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2. Platz:

Caroline Kemps de Escalante

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Das ist Mut

Genre-Wettbewerb 2019 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Die Autorin hat eine leichte Geschichte mit einer wirklich witzigen Pointe geschrieben, die Geschichte eines Schülers, den alle für „doof“ halten, der aber in der Not eine geniale Idee hat. Wir glauben zwar nicht, dass wirkliche Lehrer Mut und Frechheit dieses Schülers mit einer guten Note bedacht hätten, aber man darf ja mal träumen – dazu sind Geschichten schließlich auch da. Unaufdringlich und gekonnt beschreibt Caroline Kemps de Escalante die Gefühle der Figur: Sie lässt uns, die Leser, mitfühlen, statt zu behaupten oder vorzuschreiben. Überhaupt ist die Sprache dieser Kurzgeschichte wunderbar klar, die Situation gut beobachtet. Schön, wie genau auch die Nebenfiguren gezeichnet sind, die Lehrerin, der Schüler, der den Helden ärgern will – alles trefflich gesehen und lebendig erzählt.


Das ist Mut

Die Buchstaben tanzen vor meinen Augen. Ich bin unfähig einen Sinn zu erkennen. Meine Brust schnürt sich zusammen und der Kloß in meinem Hals schmerzt. Die letzte Klausur, die mich retten soll. Sie muss gut werden. Ich versuche die Panik zu unterdrücken, die mich wie eine Lawine überrollt. Was soll man für Deutsch auch groß lernen? Hätte ich die Aufgabe vorher gewusst, vielleicht wäre das Weiß in meinem Hirn wenigsten mit ein paar Linien dekoriert. Doch es strahlt hell in den luftleeren Raum.
„Archibald“, höre ich meinen Vater sagen, „du wirst einmal meine Kanzlei übernehmen, der Studienplatz ist dir sicher. Nur deine letzte Abiklausur musst du alleine schaffen.“
Nicht nur mein Name Archibald ist wirklich eine Strafe. Hier in der Schule bin ich einfach Achim. Achim, der Doofe. Der, den die Eltern durchziehen. Dem alles zufliegt. Zu uncool für die Clique, ohne Mumm in der Hose. Einen, den das Pensum der Oberstufe an die Grenzen bringt. Eine Träne macht sich selbstständig. Unauffällig wische ich sie weg. Meine Augen suchen die Aula ab. Die Stifte der Anderen kratzen über das Papier. Keiner nimmt von mir Notiz. Frau Schlangenfels-Brückner lächelt mir aufmunternd zu. Ich senke rasch den Blick. Das fehlte gerade noch. Auf das Mitleid von Ulrike, so heißt sie mit Vornamen, kann ich gut und gerne verzichten. Sie ist wirklich die Einzige, die mich toll findet und sich nicht zu schade ist, es zu zeigen. Wie peinlich für mich. Meine Mitschüler werden nicht müde, sich daraus einen Spaß zu machen.
Prompt trifft mich ein zusammengefaltetes Papier mitten auf die Stirn und bleibt auf meinem weißen Blatt liegen. Marlon grinst mich aus der ersten Reihe an. Seine Hände formen ein Herz und er schwenkt das Gebilde von mir zu Ulrike. Mir schießt das Blut in die Wangen. Dieses miese Arschloch. Am liebsten würde ich aufspringen und ihm seine arrogante Visage polieren. Mein Herz schlägt heftig und tauchen die eben noch weißen Hirnwände in ein glühendes Rot. Meine Hände sind zu Fäusten geballt und plötzlich weiß ich, was zu tun ist. Frau Schlangenfels-Brückner schaut gedankenverloren aus dem Fenster und beachtet uns nicht. Ich öffne den Zettel ohne Marlon aus den Augen zu lassen.
„Ach-Ihm, Ulrike findet dich toll, weil du so doof bist“, ist da draufgeschmiert. Ich grinse den Idioten an und schiebe mir genüsslich den Zettel in den Mund. Mein Mittelfinger hebt sich wie von selbst und ich kaue langsam.
Marlon zeigt mir einen Vogel und wendet sich wieder seiner Arbeit zu.
Boahh, schmeckt das widerlich. Ich schlucke den Papiermatsch in einem herunter und spüle mit ordentlich Wasser nach.
Was ist Mut? Das ist der Kern der Frage. In schier unendlichen Satzkonstruktionen, hinter aufgeblähten Worten, in mir unverständlichen Phrasen versteckt sich das Thema der heutigen Klausur. Den dazugehörigen Text sehe ich erst jetzt. Ein Blick auf die Uhr zeigt mir, dass ich ohnehin schon zu viel Zeit verloren habe. Ich habe nichts mehr zu verlieren. Plötzlich fühle ich mich leicht wie eine Feder.
Ich drücke meinen Rücken durch und setze mich aufrecht. Feierlich nehme ich meinen Stift in die Hand und schreibe den entscheidenden Satz auf das bis dato nur mit meinem Namen versehende Blatt:

