich heftig gewehrt, doch was wollte ein kleines Mädchen gegen einen erwachsenen Mann ausrichten? Er hatte gespürt, wie das Leben aus dem Mädchen wich, als er sie nach der Befriedigung seiner sexuellen Lust erdrosselte. Und auch das Erdrosseln hatte ihm jedes Mal ein nicht zu beschreibendes Hochgefühl beschert. Danach kam der emotionale Absturz. Er bestattete das Mädchen in einem Laken in einer Höhle am See, legte sie zu den anderen. Er faltete ihre Hände und beruhigte sein Gewissen. Er war schließlich auch ein Opfer - ein Opfer seiner Triebe.

Doch gestern, das war anders gewesen. Sie war so anders gewesen, keine zehn Jahre alt und doch so gefasst, hatte sie sich klaglos in ihr Schicksal gefügt. Nicht gleichgültig, nein. Sie hatte ihm fest in die Augen geschaut, vorwurfsvoll und anklagend. „Warum tust du das?“ hatte sie ihn gefragt, als sie aus der Bewusstlosigkeit zu sich kam. Und nach dem Missbrauch noch einmal die gleiche Frage. Sie hatte ihm auch in die Augen geschaut, als er seine große Hand auf ihre kleine Kehle legte. „Du musst das nicht tun“, hatte sie gesagt. „Gott liebt alle seine Kinder, auch dich.“

Er war zurückgewichen, aus der Hütte gestürzt und hatte das Vorhängeschloss wieder eingehängt. Dann war er auf den Boden gesunken und hatte hemmungslos geschluchzt. „Gott liebt alle seine Kinder!“ Das hatte der Priester immer gesagt, der ihn viele Male missbraucht hatte. Kurz bevor er kam, hatte er immer gestöhnt: „Sein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden.“ Bevor er nach Hause durfte, hatte er noch ein „und kein Wort zu irgendjemand, sonst holt dich der Teufel!“ mit auf den Weg bekommen. Die Erinnerung war zurückgekehrt und hatte ihn wie ein Vorschlaghammer getroffen. Seit er zwölf Jahre alt war hatte er alles, was mit Gott und Kirche zu tun hatte, gemieden. Und mit niemanden darüber gesprochen. Damit der Teufel nicht kommt, um ihn zu holen. Und dann hatte er das Erlebte verdrängt. Bis gestern!

Er blickte erneut in den Spiegel, die tiefe Scham kam mit voller Wucht zurück. Er öffnete weit das Badezimmerfenster, holte die letzte Haarklammer aus dem Badschrank, legte sie auf einen Porzellanteller und stellte ihn gut sichtbar auf die Kommode im Bad. Neben die Schachtel mit den Andenken an „seine“ Mädchen. Fotos, Kettchen, Haarspangen und Locken sowie eine Karte mit der Höhle befanden sich darin. Er schlurfte zum Telefon, rief die 911 und nannte die Koordinaten der Hütte am See. „Dort werden sie das vermisste Mädchen finden.“ Dann legte er auf.

Er ging zurück zum Spiegel, erblickte einen Mann mit undurchdringlichen Augen, äußerlich gar nicht mal hässlich für sein Alter. Aber innerlich das Hässlichste, das er sich vorstellen konnte. Was war nur aus ihm geworden, aus dem kleinen Jungen von damals? Dann nahm er sein Rasiermesser, beugte sich über das Waschbecken, blickte sein Spiegelbild fest an und schnitt sich mit einem kräftigen Schwung die Kehle durch.

Seine Beine gaben nach und er sank auf den Fußboden des Badezimmers. Er spürte mit jedem Herzschlag das Blut und damit das Leben aus seinem Körper weichen. Es musste ein Ende haben, stellte er ohne Bedauern fest. Nur sein Körper wehrte sich noch gegen die Vernichtung, indem er heftig zuckte. Er hatte das Fenster geöffnet, damit seine Seele davonfliegen konnte. An einen besseren Ort.

-