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10. Platz:

Stefan Sauer

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Der Abschied

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2013 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Dies ist ein Text, der trotz des Themas Erlösung ganz ohne dramatische Höhepunkte auskommt und in dem sich der Autor gezielt auf den fließenden inneren Monolog eines Mannes konzentriert, der seiner Frau in den Tod folgen wird. Dabei gelingt es ihm nicht nur, die Figur plastisch zu charakterisieren, sondern auch herauszuarbeiten, wie schwer es sein kann, an einem Verlust nicht zu scheitern.


Der Abschied

Als Hans das Krankenhaus in Stockholm verließ, zitterte er am ganzen Körper, ihm war schwindelig und sein Kopf war total leergefegt.

Wie in Trance ging er zu seinem Volvo Kombi, der am entferntesten Rand des Parkplatzes stand.

Die Schneeflocken wirbelten durch die Luft und der eisige Nordwind ließ seinen Atem in Dampfwolken aufsteigen. Er spürte die Tränen nicht, die ihm über das Gesicht liefen, fast augenblicklich zu Eis gefroren und sich auf seiner Haut festfraßen.

Die beiden Pfleger, die ihm in gebückter Haltung, sich gegen den Wind stemmend, entgegenkamen bemerkte er überhaupt nicht. Er hörte auch nicht, als sie ihn fragten, ob alles in Ordnung wäre oder sie ihm helfen könnten.

Weiter durch den Schnee stapfend, kam er seinem Auto immer näher. Als Hans vor dem Wagen stand war er einen Augenblick verwirrt und wusste nicht, wo er war. Dann kramte er in den Taschen seiner dicken, blauen Daunenjacke nach den Autoschlüsseln.

An die Fahrt konnte er sich hinterher nicht mehr erinnern. Wie viel Zeit vergangen war, bis er an seinem Schreibtisch sitzend, wieder zu sich kam, wusste er nicht, aber es war auch nicht wichtig.

Jetzt zählte nur noch, was er tun wollte. Langsam klappte er das kleine Tagebuch auf, blätterte zur nächsten freien Seite, nahm seinen Füller und fing an zu schreiben:

„Heute ist die Welt eine völlig andere als sie es gestern noch war. Auch wenn ich wusste, dass dieser Tag kommen würde, darauf vorbereiten konnte ich mich trotzdem nicht richtig. Ich hatte mir eingebildet, ich könnte es, als der Arzt uns sagte, dass Annas Krebs zu weit fortgeschritten sei für eine Heilung und dass ihr nur noch drei Monate bleiben würden. Aber dann habe ich gemerkt, dass das Vorbereiten auf das unvermeidliche Ende nicht so wichtig war, wichtiger war es, die verbleibende Zeit so intensiv wie nur irgend möglich zu nutzen.

Ich schaue aus dem Fenster, im Licht meiner Schreibtischlampe tanzen die Schneeflocken und erinnern mich an unseren letzten gemeinsamen Spaziergang, bevor sie endgültig in die Klinik musste. Sie war schon sehr geschwächt, aber ihre Augen leuchteten trotzdem vor Glück, als wir auf „unserer“ Bank am See saßen, die Schneeflocken beobachteten und uns gegenseitig Geschichten aus unserer gemeinsamen Zeit erzählten.

Es ist schon erstaunlich, wie verschieden zwei Menschen ein und dieselbe Situation wahrnehmen und erleben können und trotzdem im gleichen Augenblick miteinander glücklich sind.

Ich glaube, es wäre schön, die Trauerrede um eine dieser Geschichten herum zu halten.

Obwohl es nun schon einige Stunden her ist, spüre ich immer noch ihre Hand in meiner, wie sie sie noch einmal drückte, bevor sie schlaff wurde.

Ihr Blick war erstaunlich klar gewesen, trotz der vielen Schmerzmittel, die sie ihr gegeben hatten. Man liest oft von einem letzten Aufbäumen oder einem letzten Wort im Moment des Sterbens, aber Anna sagte nichts und ihr Körper bäumte sich auch nicht mehr auf. Sie schloss einfach ihre Augen und ich spürte die Kraft aus ihrer Hand schwinden, die ich mit meiner gehalten hatte.

Heute werde ich mich ganz dem Schmerz hingeben, denn ab morgen muss so viel geregelt und erledigt werden.“

Als die letzten Trauergäste gegangen waren kehrte Ruhe im Haus ein und Hans spürte, dass er nun bereit war.

Er setze sich wieder an seinen Schreibtisch und klappte das Tagebuch an der Stelle auf, an der er an ihrem Todestag geendet hatte.

„Es war eine sehr schöne Beerdigung, obwohl sie ihren Lehrerberuf schon lange nicht mehr ausgeübt hatte, kamen viele ihrer ehemaligen Schüler, die nun selbst schon erwachsen sind und voll im Leben stehen. Viele erzählten Ereignisse und Begebenheiten, bei denen sie ihnen etwas für ihren Lebensweg mitgegeben hatte, bei manchen sogar so beeindruckend, dass sie heute nicht da wären, wo sie sind, wenn sie Anna nicht als Lehrerin gehabt hätten.

Da wir keine eigenen Kinder hatten, war es sehr bewegend zu sehen, dass wir doch junge Menschen beeinflussen konnten, wenn auch Anna natürlich mehr als ich.

Ich spüre eine Ruhe in mir aufsteigen, eigentlich hätte ich Zweifel und Angst erwartet, dass ich unser gegenseitiges Versprechen nicht einlösen könnte, aber ich war mir einer Sache noch nie so sicher wie in diesem Moment.

Gleich Anna, gleich Anna, ich komme zu Dir.....“

Hans legte das Tagebuch beiseite, schraubte den Füller sorgfältig zu und legte beides mitten auf den Schreibtisch, damit es sofort gefunden würde.

Er setzte den Becher an seine Lippen, ein letztes Mal schaute er aus dem Fenster, der Schneefall hatte aufgehört, es war friedlicher und sonniger Tag.

Seine Lippen öffneten sich leicht und er spürte den ersten Schluck in seinem Mund, es war weder bitter noch hatte es sonst irgendeinen Geschmack. In einem Zug leerte er den Becher, stellte ihn auf den Tisch und schloss die Augen.

Schmerzen spürte er keine, er wurde nur unendlich müde, als er Annas Gesicht vor sich sah, wusste er nicht, war dies der letzte Eindruck dieser Welt oder war er schon hinübergegangen und wieder mit Anna vereint.

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