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8. Platz:

Ferdinand Bigos

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The first cut is the deepest

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2013 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Bigos erzählt mit eindringlicher und bildreicher Sprache von einer Freundschaft, deren Scheitern auch nach 30 Jahren noch unerklärlich ist. Gekonnt arbeitet er zudem mit der Technik Vor- und Rückblende und blättert so vor dem Leser eine Verbindung auf, die eigentlich nicht unterbrochen sein musste. Besonders gut gelungen sind dem Autor die Zeit- und Ortswechsel, die dem Thema Abschied Vielschichtigkeit geben.


The first cut is the deepest

Ich war 11 Jahre alt und ich erinnere mich, dass es im Frühjahr gewesen sein muss, als mir mein bester Freund, Ludwig, in Höhe seines Elternhauses entgegenkam. Der Gehweg war breit dort und mir fiel auf, dass Ludwig ziemlich nahe an der Hauswand ging, um mir nicht begegnen zu müssen. Alles war anders als sonst. Wir waren nicht nur die besten Freunde gewesen, wir waren wie Brüder; unsere Familien, Spielkameraden und Verwandten nannten uns „Fritz und Karl“. Wir wohnten in unmittelbarer Nachbarschaft zur „Zeche Shamrock“ in der gleichnamigen Straße, mitten im Ruhrgebiet. Sein Vater hieß Adam, war Bergmann, und wir hatten dasselbe Ziel: auch wir wollten Bergleute - Kumpel - werden.

Wir spielten - oft gemeinsam mit anderen - jeden Tag miteinander; wir kannten jeden Garten, Stein und Strauch. Dabei pflückten wir von den Bäumen und Sträuchern alles, was man essen konnte. Selbst Erdfrüchte aßen wir, ohne sie zu waschen, fütterten die Tiere seiner polnischen Verwandten und stahlen manches Hühnerei aus den Nestern. Mit einer Mischung aus Faszination und Ekel sahen wir beim Schlachten von Schweinen und Geflügel zu und halfen, die Schinken und Würste in die hauseigene Räucherkammer zu hängen. Wir beschenkten uns zum Geburtstag, besuchten gemeinsam den Zirkus sowie seine oder meine Verwandten; wir aßen - bei ihm oder bei uns - manchmal gemeinsam zu Mittag oder bei einer seiner Tanten. Nachdem Ludwig - er war etwas jünger als ich - in die Schule gekom-men war, saßen wir an manchen Tagen gemeinsam am Küchentisch bei den Hausaufgaben. Kurz zuvor hatten wir mit anderen Kindern und Jugendlichen in den großen Ferien die ersten drei Wochen ohne unsere Familien in einem Jugendheim nahe Bad Eilsen verbracht. Ich hatte zwar zwei ältere Schwestern, aber ich wünschte mir schon immer einen Bruder. Ludwig war für mich wie ein Bruder - und niemals hätten wir uns vorstellen können, dass unsere Freundschaft je einmal auseinandergehen würde.

Er war bei Fußball und Leichtathletik immer ein wenig besser als ich; er konnte schneller laufen, höher springen und weiter werfen. Aber das machte mir nichts - das war ebenso. Dafür konnte ich besser vom Turm springen, schwimmen und tauchen. Auf dem Fahrrad seiner Cousine, die bei einem Lebensmittelhändler ihre Lehre machte, lernten wir Radfahren.

Das Rad war groß und schwer und hatte zum Ausliefern von Waren einen großen Gepäckträger vor dem Lenker. Weil der Sattel zu hoch war, mussten wir ständig das Rad schräg halten und den rechten Fuß unter der Stange her auf die Pedale stellen. Ebenso konnten wir stundenlang in irgendeinem Treppenhaus oder im Garten spielen und die Zeit so vergessen, dass unsere Mütter uns nach Hause holen mussten. Auch abends hielten wir uns nicht immer an die mit den Eltern vereinbarte Uhrzeit, so dass wir mittels Strafe zur Pünktlichkeit erzogen werden sollten. Und beide Väter hatten eine gute Handschrift! Einmal brach sich Ludwig beim Fahren mit dem Roller den Arm - und ich war neidisch, weil er allen seinen Gips arm mit den Unterschriften zeigen konnte. Dafür trat ich mir einmal beim Sprung von einem Baum einen Stahlnagel durch den Fuß und schrammte mir an einem alten Holztor einen großen Splitter durch die Hand. Letztlich waren wir, was die Anzahl der aufgerissenen Knie-, Schürf- und Platzwunden sowie der blauen Flecke betraf, einander durchaus ebenbürtig. Selbst im Winter blieben wir mit unseren Schlitten draußen bis es dunkelte und uns die Finger abfroren.

An diesem Tag kam er mir entgegen, und schon von weitem sah ich sein verschlossenes Gesicht. Als wir einander näher kamen, sah er mich zuerst von der Seite an, um kurz vor unserer Begegnung die Augen niederzuschlagen. Wir grüßten uns nicht, gingen aneinander vorbei und sprachen monatelang nicht miteinander. Irgendwann flackerte noch einmal so etwas wie Nähe auf, aber die alte Vertrautheit stellte sich nicht wieder ein; unsere Freundschaft war vorbei, unser gemeinsamer Traum zu Ende. Nur meine Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit verblasste nie. Rund 30 Jahre später erkenne ich ihn wieder im Gesicht seines Sohnes, dessen Fachlehrer ich bin. Dann der Name, ich lasse ihn grüßen - aber Ludwig kommt nie zu den vereinbarten Terminen und Elternsprechtagen. Wir Lehrer sind uns der Dringlichkeit bewusst, denn Dirk ist schwach, fehlt zu häufig kurz vor dem Abschluss und benötigt Hilfe und Unterstützung von zu Hause. Zwangsläufig erfahre ich seitens des Klassenlehrers Näheres über die Hintergründe, doch die Eltern bleiben auf Distanz. Schließlich treffe ich Vater und Sohn zufällig in der Stadt. Ich gehe geradewegs auf Ludwig zu, spreche ihn an und frage ihn nach der Zahl der vergangenen Jahre, die wir einander nicht gesehen haben. Doch er lässt sich auf kein Gespräch ein, er wirkt, als hätte es uns beide nie gegeben, sagt scherzend: „Es müssen ungefähr dreißig sein“ - und geht mit Dirk lächelnd weiter.

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