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4. Platz:

Winfried Brandmaier

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Sein Lächeln

Genre-Wettbewerb 2019 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Dramatische Geschichte über einen Schwarzen, der im neuen, befreiten Südafrika auch keine Chancen hat. Am Anfang sieht man ihn als Pförtner eines „Wirtschaftsunternehmens“, wie er lächelt und „Guten Morgen, Sir“ sagt – am Ende erschießt er einen der weißen Fahrer. Warum, das erfahren wir in den Gedanken des Schwarzen zwischendrin. Das ist ein dramaturgisch raffinierter Schachzug. Der Leser ahnt das schlimme Ende, liest aber weiter, weil er wissen will, ob er recht hat. Und dann kommt der letzte Satz, dem man besondere Aufmerksamkeit schenken sollte, denn er ist das eigentlich Dramatische: Nichts ändert sich. Winfried Brandmaier ist politische Kurzgeschichte gelungen, die tiefes menschliches Verstehen zeigt, aber die Leser selbst urteilen lässt.


Sein Lächeln

Mit einem Lächeln führte er seine Hand zum Schild der Uniformkappe.
„Guten Morgen, Sir!”, grüßte er den Angestellten in der weißen Limousine. Dieser erwiderte den Gruß mit einem kaum sichtbarem Nicken, ohne dass sein Blick vom Handy wich.
„Bitte unterschreiben Sie hier.” Kagiso reichte dem Angestellten das Klemmbrett und öffnete die Schranke.
Er hatte Geduld, ließ sich nicht provozieren, stand sechs Tage die Woche an seinem Wärterhäuschen und bewachte die Einfahrt zum Wirtschaftsunternehmen. Er schien zufrieden zu sein, bis an jenem Tag, an dem seine Sicherungen durchbrannten – es war zu viel. Aus dem Lächeln wurde eine Fratze und aus dieser ein Albtraum.
In Kindertagen hatten seine Freunde geträumt Pilot, Feuerwehrmann oder Astronaut zu werden. Kagiso malte sich im Karneval weiß an. Er wollte nicht mehr ein “Schwarzer” sein. Bald begriff er, dass er es in Johannesburg mit seiner Hautfarbe zu nichts bringen würde. In der Schule strengte er sich an. Sein Vater klopfte ihm auf die Schultern, als Anerkennung für jede Eins, die er nach Hause brachte.
„Kagiso aus dir wird noch was!” Vielleicht glaubte er seinen eigenen Worten, oder er bewahrte seinen Sohn vor der Realität – wer weiß es schon.
Als mit dem ANC die Schwarzen an die Macht kamen, feierte Kagiso bis in den Morgen mit seinen Freunden. Die Teenager tanzten, sangen und erträumten ihre Zukunft. An diesen Tagen feierte jeder im Stadtteil Alexandra.
Drei Wochen später konnte sich die Familie von Kagiso kein Essen mehr leisten. Als Ältester brach er die Schule ab und verdiente ein paar Rand zum Lebensunterhalt dazu. Er wusch Autos, mähte Rasen und brachte die Einkäufe der Reichen nach Hause. Diese Gelegenheitsjobs sicherten das Überleben und gaben der Hoffnungslosigkeit immer mehr Raum.
Tag für Tag erfuhr Kagiso, dass Demütigungen zu seinem Leben gehörten, wie billiges Essen und Löcher in seiner Kleidung. Trotzdem lächelte er und vertraute der Zukunft.
Als Fünfundzwanzigjähriger arbeitete er bei seinem Onkel im Betrieb. Er reparierte die Autos der Johannisburger, die der guten alten Zeit nachtrauerten, in denen die Welt noch benannte, was heute immer noch Realität war. Die schwarze Mehrheit bediente weiterhin die weiße Minderheit. Trotzdem lächelte er beim Polieren der Autos und träumte von einem Leben nach der Autowerkstatt. „Wenn ich erst mal genug Geld beisammen habe, dann werde ich eine Familie gründen und ein kleines Haus mit Vorgarten bauen.” Diesen Satz wiederholte er bei der Arbeit gleich einem Mantra und erntete von seinen älteren Kollegen mitleidsvolle Blicke. Zum Sparen blieb am Monatsende nichts übrig, diese Erfahrung machten sie Monat für Monat.
