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6. Platz:

Roland Fuhrmann

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Der Vokabeltest

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2013 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Der Autor liefert hier eine feine Charakterstudie, mit der er das Thema Prüfungsangst gleichzeitig ironisch, humorvoll und nüchtern transportieren kann. Gekonnt verwebt er dabei plastische Schilderungen mit temporeichem inneren Monolog und überlegt eingearbeiteten Wahrnehmungen des Ich-Erzählers. Eine Arbeit, die den Leser schmunzelnd zurücklässt.


Der Vokabeltest

Nervös wippte ich mit den Beinen auf und ab. Immer wieder fiel mein Blick auf die Uhr an der Wand. Nur noch eine Minute bis zum Klingeln, zwei weitere und Herr Bour würde den Klassenraum betreten. Dann war es vorbei, ausweglos und ohne eine Chance zu entkommen.

Ich hätte noch mehr Zeit gebraucht als nur einen Nachmittag. Die gestrige Ankündigung für den heutigen Test kam viel zu kurzfristig.

Aber, ich war vorbereitet und wie. Die besten Spicktricks ließ ich mir einfallen. Es war nur sehr wichtig nicht zu schwitzen, deshalb musste ich versuchen, ruhiger zu werden.

Krrrrring, es klingelte, die Stunde war vorbei, eine neue begann. Viel Zeit blieb nicht mehr, bis Herr Bour den Klassenraum betreten würde. Das Klingeln wurde zum Startsignal für meinen Körper, mir nicht mehr zu gehorchen. Mein Herzschlag wurde heftiger und ich wunderte mich, dass mein Herz so groß war und mir bis an den Hals reichte. Denn dort spürte ich die Rhythmen, die wie Trommelschläge auf mich einwirkten, am deutlichsten. Meine Atemfrequenz erhöhte sich zunehmend. Meine Hände schwitzten unkontrollierbar. War das etwa mein Gewissen, das mir einen Streich spielte? Nein Junge, keine wirren Gedanken, du musst cool bleiben, konzentrier dich.

Die Tür öffnete sich und Herr Bour betrat den Raum. „Good Morning“, sagte er in seinem monotonen Ton. Er stellte seine Tasche neben dem Pult ab und schaute uns finster an. „Today we want to write a vocabulary test.“ Ohne weitere Verzögerung verteilte er die Prüfungsblätter. Mit bleichem Gesicht schaute ich auf den vor mir liegenden Bogen. Das Pochen meines Herzens wurde so laut, dass ich Angst hatte, mein Nachbar könnte es hören. Dröhnend brauste es in meinen Ohren, meine Kehle schloss sich enger zusammen und ich bekam keine Luft mehr. Wie sehr hoffte ich, jetzt ohnmächtig umzufallen, denn dann müsste ich den Test nicht mitschreiben. Doch dieser Wunsch wurde mir nicht erfüllt.

Zittrig nahm ich das Blatt in meine Hand und schaute mir das erste Wort an. Reihenhaus. Überrascht blickte ich auf, und mein Herz setzte für einen Moment aus. Ich nahm einen tiefen Atemzug. Die Übersetzung hatte ich mir auf meinen Unterarm rechts geschrieben. Es hieß „townhouse“. Schnell schrieb ich die Lösung auf. An die nächsten Vokabeln konnte ich mich ebenfalls erinnern, die hatte ich mir auf meine Brust notiert. Jetzt schlug mein Herz wieder schneller, aber diesmal aus einem anderen Grund. Ich hatte mir die Vokabeln so gut eingeprägt, dass sie mir alle einfielen. Meine Atmung beschleunigte sich und ich schwitzte stärker. In einer rasenden Geschwindigkeit konnte ich den Test beenden und als erster stand ich auf und ging nach vorn.

Herr Bour sah mich mit großen Augen an. „I wonder“, sagte er. „Du und der Erste?“ Zufrieden und etwas überheblich lächelte ich ihn an. Dabei steckte ich meine Hände in meine Hosentaschen und fühlte den Spickzettel mit meinen Fingern. Ich hatte diesmal wohl eine der besten Lernmethoden überhaupt angewandt!

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