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1. Platz:

Julia Schulze

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Das ganze Leben

Genre-Wettbewerb 2019 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Glauben Sie an Omen? Nach dieser Geschichte ist man versucht, es doch in Betracht zu ziehen. Eine Lieblingstasse zerbricht – und schon kommt der Anruf, dass die Besitzerin verstorben ist. Damit zieht die Autorin uns in die Geschichte. Doch es folgt kein Grusel-Schocker, sondern eine Szene in der man erfährt, wie eng die Großmutter der Ich-Erzählerin mit der Verstorbenen verbunden war. In ein paar Strichen nur zeigt Julia Schulze ganz nebenbei die großen Unterschiede zwischen der Verstorbenen und der Großmutter. Am Ende dann eine Überraschung. Doch auch diese Überraschung ist so vollkommen nachvollziehbar, dass man von der Geschichte verzaubert ist. Atmosphärisch dicht, empathisch und überraschend.


Das ganze Leben

Ich werde nicht vergessen, wie ich in der lichtdurchfluteten Küche stehe und Isis Tasse spüle. Es ist einer dieser friedlich warmen Tage im Juni. Die Fenster stehen offen und lassen Vogelgezwitscher in das stille Haus. Das alte Radio knistert in einer Ecke vor sich hin. Edda und Isi lieben die alten Songs, die nicht mehr viele Sender spielen. Sie haben auch nicht mehr Technik im Haus als nötig. Deshalb hänge ich über der Spüle, um das Geschirr von gestern abzuwaschen. Ich bin fast fertig. Nur noch Isis Tasse. Sie war ein Geschenk von Edda an ihre Schwester.
Da flutscht sie mir aus den Händen und knallt an den Beckenrand. Der Henkel bricht und durch den Tassenbauch zieht sich ein hässlicher Sprung.
„Scheiße“, fluche ich leise.
Edda wird es als Omen deuten. So, wie sie alles als Omen deutet. Ich will nicht, dass Edda darin etwas sieht. Dann klingelt das Telefon. Oben geht eine Tür auf und Edda eilt in kleinen Tippelschritten die Treppenstufen hinunter.
„Ich geh‘ schon!“, ruft sie.
Ihre Filzpantoffeln schleifen hastig über den abgelaufenen Holzboden. Ich sorge mich immer wieder, dass sie einmal mit ihnen ausrutschen wird.
„Hallo?“ Eddas Stimme am Telefon.
„Was sagen Sie?“ Sie klingt zornig.
„Das kann nicht sein!“ Der Hörer wird auf die Gabel geknallt. Wieder ihre kleinen Tippelschritte. Ich komme zu ihr in den Flur.
„Edda, hör mal, mir ist da ein Malheur passiert. Aber ich kann es ...“
Ich starre sie an. „… reparieren…“
Weiter komme ich nicht. Irgendetwas stimmt nicht.
„Was ist los?“
Edda steht auf der ersten Treppenstufe. Ihr Gesicht ist bleich. Ihre Lippen zittern ein wenig, und irgendwie scheint sie vor mir zu schrumpfen. Vor mir steht eine alte, gebeugte Frau, und ich frage mich, was gerade mit meiner Edda geschieht.
„Isi...“
Dann schließen sich die Lippen zu einem festen, dünnen Strich. Sie dreht um und steigt die Treppe hoch. Die Stiegen knarzen.
„Was ist mit Isi?“, rufe ich ihr hinterher.
Doch ich höre nur, wie sie die Tür zu ihrem Schlafzimmer schließt. Mit der Tasse in der einen Hand und dem abgebrochenen Henkel in der anderen bleibe ich zurück. Ich denke an das Omen. Das alte Haus schweigt dazu.
Ich folge Edda und klopfe bei ihr. „Edda, mach‘ auf. Bitte. Ich mach‘ mir Sorgen.“
Nichts. So sehr ich auch mein Ohr gegen die Tür presse, ich kann nichts hören. Ich stelle mir vor, wie Edda auf ihrem Bett liegt und die Zimmerdecke anstarrt. Manchmal tut sie das.
