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3. Platz:

Jörg Nimmergut

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Der Ersatzkarpfen

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2013 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Zunächst entwickelt der Autor eine scheinbar harmlose alltägliche Szene: Vater und Sohn diskutieren im Plauderton die Zukunft des Jungen. Doch in den mustergültigen Dialog mischt sich die Hintergrundgeschichte - die Beschränkungen der Menschen in der DDR waren nicht nur geprägt vom Mangel an Dingen, sondern auch von der Begrenzung der persönlichen Freiheit. So führt Nimmergut den Leser mit leichter Hand in das immer aktuelle Thema deutsche Vergangenheit.


Der Ersatzkarpfen

Vater ging selten zum Frühschoppen und noch seltener nahm er mich mit. Erst als ich achtzehn, neunzehn war, kam es gelegentlich vor. Vater hielt sich an einem Bierchen fest, Molle und Korn war nicht. Er hatte nur eine Niere. Sein Kopf blieb klar und das kam den Gesprächen sehr zugute. „Du willst also schreiben. Ist dir dein schriftstellerischer Flitz noch immer nicht vergangen?“ Flitz ist die abgemilderte Form von Macke und signalisiert, dass Vater mein Bestreben schon in Ordnung findet.

„Na schön. Mit der Schreiberei ist es wie mit dem Boxen, Söhnchen, Klasse setzt sich immer durch. Vergiss nicht, Literatur soll der Ausdruck der Gesellschaft sein.“

„Erst kommt das Wort und das ist der Ausdruck des Menschen“, kontere ich.

„Und wer sagt dir, dass deine Texte was taugen? Dass du Talent hast, begabt bist und Schrift wirklich gut stellen kannst, was ja wohl die Bedeutung des Wortes Schriftsteller ist?“

„Na ja, meine Kritiker haben bisher ...“

„Kritiker“, schnaubt Vater, „Leute ohne Beine, die einem das Laufen beibringen wollen. Schwätzer, die einem Pferd die Sporen geben wollen, auf dem sie gar nicht sitzen. Gewöhn dir nicht an, deine Lauscher nach ihren Winden auszurichten!“

„Du hast gut reden. Woher weiß ich sonst, ob ich zum Schreiben tauge?“

„Wie wäre es denn, wenn du daran glauben würdest?“

„Glauben?“

„Ja, so eine Art Gewissheit ohne Beweise.“

„Weißt du, was sie im Süden Chinas, in der Provinz Hunan glauben? Wenn dort die Eltern möchten, dass ihr Kind ein Leben lang gut reden und noch besser schreiben kann, dann muss der Säugling einen lebenden Karpfen küssen, je öfter, desto besser“, entgegne ich.

„Und das funktioniert?“

„Die glauben es jedenfalls und machen das schon ziemlich lange, also ist vielleicht etwas dran.“ „Ein Glückskarpfen also. Wir könnten das ja auch mal ..., ich meine, schaden kann es ja nicht, auch wenn du kein Säugling mehr bist. Was machen wir mit dem Karpfen? Da müssten wir uns behelfen.“ Er studiert die Speisekarte. „Karpfen steht nicht drauf.“

Natürlich nicht. Wir sind in der DDR. Es ist 1957. Karpfen! „Und außerdem, in Biersoße nutzt er uns sowieso nichts.“ „Söhnchen, hast du gewusst, dass die DDR eigentlich eine Monarchie ist?“ Vater grinst. „Nee, wieso?“

„Das Königreich der Ersatzstoffe. Zitronat aus kandierten grünen Tomaten, Schokolade ohne Kakao, Dederon anstatt Nylon, Vitalade-Konfekt ohne Kakao, Wasserhähne aus Plaste - noch mehr Beweise gefällig?“

„Nee, lass man. Worauf willst du denn hinaus?“

„Wir machen jetzt diese chinesische Karpfen-Arie und zwar auf DDR-Weise. Du musst nur fest dran glauben. Mach jetzt die Augen zu.“

Ich höre ein zartes Rascheln, Vater wedelt mit irgendetwas Flachem vor mein Gesicht.

„Los, küss jetzt den Karpfen, je öfter, desto besser.“

Es ist Vaters Angelschein!

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