Eine Familie gründete er. Seine Frau gebar ihm drei Kinder. Er war stolz auf sie, lächelte beim Zusammenkehren der Werkstatt und träumte von einem Leben ohne Löcher in der Kleidung.
Sein Rücken schmerzte immer mehr und so konnte man ihn schon bald in der Werkstatt nicht mehr gebrauchen. Mit fünfzig, ungelernt und schwarz stand er auf der Straße.
Ein ehemaliger Kunde der Werkstatt, heuerte Kagiso als Sicherheitsangestellter an. Bei dem Wirtschaftsunternehmen verdiente er ordentlich mit dem Aufschreiben von Autokennzeichen. Mit den täglichen Launen der Angestellten hatte er umzugehen gelernt. Jeden Morgen setzte er sich wieder seine Maske auf, damit niemand sein vergangenes Lächeln erleiden musste. Wer wollte schon einen unglücklichen Angestellten anblicken? Darum verbarg er seine Hoffnungslosigkeit, lächelte und hatte immer ein frohes „Guten Morgen, Sir!”, parat.
Gestern hatte er die Spannung, die in der Luft lag, bereits beim Öffnen der Türe seiner Hütte gespürt.
Er setzte sich an den Plastiktisch, mit der Plastiktischdecke. Die Augen seiner Frau starten auf den Teller, als wolle sie mit ihrem Blick das Abendessen verschlingen. Sie aßen, ohne dass sie einen Blick oder ein Wort wechselten. Kagiso ertrug diese Stille schwer, hatte aber gelernt, dass er nicht das Recht hatte etwas anzusprechen.
Der Vulkan würde ausbrechen, wenn er oder in diesem Fall, wenn seine Frau es wollte.
So war es auch an jenem Abend. Er hatte gerade den letzten Bissen gegessen, da kam es aus ihr heraus.
„So ein unnützer Junge! Haben wir dich nicht erzogen Gott zu fürchten?” Ihre Wut entlud sich Richtung Boa, ihren ältersten Sohn.
„Was willst Du”, maulte er zurück.
“Was ich will? Einen Sohn, der mir das Leben nicht schwer macht! Ich arbeite von früh bis spät für euch, räume die Regale im Supermarkt ein und du hintergehst uns!” Ihre Miene verfinsterte sich bei jedem Wort.
Den Dreizehnjährigen schien dies nicht zu jucken. Sein jüngerer Bruder und seine jüngere Schwester saßen mit gesenktem Blick da.
„Was ich will – hast du gefragt!”, schwoll der Sturm erneut an.
„Ich will wissen, woher du diese Schuhe hast, die ich unter deinem Bett gefunden habe!”
Sie zog zwei nagelneue, weiße Sneaker hervor.
„Dafür müssen dein Vater und ich einen Monat lang arbeiten. Von wem hast du sie?”, bibberte ihre Stimme.
„Das geht euch gar nichts an! Wie ich Euch hasse. Ich ertrage diese abgefuckte Hütte nicht mehr! Ihr habt es zu nichts gebracht! Ihr Versager – schaut Euch nur an. Ich muss selbst schau`n, wo ich bleibe.”
Mit diesen Worten sprang er auf und verließ fluchend die Hütte. Stille trat ein.
Kagiso ging zu seiner Frau. Nahm sie in die Arme. Ihre Tränen liefen ungehindert die Wangen hinunter. Sie presste ihren Schmerz heraus.
„Er hat ja recht, wir können ihm nichts bieten. Schau dich nur um. Du mit deinem Gehalt verdienst nicht einmal genug, damit unsere Kinder anständige Kleidung, ohne Löcher tragen können. Kagiso wir haben Boa verloren. Ich spür es.”