Das ist Mut.

 

Drei Wochen später ist der große Tag. Frau Schlangenfels- Brückner betritt das Klassenzimmer und legt ihre Tasche auf das Pult. Es ist so still, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Ich versuche es mit der Büroklammer, die ich in meiner Hand knete. Das leise Pling vibriert durch den Raum. Das sonst frische Gesicht der Lehrerin wirkt müde und sie zuckt bei dem Geräusch leicht zusammen. Seit ich meine Deutschklausur mit nur diesem einen Satz abgegeben habe, ist sie seltsam distanziert. Fast tut sie mir leid. Sie hat sich ja wirklich Mühe mit mir gegeben. Aus ihrer Tasche nestelt sie den Bogen mit den Noten. Alle halten die Luft an.
Name für Name wird verlesen, die dazugehörige Punktzahl löst entweder ein erleichtertes Seufzen oder ein resigniertes Stöhnen aus. Ganz zum Schluss bin ich an der Reihe.
„Archibald Zacharias.“
Mein Name hallt durch den Klassenraum. Frau Schlangenfels-Brückner schiebt den Stuhl zurück und umrundet das Pult. Langsam kommt sie auf mich zu. Sie bleibt eine Armeslänge entfernt vor mir stehen und fixiert mich. Das Blatt mit den Noten hängt in ihren Händen vor ihrem Körper.
„So etwas habe ich noch nie gelesen.“ Ihre Mine lässt keine Deutung zu. „In meiner langjährigen Schullaufbahn, ist mir nichts untergekommen, was auch nur annährend dem Gleich kommt, was Sie, Herr Zacharias, sich geleistet haben.“
Hinter mir höre ich Kichern. Unverwandt ist ihr Blick auf mich gerichtet. Ausdruckslos. Kein Mitleid, keine Enttäuschung. Ich zucke mit den Achseln und beiße mir auf die Lippen. Keine Ahnung, was mich geritten hat. Ich bin raus. Nie wieder dieses Schulgebäude, dieser Gestank nach Versagen und Druck.
Zu Hause wartet mein gepackter Rucksack. Der Flug nach Australien geht in ein paar Tagen. Work and Travel. Endlich frei. Die Last auf meinen Schultern wird nur noch das Gewicht meines Gepäcks sein. Ich habe den Flug mit der Kreditkarte meines Vaters bezahlt. Das ist das letzte Mal, dass ich etwas von ihm nehme. Mit meinem eigenen Ersparten, werde ich die Anfangszeit überbrücken, bis ich einen Job gefunden habe.
Ich sehe schon den Ayers Rock vor mir, die rote Erde und das blaue Meer an der australischen Küste. Sehnsucht packt mich. Ich schaue durch Ulrike hindurch. Ihre Lippen bewegen sich im Rhythmus der Wellen, die in meinem Geist an den weißen Sandstrand rollen und mich magisch anziehen. Meine Mundwinkel haben sich nach oben gezogen und ich lehne mich in den harten Holzstuhl, wie, um ihn ein letztes Mal zu spüren und Abschied zu nehmen.
„15 Punkte“, höre ich Ulrike Schlangenfels-Brückner aus der Ferne sagen.
Mit einem Schlag bin ich wieder im Hier und Jetzt. Ich habe mich wohl verhört? Doch ihre Augenbrauen heben sich und ein Grinsen breitet sich auf ihrem Gesicht aus.
„Die Lehrerkonferenzen waren unendlich anstrengend, aber wir, die Kollegen des Fachbereichs Deutsch, sind zu dem Ergebnis gekommen: Das war wirklich Mut.“

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