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5. Platz:

Jasmin Kari

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Die Taschenfreundschaft

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2013 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Kari liefert hier eine beeindruckende Arbeit über Mitmenschlichkeit im Alltag und darüber, dass manches Innehalten dazu führen kann, das eigene Verhalten zu überdenken und zu ändern. In diesem leisen und sprachlich fast lakonischen Text führt die Autorin den Leser direkt zu dieser Erkenntnis.


Die Taschenfreundschaft

"Der tut nichts."

Noch während die brüchigen Worte der Alten nachklangen, hatte sich der Zwergpinscher in Peters linkem Hosenbein verbissen.

Er bemühte sich, höflich zu bleiben und nicht reflexartig das Bein von sich zu schütteln. Nicht auszudenken, welches Drama ihm bevorstünde, wenn das Tier gegen einen fahrenden Wagen prallte. Schließlich pflückte er den kleinen Hund von seiner Jeans und hielt ihn ausgestreckt der Oma entgegen - sorgsam darauf bedacht, seine Hand von den Zähnen fernzuhalten. Die alte Dame starrte ihn böse an, als ob es seine Schuld wäre. Sie riss das geifernde Bündel an sich. Dann verstaute sie es in der abgetragenen, dunkelbraunen Tasche, aus der es vorher unangemeldet gesprungen war. Schimpfend trat sie den Rückzug an und wackelte in Richtung Supermarkt.

"Ist nicht schlimm", rief er ihr schmunzelnd hinterher und fragte sich, ob sie es wirklich wagte, den Pinscher unauffällig in den Laden zu schleusen.

Und tatsächlich - sie schloss den Reißverschluss der Umhängetasche, murmelte leise einige Beschwörungsformeln und versprach Thunfisch und Tatar.

Die Bestie verharrte reglos in ihrem Versteck und das außergewöhnliche Paar betrat den Laden. Was sollte er tun?

Als Kaufhausdetektiv war es seine Pflicht, in solchen Situationen tadelnd einzugreifen. Keine Hunde, das stand in dicken Lettern an der Tür. Aus sentimentalen Gründen brachte er es jedoch nicht übers Herz. Seine Tochter wünschte sich seit langem eine Katze. Tag für Tag sprach sie davon, wie schön es wäre, einen Freund zu haben, der nur ihr gehörte. Dem sie alles erzählen konnte, der Geheimnisse bewahrte und der immer da sein würde, wenn sie sich einsam fühlte.

Bislang hatte sich Peter stets gewunden und eine merkwürdige, temporäre Tierhaar-Allergie vorgeschoben. Nur gegen Schlangen sei er immun, hatte er der Kleinen erzählt, aber diese waren das Letzte, das sie im Haus haben wollte. Geschweige denn in ihrem Zimmer.

Er beendete seine Zigarettenpause und ging zurück in den Markt. Es dauerte nicht lange, da fand er die alte Dame in der Gemüseabteilung. Die Brille hing ihr schräg über das Gesicht und sie besprach sich gerade mit ihrer Tasche, was sie abends kochen sollte. Man entschied sich für Blumenkohl. An der Fleischtheke begann die kritische Phase. Peter hatte sich unbemerkt angeschlichen. Er hörte das gedämpfte Schnaufen und Schnüffeln durch den Stoff. Die verlockenden, würzigen Düfte würden dem Biest den Rest geben, sie beide auffliegen lassen. Der Marktleiter besprach sich im Nebengang mit einer Verkäuferin. Ohne es zu wollen, beschleunigte sich Peters Puls. Die Alte schien von all dem nichts zu merken. In aller Ruhe tätigte sie ihre Einkäufe. Mehr als einmal schirmte er sie vom Personal ab und fragte sich stirnrunzelnd, was er da eigentlich tat? Er fühlte sich wie ein Bodyguard unter Strom und konnte erst aufatmen, als sich hinter Frau und Hund die Schiebetüren schlossen.

In der Scheibe des Schaufensters spiegelten sich sein hartes, vernarbtes Gesicht und seine bullige Gestalt. Nachdenklich schaute er hinaus auf die Straße. Noch zwei Stunden, dann hatte er Feierabend. Genug Zeit, um vor Ladenschluss in der Tierhandlung vorbeizuschauen. Dort konnte man bestimmt einen Fressnapf und ein Katzenklo kaufen.

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