Die Tür zu Isis Schlafzimmer steht dagegen auf und erlaubt mir einen Blick hinein. Ich wundere mich über die Unordnung. Ein ungemachtes Bett, ein Kleid, achtlos über die Stuhllehne geworfen, Haare in der Bürste. Sie wird sicher nachher aufräumen wollen.
Neben der Bürste stehen Bilderrahmen aneinandergereiht. Isi und Edda, Edda und Isi. Einmal steht ein Mann zwischen ihnen, den ich nicht kenne. Es sind Bilder aus einer Zeit, in der es mich und meine Mutter noch nicht gab. Dann sehe ich auch meine Mutter in Eddas Armen. Tante Isi daneben. In der Mitte steht ein glänzender Silberrahmen, der neuste in der Reihe. Es muss mein sechzehnter Geburtstag gewesen sein. Meine Mutter küsst mich auf den Kopf. Edda und Isi lachen in die Kamera.
Ich halte noch immer Isis kaputte Tasse in den Händen. Es reicht mir jetzt. Ich muss wissen, was mit Isi geschehen ist. Behutsam lege ich beide Teile auf die Kommode zu den Bildern und husche auf die andere Seite des Flurs.
Wieder klopfe ich an Eddas Tür, dieses Mal energischer. „Edda, mach‘ sofort auf. Was ist passiert?“
„Es ist offen, Kind“, höre ich ihre gedämpfte Stimme.
Die Tür quietscht wie alle in diesem Haus, als ich sie vorsichtig öffne. Ich erschrecke. In Eddas Zimmer ist alles an seinem Platz, gebügelt, gefaltet und wegsortiert. Wie immer. Bis auf Edda. Sie liegt halb aufgerichtet auf ihrem Bett. Mit ihren Filzpantoffeln. Die Haare sind ein einziges Chaos. Als hätte sie stundenlang darin gewühlt. Tränen rollen ihr übers Gesicht. Ich habe Edda noch nie weinen sehen.
Ich ziehe meine Schuhe aus und rutsche zu ihr aufs Bett. Ihr Edda-Duft, eine zarte Mischung aus Lavendel und Waschmittel umgibt mich, ein Geruch, der mich seit Kindestagen begleitet. Ich nehme ihre Hand und lege den Kopf auf ihre Schulter.
„Sag‘ mir bitte, was mit Isi ist.“
Edda seufzt. Es ist eher ein Schluchzen, das von ganz tief innen kommt.
„Isi ist tot.“
Drei Worte. Ich zucke zurück und sitze kerzengerade.
„Das kann nicht sein.“ Es ist ein reiner Reflex. Eddas Worte bleiben ohne Bedeutung für mich. Sie sind falsch und prallen an mir ab.
„Dann frag‘ den Arzt, der mich vorhin angerufen hat.“ Wieder ein Schluchzen.
Ich habe tausend Fragen im Kopf, aber Eddas Gesicht ist verschlossen. Ihre Augen schauen ins Nichts oder irgendwo hin, wohin ich ihr nicht folgen kann.
Ich fühle mich hilflos. Ich brauche Antworten, stattdessen suche ich nach Taschentüchern.
„Hier.“
Edda nimmt sich eines und lässt es geistesabwesend in ihren Schoß sinken.
Ich beuge mich zu ihr und rüttle sanft an ihrer Schulter. „Was ist mit Isi?“ Ich will Edda wieder ins Zimmer zurückholen. Ich schüttle noch einmal.
„Sprich‘ mit mir!“
Endlich schauen mich ihre hellblauen Augen an. „Sie hatte einen Anfall. Der Notarzt konnte nichts mehr tun. Sie ist ...“ Edda weint. „… mitten zwischen den Regalen… sie wollte doch nur Tomaten und Kartoffeln holen...“
Oh Gott. Mein Herz zieht sich zusammen. Es presst Tränen aus. Sie drücken sich murmelgroß durch den Brustkorb in meine Kehle, drücken und drücken und steigen mir in die Augen. Davor verschwimmt Edda. Wie sie zerzaust auf ihrem Bett hockt. Dann lässt mein Herz wieder los und der Verstand übernimmt. Er verschließt den Fluß der Tränen, die noch geweint werden wollen.
„Wir müssen zu Isi. Wo haben sie sie hingebracht? In welches Krankenhaus?“
