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3. Platz:

Johan Ebi Schunck

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Die Grenze

Genre-Wettbewerb 2019 Runde 1

Das Urteil der Jury:

„Die Grenze“ erzählt, wie ein Mann, der etwas schmuggelt, vor dem Zoll des spanischen Algeciras vor Angst schwitzt. Die Zöllner sind streng und übellaunig. Schon im Auto vor unserem Schmuggler finden sie etwas. Der Mann wird abgeführt. Beim Schmuggler steigt der Blutdruck. Jetzt erst – und das macht die Geschichte noch spannender – erfahren wir, worum es sich bei dem Schmuggelgut handelt: Um einen Flüchtling, einen Afrikaner auf dem Wagendach eines VW-Busses, denn der Flüchtling ist groß. Dann die Erleichterung, die Freude, als sie drüben sind. Dass der Fahrer dafür Geld genommen hat – nun, das ist wohl realistisch. Johan Schunck ist eine spannende, hochaktuelle Geschichte gelungen.


Die Grenze

Jetzt waren die spanischen Zollbeamten bei seinem Vordermann fündig geworden. Aus irgendeinem verborgenen Winkel im Kofferraum des Autos hatten sie eine verdächtige Tüte gefunden. Der Inhalt elektrisierte sie. Als ob Frankie nicht ohnehin schon angespannt genug gewesen wäre.
Unruhig rutschte er auf seinem Sitz hin und her, strich sich zum wiederholten Mal eine seiner graublonden, störrischen Strähnen nach hinten und steckte sich eine weitere Zigarette an. Mit mulmigem Gefühl beobachtete er, wie sie den Mann aus dem Auto vor ihm zu einem grauen Flachbau abführten. Grenzen bedeuteten immer Ärger, besonders eine wie diese hier in Sichtweite zum spanischen Algeciras.
Frankie wischte sich die schweißnassen Hände an seinen zerbeulten Jeans ab, zog hastig an seiner Zigarette. Aber das Nikotin beruhigte ihn nicht. Er sah zu den Flaggen Europas und Spaniens herüber, die unschuldig im sonnigen, aber kühlen Atlantikwind hin und her tanzten und deren Seile mit hohlem Klang gegen die Masten schlugen. Ein Geräusch, was Frankie sonst an Segelschiffe und Weite erinnerte. Aber jetzt saß er eingekeilt in der blechernen Abfertigungsschlange im Niemandsland zwischen dritter und erster Welt, nur wenige Meter von einem neuen Leben in Europa entfernt. Für ein Zurück war es zu spät. Um sich abzulenken, befühlte er die Ausbeulung in seiner Hosentasche: 700 US-Dollar! Das war ein Haufen Holz für einen wie ihn, der normalerweise von der Hand in den Mund lebte. Und drüben – sollten sie es wider Erwarten jemals rüber schaffen – wartete noch mal soviel auf ihn. Damit war er zwar zum Schlepper „aufgestiegen“. Aber schließlich war das nicht seine Idee gewesen, sondern die von Taio, diesem schwarzen Zweimeter Hünen, diesem angeblichen Flüchtling aus Nigeria, Benin oder weiß der Teufel woher, der sich jetzt eingerollt in einen Teppich zwischen Kanistern und Ersatzreifen auf dem Dach seines alten VW-Busses, versteckte. Profis hätten sicherlich mehr verlangt – sofern sie sich auf so einen Blödsinn überhaupt eingelassen hätten. Denn das war es mittlerweile in Frankies Augen: ein wahnwitziger Blödsinn! Dieser Grenzübertritt mit der illegalen „Ware“ auf seinem Dach würde sein Ende bedeuten. Angeklagt wegen Menschenhandels würde er in irgendeinem verwanzten spanischen Gefängnisloch verrotten. Und mit der Festnahme des Mannes in der Reihe vor ihm, war seine letzte Hoffnung auf ein Gelingen endgültig geschwunden. Warum musste er nur diesem Lulatsch auf seinem Dach begegnet sein? Er hätte sein zielloses Herumvagabundieren in Afrika wie die letzten Jahre auch einfach weiterführen können. Wie aus dem Nichts musste Taio mit seinem graublauen Leinenanzug und den weißen spitz zulaufenden Moscheeschlappen in sein Leben treten. Wie ein zu groß geratenes Kind war er unbeschwert grinsend vor ihm auf und ab getänzelt, hatte einen – zugegebenermaßen