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1. Platz:

Jennifer Milinski

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Jane Doe

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2013 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Was auch immer in seiner Vorgeschichte den Protagonisten dazu gebracht hat, obdachlose Mädchen zu vergiften, ist in dieser Arbeit nicht wirklich von Bedeutung, denn es geht um die unerbittliche Ignoranz eines Mannes, die Milinski hier als Metapher für Unmenschlichkeit durch ihre Geschichte ziehen lässt. Zudem spielt die Autorin elegant mit Andeutungen und wohl durchdachter Wiederholungstechnik. Ein Text, der uns durch seine konsequente Linie völlig überzeugt.


Jane Doe

Der klapprige Bus hielt schnaufend in einer heruntergekommenen Seitengasse. Wie ein überfahrenes Tier entleerte er sein Inneres auf die Straße, stieß keuchend eine Rußwolke aus und fuhr ohne ihn weiter.

Er wirkte mehr als deplatziert in dieser Gegend, wie eine Blume, die auf einem Haufen Müll erblüht. Seine Schritte wurden vom Morgendunst verschluckt und er selbst war nur ein vager Schatten. Trotzdem erkannte sie ihn sofort an seinen Lederschuhen und seinen Hosenbeinen.

„Guten Morgen, Jane“, begrüßte er sie freundlich und hockte sich hin, „wie geht es dir?“

Sie blickte aus müden Augen zu ihm auf. „Nicht so gut, Sir. Ich habe schreckliche Magenschmerzen.“

„Wann hast du das letzte Mal etwas gegessen?“

Aus seiner Ledertasche zog er ein sorgfältig verpacktes Bündel.

„Als Sie vorgestern hier waren, Sir.“ Sie streckte ihm ihre dreckigen Hände entgegen und er gab ihr das Essen. Mit zittrigen Fingern löste sie die kleine Kordel, die das Bündel zusammenhielt und schlug den feinen Stoff zurück. Gierig steckte sie sich das Brot in den Mund und verschlang es, ohne groß zu kauen. „Das tut mir leid, Jane. Lass es dir schmecken“, sagte er und beobachtete, wie sie aß.

Sie antwortete nicht, ihr Mund war zu voll, sie grunzte nur. Ein Hustenanfall schüttelte ihren mageren Körper. Das Tuch, das sie noch in der Hand hielt, presste sie sich vor den Mund. Feine Blutspritzer sogen sich durch den weißen Stoff, ihr Gesicht war schmerzverzerrt.

„Auf Wiedersehen, Jane“, verabschiedete er sich und wandte sich von ihr ab.

Sie rollte sich unter ihrem provisorischen Unterstand wie eine Katze zusammen.

So fand man sie am nächsten Morgen. Er las es in der Zeitung. Nicht, dass sie die Nachricht Wert gewesen wäre, sie war nur eine namenlose Obdachlose. Niemand suchte nach ihr und niemand würde sie vermissen. Aber die Tode dieser Art häuften sich in letzter Zeit, was Aufsehen erregte und die Polizei nötigte, zumindest den Anschein zu erwecken, etwas dagegen zu tun.

Auch heute Morgen hatte er wieder in der Küche gestanden und ein Brot belegt. Den Rand hatte er abgeschnitten und das perfekte Quadrat dann sorgfältig in ein frisches Tuch gewickelt.

Der klapprige Bus hielt schnaufend in einer heruntergekommenen Seitengasse. Wie ein überfahrenes Tier entleerte er sein Inneres auf die Straße, stieß keuchend eine Rußwolke aus, und fuhr ohne ihn weiter.

Er wirkte mehr als deplatziert in dieser Gegend, wie eine Blume, die auf einem Haufen Müll erblüht. Seine Schritte wurden vom Morgendunst verschluckt und er selbst war nur ein vager Schatten. Sie sah zuerst seine Lederschuhe und seine Hosenbeine.

„Guten Morgen, Jane“, begrüßte er sie freundlich und hockte sich hin, „wie geht es dir?“

Es war ein anderes Mädchen, aber nicht minder hässlich und verwahrlost.

Sie blickte aus müden Augen zu ihm auf. „Ich habe Hunger, Sir.“

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