Suche
X

Infos anfordern

Kostenlos und unverbindlich!
Frau Herr
Bitte füllen Sie alle Pflichtfelder aus.

2. Platz:

Jutta Lange

-

Der letzte Augenblick

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2013 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Hass und Rachsucht - diese Zutaten eines klassischen Krimis mixt Lange in ihrem Text über einen scheiternden Mörder zu einem modernen Kurz-Krimi, der durch die kompakte Form, die spritzigen Dialoge und den trockenen Schluss ganz und gar rund geworden ist. Fein herausgearbeitete Charaktere und perfekter Spannungsaufbau geben dem Text die nötige Würze.


Der letzte Augenblick

Sie beobachtete reglos, wie sich ein Tropfen von der Tischkante vor ihren Augen löste und hinabfiel. Weitere Tropfen folgten. Die cremefarbene Auslegware, die sie jahrelang so umsichtig gepflegt hatte, färbte sich unter ihr rot.

Sara war sich ihrer gekrümmten Haltung auf der glattpolierten Tischplatte nur entfernt bewusst. Und dass Blut aus ihren Haaren sickerte, ließ sie seltsam unbeteiligt. Sie spürte, seit sie wieder zu sich gekommen war, weder Schmerz noch Angst. Aber von irgendwo kam die Gewissheit: „Ich sterbe.“ Sie grub benommen in ihrer Erinnerung. Da war der Moment, als sie das Wohnzimmer betreten hatte. Bevor sie auf den Tisch fiel, hatte sie diesen ungeheuren Schlag auf den Kopf gespürt und als Letztes das grässliche, unmögliche Brechen von Knochen.

Sie hatte ihren Angreifer nicht gesehen. Jetzt hörte sie seine Schritte im Nebenraum. Er schien etwas zu suchen, riss Schubladen auf und durchwühlte Schränke. Sara versuchte, den Kopf zu drehen, aber sie hatte anscheinend vergessen, wie man dies machte. Sie probierte alle anderen Körperteile aus. Nur ihr rechter Arm zeigte eine kleine Bewegung.

Plötzlich erschienen Beine links in ihrem Sichtfeld und eine zu Saras Entsetzen so vertraute Stimme sprach sie verwundert an: „Du lebst ja noch.“ Als wäre sie im Unrecht, als wäre es ihre Pflicht gewesen zu sterben. Es gab nur einen Menschen, der hinter scheinbarer Freundlichkeit stets absoluten Gehorsam von ihr gefordert hatte: Karl, ihr Ehemann.

Er setzte sich jetzt links von ihr auf den Boden. Sein sonst so charmantes Lächeln war kalt: “Dann möchtest du sicher wissen, wieso? Hast du wirklich in all den Jahren nicht gemerkt, wie sehr du mich anödest? Dass es nur um dein Geld ging?“ Er schnaubte. „Aber jetzt ist es Zeit, dass ich endlich mit Janina glücklich werden kann. Da habe ich diesen kleinen Einbruch vorgetäuscht. Janina gibt mir ein Alibi, weiß ja keiner, dass wir zusammen sind.“ Er lachte: „Und hinterher kann sie den reichen Witwer trösten.“ Jetzt blickte er seiner Frau direkt in die Augen: „Aber dass du mir die Freude machst, dir beim Sterben zusehen zu dürfen, ist weit mehr, als ich erwartet habe. Das wird mich entschädigen für die Jahre der dumpfen Langeweile.“ Verachtung tropfte aus seinen Worten. Sara würgte. Sie hätte sich gern weggedreht. Die Vorstellung, dass ihr Mörder das Leben aus ihren Augen würde weichen sehen, war unerträglich. Wie hatte sie sich so in ihm täuschen können? Er schien ihr plötzlich vollkommen fremd, nicht der Mann, den sie so sehr liebte. Selbst die braunen Schuhe, die er trug, hatte sie noch nie gesehen. Und wer war Janina?

Jetzt spürte sie doch den Schmerz. Und es war dieser Schmerz, der ihre letzten Kräfte wachrief. Mühsam bewegte sie ihre rechte Hand zentimeterweise in ihre Jackentasche. Bis sie, verborgen hinter ihrem Körper, kühles Metall berührte.

Ihre Waffe.

Sara gab alle Kraft in die kleinen Bewegungen der Finger. Sie musste sich ungeheuer konzentrieren und sich die einzelnen Schritte ins Gedächtnis rufen, ohne hinzusehen.

Ihr Atem ging rasselnd. Sie spürte, wie das Leben schwand. Ihr blieben nur noch wenige Momente. Sie unternahm eine letzte Anstrengung. Dann sah sie Karl direkt an.

Eine kurze Tonfolge erklang. Eine Tonfolge, die sie beide bestens kannten. Und was Sara in ihrem letzten Augenblick sah, war das Entsetzen in Karls Zügen, als er begriff.

Während er zum Tisch stürzte und Sara das Handy aus der rechten Hand riss, schloss sie die Augen. Karls Hände zitterten, als er im Display die Meldung „Nachricht gesendet“ las und sich noch einmal der Text einblendete: ES WAR KARL.

-

Diese Website verwendet Cookies, um Inhalte und Anzeigen für Sie zu personalisieren.

Sie können sich hier infomieren und der Verwendung widersprechen. Mit der Nutzung der Website, Klick auf einen Link oder auf "OK" stimmen Sie der Verwendung zu.

OK