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4. Platz:

Joachim Becker

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Schmieröl

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2013 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Nichts ist schwerer, als die Tragikomik alltäglicher Situationen - ein Mann hat eine unerklärliche Erscheinung und geht erst einmal zum Arzt - so zu übersteigern, dass daraus ein überzeugender Science-Fiction-Plot entsteht. Dem Autor gelingt es, auf eine unvorhersehbare Pointe am Schluss hinzuarbeiten und dabei den Leser bei der Stange zu halten. Und das mit leichter Hand, spritzigem innerem Monolog und dem Entwurf einer surrealen, bedrohlichen Welt.


Schmieröl

Zuerst war es nur eine Note, vermischt mit den Ausdünstungen der Großstadt, doch im Laufe der Zeit wurde es unerträglich. Überall roch es nach Schmieröl. Ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen und fand heraus, dass ich offenbar der einzige war, der diesen Geruch wahrnahm. In meinem Bekanntenkreis jedenfalls sorgte ich mit der Geschichte für ungewollte Heiterkeit.

„Ich habe gehört, dass Arbeit gelegentlich eine regelrechte Beflügelung der Sinneswahrnehmung auslöst“, sagte David und rührte dabei fröhlich in seinem Kaffee. „Dein Zwanzigjähriges in der Kanzlei zeigt wohl seine ersten Nebenwirkungen.“

„Es könnte aber auch der Wein sein“, fiel Ethan ein und beide versuchten, sich mit einem noch breiteren Grinsen zu übertrumpfen.

„Armer Jack. Vielleicht solltest du wirklich einmal zum Arzt gehen“, sagte Charlotte und ihre Gesichtszüge verrieten ernsthafte Besorgnis.

Schließlich musste ich es ihr versprechen und am Nachmittag des darauffolgenden Tages saß ich im Sprechstundenzimmer meines Hausarztes.

„Wohl eine durch Dauerbelastung hervorgerufene Überreizung der Sinnesorgane“, murmelte Dr. Gyllenhall und verbog dabei sein Stethoskop in alle erdenklichen Richtungen. „Meiner Meinung nach sollten Sie sich einfach mal ein paar Tage Urlaub nehmen, Herr Herald.“

Nachdenklich nickend verließ ich die Praxis. Draußen war die Dämmerung bereits im vollen Gange. Die mächtige Sonne versank hinter den Skylinern und verabschiedete sich mit einem letzten, intensiven Leuchten. Der Ölgestank hatte sich mit der Hitze verbrüdert und beide legten sich nun - wie eine erdrückende Last - auf meine Schultern. Ich konnte fühlen, wie etwas Schmieriges meine Luftröhre hinunterkroch und langsam, jede Verästelung der Lunge mit einem klebrigen Film überzog. Keuchend versuchte ich, mir einen Weg durch die glühenden Häuserschluchten zu bahnen. Hin und wieder drehten sich Leute um und unterzogen mich einer längeren Musterung. Einige tuschelten. „Es ist doch nur wegen des Gestanks“, rief ich ihnen entgegen, aber es kam keine Antwort. Nur seltsam-trübe Blicke. Schaudernd setzte ich meinen Weg fort.

Mit der Dunkelheit kam ein Surren und Laternen entfachten ihren flackernden Schein. In meiner Hosentasche begann sich eine Feuchtigkeit auszubreiten, die mit jedem meiner Schritte ihre Umrisse vergrößerte. Schnell griff ich in die Jeans, zog mein Portmonee heraus und warf es mit solcher Wucht zu Boden, dass es wie ein nasser Lappen aufklatschte. Münzen eierten heraus und begannen, im Lichtkegel der Laternen zu zähen Tropfen zu zerfließen. Ich ging in die Hocke und zerrieb etwas von der liquiden Masse zwischen Daumen und Zeigefinger. Sogleich durchstieg ein wohlbekannter Duft meine Nase. „Es ist das Geld!“, schoss es mir durch den Kopf. Doch viel weiter konnte ich den Gedankengang nicht mehr führen. Ein allesbetäubendes Getöse brach los und fing an, die Stadt zu verändern. Die Straßen formten sich zu riesigen Förderbändern, die alles und jedem ihre Richtung aufzwangen. Nach und nach fanden sich immer mehr Menschen ein, die meine krächzenden Hilferufe mit puppenhaftem Starren erwiderten. Der Ohnmacht nahe, sank ich auf die Knie. Der Gestank und die beißende Hitze trieben mir dampfende Tränen in die Augen. Mit einem vors Gesicht gepressten Taschentuch ließ ich noch einmal meinen Blick schweifen. Anstelle von Hochhäusern ragten nun riesige Zylinderkolben aus dem Boden. Ringsum griffen Zahnräder ineinander und ein Netz funkensprühender Leitungen überspannte die Szenerie.

Die Erde begann erneut zu beben. Mit einem metallischen Klirren erhob sich eine riesige Maschine und riss ihren Schlot auf. „Nichts wie weg!“, brach es aus mir hervor. Doch ich fühlte mich wie festgeklebt. Glühende Kontrolllampen hatten mich mit ihrem bannenden Blick fixiert. Schon verschwanden die ersten in Mammons Maul. Heraus kamen ölig-schwarze, mit triefenden Scheinen gefederte Wesen, die sich unverzüglich an die Arbeit machten, um das Ungetüm zu vergrößern. Ein letztes Mal sammelte ich meine Kraft. Doch mein Körper verweigerte den Gehorsam. Mein Kopf knallte auf den Boden und ich versank in Schwärze ...

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