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7. Platz:

Helena Melchior

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Am Tag, als die Großmutter starb

Kurzgeschichte-Wettbewerb 2013 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Hier erleben wir die zunächst heiteren Vorbereitungen zu einer Hochzeit, die jeder schon miterlebt hat. Melchior gelingt es über eingängige Situationsschilderungen, dieses Postkartenbild aufzubrechen. Die Hauptfigur, noch ganz im verliebten Erleben gefangen, macht die erste Erfahrung mit Verlust und Tod – und die Autorin lässt uns den schmerzhaften Schritt ins Erwachsensein mitgehen.


Am Tag, als die Großmutter starb

Die Großmutter lag im Sterben. Es kamen alle Verwandten, um Abschied zu nehmen. Nach dem frühen Tod des Großvaters war die Großmutter Anführerin des westfälischen Clans. Die Großmutter lag gebettet in Paradekissen, über ihr das Kruzifix und ein gerahmtes Bild vom Papst. Elisabeth setzte sich auf die Bettkante, während die Großmutter Konstantin begutachtete. Schließlich nahm sie die Hände der Enkelin und ihres Verlobten, fügte sie zusammen und sprach den beiden ihren Segen aus.

„Wenn ihr heiratet, wird auch zusammen geblieben, einen Leben lang!“ Die zwei versprachen es. Eine Zusage, die mehr wog, als alle kommenden. Noch meinten die beiden natürlich auf dem Weg in den Himmel zu sein. Die Forderung der Großmutter galt eher für die Höllenfahrten.

Zum Abschied flüsterte die Großmutter ihrer Enkelin noch etwas ins Ohr. Elisabeth hörte großäugig zu und nickte dann nur.

Es vergingen die letzten zwei Wochen Verlobungszeit und schließlich kam der Hochzeitstag. Es regnete an diesem letzten Tag im Oktober. Die Hochzeit sollte um halb zwölf im Berliner Süden stattfinden.

Das Paar fand es eine lustige Idee einige Gäste schon zum Frühstück einzuladen. Um zehn sagte Konstantin, er wolle dem Postboten entgegen gehen. Pakete trug dieser grundsätzlich nicht aus, wenn sie an Mieter im Hinterhaus zugestellt werden sollten.

Konstantin kam freudestrahlend mit dem Päckchen wieder. In diesem waren die Eheringe. Das hatte doch anderthalb Stunden vor der Trauung einwandfrei geklappt.

Die Braut schaute aus dem Fenster und ihr traten Tränen in die Augen. Sie schluckte sie hinunter und die Gesellschaft verließ das Weddinger Hinterhaus, um mit zwei Autos zum Standesamt zu fahren. Es regnete immer noch. Alle stiegen schnell in die Autos. Konstantin versuchte zu starten. Nichts passierte. Alle stiegen wieder aus.

Konstantin machte die Motorhaube auf und hantierte in den Innereien seines Polos, leider vergeblich. Die Zeit fing an schneller zu laufen.

Inzwischen waren Elisabeth Strümpfe gesprenkelt mit Schlammspritzern, Konstantins Hosenränder eher schwarz als weiß.

Schließlich mussten sich alle in das Auto des Trauzeugen quetschen und ab ging es durch den dichten Vormittagsverkehr.

Beim Standesamt warteten schon weitere Gäste. Der Bräutigam sprang aus dem Auto und ging wippenden Schrittes, um die letzten bürokratischen Dinge zu regeln.

Der Standesbeamte winkte ihnen zu und führte die Gesellschaft in einen großen Saal.

„ Wo bleiben Se denn. Es ist doch schon dreiviertel zwölfe.“

„Ach“, sagte der Bräutigam „Das Auto ist nicht angesprungen und dann war Stau!“

„Na, man sieht´s. Ihre Hände sind ja janz schwarz.“

Schwarze Hände, schmutzige Hosen, schlammbespritzte Strümpfe sind letztlich Marginalien. Die Studenten verfolgten fröhlich aufgeregt die erste Hochzeit in ihrem Kreis. Der Rest der Gäste waren Elisabeths Mutter mit Freundinnen, die Elisabeth von Kind auf kannten, ohne Männer, denn alle waren inzwischen geschieden.

Am Ende der Zeremonie sagte der Standesbeamte, der weiße Tennissocken in seinen gewienerten Schuhen trug: „Da fehlt doch noch wat!“

„Was denn?“, fragte der frisch getraute Ehegatte, trampelte auf dem Schlauch herum und überlegte. Sie hatten beide ja gesagt, unterschrieben auch. Der Standesbeamte verdrehte die Augen. „ Se müssen die Braut doch küssen?“

Das taten die beiden nach Vorschrift.

Im Anschluss fuhr man in den Grunewald zum Feiern. Während Elisabeth im Auto saß, heulte sie schon wieder. Es kam ihr seltsam vor, wie schwarze Trauerfäden sich in diesen fröhlich-goldblinkenden Hochzeitstag mischten.

Sie feierten studentisch locker. Etikette, quengelnde Schwiegermutter, straff gezehrte Blutsbande gab es nicht. Elisabeth wog ihr Herz trotzdem schwer.

Am nächsten Tag rief ihr Vater an, der verhindert gewesen war. Er gratulierte.

„Ich muss dir was sagen, Elschen.“

„Was denn?“

„Die Großmutter ist gestern gestorben!“

Elisabeth schluckte, langsam sackte Verständnis in sie ein.

„Mann, Papa, warum hast du denn nicht Bescheid gesagt.“

„Ich wollte dir den Hochzeitstag nicht verderben.“

„Du kennst mich doch. Ich musste den ganzen Tag heulen und wusste nicht wieso!“

Der Vater ruderte mit seinen Gefühlen am anderen Ende der Leitung.

„Wann ist sie denn gestorben?“

„Um elf.“ Elisabeth lachte. „Hast sie es doch geschafft! Zum Abschied hat sie mir ins Ohr geflüstert. Sie würde dabei sei.“

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