In dieser Nacht schliefen sie schlecht. Am Morgen schleppte sich Kagiso benommen zum Taxiplatz bei der Tankstelle, um den Bus zur Arbeit zu nehmen. Hier hing Boa nachmittags mit seinen Freunden ab. An diesem Ort wurden die Drogen von Alexandra umgesetzt. Kagiso schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass sein Sohn überleben würde. Kriminell war er bereits lange, bevor er die weißen Schuhe unter seinem Bett versteckt hatte, geworden.
Jeden Tag brachte ihn ein Kleinbus heraus aus Alexandra. Wie Sardinen saßen fünfzehn Mitfahrer in diesem weißen Bus. Gefahren wurde, wenn alle Plätze besetzt waren.
„Keines seiner Kinder hätte hier aufwachsen dürfen”, dachte er an diesem Tag, als er die Wellblechhütten am Straßenrand an ihm vorbeiziehen sah. Diese Armut drückte ihm immer mehr die Luft ab. Was hat er aus seinem Leben gemacht? – Nichts!
Aus der Piste wurde eine Straße. Sie hatten die Stadtteilgrenze von Alexandra nach Sandton überschritten. Auf der einen Seite lebten die Ärmsten und auf der anderen Seite lag die Finanzhochburg der Stadt. Auf der einen Seite duckten sich Wellblechhütten aneinander, auf der anderen ragten Hochhäuser mit Glasfassaden dem Himmel entgegen. Jeden Tag durchbohrte Bitterkeit sein Herz beim Überqueren dieser unsichtbaren Grenze. Er hatte gehofft, dass es leichter werden würde, aber auch nach Jahren war dies nicht der Fall. „Ich bin ein Versager”, dachte Kagiso. Seinen Kindern wollte er ein Leben in einem kleinen Haus mit Vorgarten bieten. Doch es blieb bei seinen Träumen und der Hütte voller Armut.
An der Straßenecke zu seiner Firma stieg er aus und trottete mutlos zu seinem Wärterhäuschen. Hier löste er seinen Kollegen ab, der die Nachtschicht übernommen hatte. Er nahm das Klemmbrett und die Waffe entgegen. Setzte sein Lachen auf und stellte sich neben die Schranke – jeden Morgen das gleiche. Die Typen mit ihren weißen SUV fuhren an die Schranke. Kagiso grüßte mit einem Lächeln, notierte das Autokennzeichen und bat die Fahrer zu unterschreiben. Dann öffnete er die Schranke. Ein Danke erwartete er schon lange nicht mehr. Gedankenversunken lehnte er an seinem Wärterhäuschen und überlegte, wie er seinen Sohn zu Vernunft bringen könnte.
„Schwing deinen dreckigen Arsch rüber”, diese Worte rissen ihn aus den Gedanken. Er hatte übersehen, dass ein Wagen auf ihn wartete. Lächelnd wünschte er einen guten Morgen, schrieb das Autokennzeichen schnell auf und bat den Fahrer Mr. McKinlay: „Bitte, unterschreiben sie hier.”
„Bist du zu dumm, mein Kennzeichen abzuschreiben? Das ist ein M kein N!”, kläffte dieser aus seinem Wagen.
Kagiso konnte ihr selbstgefälliges Lachen nicht mehr ertragen. In diesem Moment ertrug er die Last nicht mehr, und er zeigte ein Gesicht, das er seit Kindertagen niemanden gezeigt hatte. Nie wieder würde ihn jemand auslachen!
Er bat seinen Schöpfer um Verzeihung und schloss seine Augen, bevor er zweimal die Waffe abfeuerte.
„Hast Du das von Mr. McKinlay gehört”, fragte ein Angestellter seinen Kollegen in der Mittagspause.
„Schlimme Sache!”
„Weiß jemand, warum der Typ an der Schranke ausgerastet ist?”
Keiner der Mitarbeiter konnte sich den Grund vorstellen. Sie kannten ihn immer nur lächelnd, wenn sie sich überhaupt an Kagiso erinnerten. Am nächsten Tag stand ein neuer Mitarbeiter an der Schranke und führte mit einem Lächeln seine Hand kurz zum Schild der Uniformkappe.

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