Oder wo bringt man Tote eigentlich hin, denke ich.
Isi ist tot. Ein undenkbarer Gedanke. Ich nehme Edda in die Arme. „Es tut mir so leid!“
„Ich kann nicht zu ihr“, flüstert Edda.
„Das musst du auch nicht. Ich mach‘ das. Ich ruf Mama an. Du musst da nicht hin“, antworte ich sofort. Mir ist nach weinen und schreien. Ich halte das Chaos in meinem Kopf nicht aus und den drückenden Schmerz im Brustkorb. Ich verfluche den Arzt, der unsere Welt urplötzlich verletzlich gemacht hat. Mit einem einzigen Anruf.
Eddas Blick wandert wieder davon. Raus dem Fenster, hinein in eine Erinnerung.
„Ich bin ein schlechter Mensch.“
Ich kann Eddas Worte kaum verstehen. Mein Magen dagegen krümmt sich warnend zusammen. Sie sieht mich an. Sie ist zurück.
„Eine ohne die andere – das ist nicht vorgesehen.“
Ich nicke.
„Und trotzdem habe ich es mir so oft gewünscht“, fährt sie fort.
Ich halte die Luft an. Traue den Worten nicht, die an mein Ohr dringen.
„Wir haben das ganze Leben miteinander geteilt. Das ganze… Und jetzt ...“
Jede Antwort, jeder Trost würde abgedroschen klingen. Ich würde mir selbst nicht glauben. Also schweige ich.
Dann schluchzt Edda erneut. „Ich schäme mich so.“
Ich drücke ihre Hand. Was soll ich sonst tun? Im Zimmer wird es allmählich dunkler. Die Sonne wandert ums Haus, um die Rückwände zu erwärmen, und lässt uns hier in einem schummrigen Zwielicht zurück.
„Ich verrate dir was, Kleines.“ Edda richtet sich auf und deutet mir an, näher zu kommen. Mein Ohr ist jetzt ganz nah an ihrem Mund.
„Ich bin froh“, haucht sie. „Über das Bisschen, das sie mir jetzt lässt. Für mich allein.“
In mir bleibt alles stehen. Ich bin geschockt.
„Ich schäme mich fürchterlich, so sehr, dass ich am liebsten auch sterben möchte. Aber: Ich fühle mich frei, Lara. Als der Arzt sagte, dass sie nichts mehr tun konnten… Es war, als hätte sich etwas Schweres von mir abgelöst.“
Ich muss aufstehen. Mein Hirn stolpert über die Sätze, wiederholt und kreist sie ein. Aber sie sind nicht zu fassen.
„Oh Mann.“ Mehr Worte finde ich nicht. Wir schweigen eine ganze Weile. Ich weiß nicht wie lange. Vielleicht sind es Jahre. Bis auf unseren Atem bleibt es still im Raum. Das Draußen hat sich ausgesperrt und beobachtet uns, wie wir hier drinnen mit unseren unsortierten Gefühlen kämpfen.
„Es tut mir leid, dass ich dir das gesagt habe.“ Edda erhebt sich und schiebt sich an die Bettkante. Ihre kleinen Füße baumeln in der Luft. Ein Pantoffel rutscht vom Fuß.
Begleitet von einer leisen Ahnung gehe ich aus dem Zimmer und hole Isis Tasse. Ich halte die beiden Teile vor Eddas Nase.
„Die ist mir vorhin beim Spülen kaputt gegangen.“
Edda nimmt den Henkel. Sie streicht mit dem Daumen darüber und lächelt.
„Na, die ist jetzt auch nix halbes und nix ganzes mehr.“
Das war Isis Spruch. Als Edda einmal ans Meer wollte. Ohne Isi. Aber Edda ist nicht gefahren damals. In diesem Moment verstehe ich. '
„Du bist immer Edda für mich,“ sage ich schließlich zu meiner Oma.
Wieder schaut sie mich an. Helle, wache Augen, ausgespült und klar. Sie nimmt das Taschentuch und pustet einmal kräftig hinein. Mit dem Ärmel wischt sie sich über das tränengesalzene Gesicht.
Ich nehme Eddas Hand und ziehe sie vom Bett, aus dem Zimmer. Es ist Zeit, sich jetzt um Isi zu kümmern. Um das letzte Stück Weg, das sie allein gehen muss.

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