leckeren Eintopf für sie beide gekocht – und ihn dabei so lange bequatscht, bis Frankie schließlich von Taios Plan, wie er das null durchdachte Vorhaben nannte, überzeugt war. Wer weiß, ob ihn nicht Taio schon da mit seinen angeblichen Ju-Ju-Künsten verzaubert hatte!? Jedenfalls faselte dieser die ganze Zeit etwas von magischen Kräften, mit deren Hilfe er die Zollbeamten dazu zwingen könnte, sie einfach durchzuwinken. Sein untrügliches Bauchgefühl hatte ihn von Anfang an vor Taio gewarnt. Aber dann hatten sie an jenem Abend auch noch zwei Flaschen Rotwein gekippt, geraucht und sich allmählich die Welt im marokkanischen Sternenhimmel zurecht geträumt. Und schlussendlich hatte Taio das Bündel Geldscheine hervorgezogen, dass Frankies fatale Entscheidung begünstigt hatte und nun seine Hosentasche ausbeulte: Sein Anteil dafür, dass er Taio trockenen Fußes über die raue Meerenge bringen würde. Denn das schien dessen einzige Sorge bei allem zu sein: Bloß nicht mit dem Wasser in Berührung zu kommen.
So ein Schwachsinn! Er verfluchte sich, mal wieder seine ursprünglichen Instinkte ignoriert zu haben. Diese Grenzer in ihren martialisch oliv-grünen Guardia-Civil-Uniformen sahen alles andere als danach aus, sich von einem naiven Flüchtling und seinem genauso naiven Alt-Hippie-Helfer verzaubern zu lassen. Stoisch und detailversessen verfolgten die ihren Job und drehten dabei jeden Gegenstand eher einmal zu viel als zu wenig um. Und jetzt kamen vier von ihnen, bewaffnet mit finsterem Gesichtsausdruck und Spürhund auf seinen Bus zu. Zu seiner Überraschung blieb jedoch nur einer der Beamten mit dunkler Sonnenbrille und schwarzem Schnauzer vor seinem offenen Fenster stehen. Die anderen drei passierten ihn unbeachtet, trommelten dabei kurz feixend gegen das Blech seines Busses, wandten sich aber eindeutig schon seinem Hintermann zu.
„Pasaporte, por favor!“
Der Grenzer schob sich die dunkle Sonnenbrille in die Stirn, studierte lange Frankies unrasiertes, zerfurchtes Gesicht bevor er in dessen Dokument zu blättern begann.
„Aleman, si!?“
Frankie nickte, während er angespannt zusah, wie der Grenzer den Pass hin und her drehte, um alle verschiedenen auf den Seiten verstreuten Visa- und Grenzstempel zu studieren.
„Zambia, Zimbabue..." Der Grenzer blätterte vor und zurück durch die Seiten, blickte noch mal auf den Einband, um sich Frankies Nationalität zu vergewissern. „Congo, Namibia... Etiopia, maldita sea“, murmelte er entziffernd. Frankie spürte den Argwohn des Grenzers wachsen. Schweiß bildete sich auf seiner Stirn.
„Que de puta madre estas haciendo en Africa todo el tiempo?“
Die Stimme des Grenzers klang jetzt misstrauisch. Frankie rang um Worte. Aber das einzige spanische Wort, das ihm einfiel war „vivir – leben“.
„Vivir“ wiederholte der Grenzer kopfschüttelnd und bedrohlich. Frankie rechnete jeden Moment damit, dass er seine Kollegen zu sich rief, um ihn und den Bus auseinanderzunehmen. Aber stattdessen wurde der Schnauzbart gerufen. „Garcia, ven!“
Garcia blieb einen Moment unschlüssig mit dem Pass in der Hand vor Frankies Fenster stehen, musterte nochmals den alten Bus, rüttelte kurz am Gepäckträger, aber die Rufe der Kollegen wurden energischer. „Ya voy!“ rief Garcia unwirsch zurück und reichte schließlich Frankie den Pass durchs Fenster „Vete a la porra, cabron!“ (Zieh Leine, Du Ziegenbock!)
Wie betäubt warf Frankie den Motor an, fuhr einfach drauf los ein, zwei Kilometer nach Algeciras rein. Er wusste nicht wohin, aber das war auch egal. Sie waren drüben ... in Spanien. Sie hatten es tatsächlich geschafft. Es dauerte bis er das endlich realisierte. Aber dann hämmerte er wie wild gegen das Dachblech seines Wagens, auf dem Taio noch lag.

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