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9. Platz:

Bianca Leyrer

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Alle Zeit der Welt

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2013 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Leyrer zeigt uns die klassische überforderte Berufstätige, die zunächst der Unausweichlichkeit ihrer Situation unterliegt. Dies gelingt ihr über den klaren und komödiantischen Ausdruck und die knappe Dramaturgie, die die Abwendung vom Alltag zu einer anderen Sichtweise wunderbar auf den Punkt bringen. Am Ende hat auch der Leser gelernt, dass erst „Entschleunigung“ den Kopf wieder frei macht.


Alle Zeit der Welt

„Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit“, denke ich mir. Allerdings scheint die alte Frau vor der Kasse davon mehr zu haben als ich. In aller Seelenruhe kramt sie ihre braunen Münzen aus der Geldbörse und schreckt auch nicht davor zurück, sich mit der Kassiererin über den aktuellen Milchpreis zu unterhalten. Genervt und gestresst schaue ich auf meine Uhr. Der Mann hinter mir beginnt bereits schwerfällig zu atmen. „Zeit muss man haben.“, sagt er schließlich. Warum erlebe ich ständig solche Situationen? Na endlich! Die Frau ist fertig! Als das Laufband sich wieder in Gang setzt, klingelt mein Handy. Ich klemme es zwischen Ohr und Kinn, bezahle mit der einen Hand und räume mit der anderen die Einkäufe in die Tüte. Die alte Frau sollte sich an mir ein Beispiel nehmen - multitaskingfähig muss man heutzutage sein, sonst bleibt man auf der Strecke.

„Warte! Ich habe doch deine Hochzeitsdeko schon fast!“, schreie ich ins Telefon und drücke Anne weg. Wenn ich pünktlich sein soll, darf sie mir keine Kassette ins Ohr drücken. Mit den Einkaufstüten sprinte ich zum Ausgang - und stolpere, mein erneut klingelndes Handy in die Luft haltend, zu Boden. Unter mir liegt die alte Frau von der Kasse, und Annes Äpfel kullern durch den Rewe-Markt zum Hochzeitswalzer-Klingelton! Peinlich berührt schaue in lachende Gesichter, als es unter mir röchelt. Mist. Ich rolle mich von der alten Frau herunter, in der Hoffnung, ihre Knochen nicht gebrochen zu haben. Ihre Augen sind weit aufgerissen, als ich sie an ihrer knochigen, zittrigen Hand nach oben ziehe. „Habe ich ihnen weh getan?“, frage ich besorgt.

„Mein liebes Kind“, krächzt sie leise, „der Mensch irrt, wenn er glaubt er müsste hetzen. Begegne der Zeit wie sie dich sucht, und halte die Augen offen nach den Zeichen. Dann hast du alle Zeit der Welt.“ Mit tadelndem Blick packt sie ihren Einkaufswagen und wankt nach draußen.

Ich sammle die Äpfel vom Boden auf und rufe Anne zurück, die total gelassen ins Telefon flötet: „Maus, ich brauch die Äpfel nicht. Du musst eine Deko in schwarz weiß finden. Das hat mehr Stil. Warum hast du mich weg gedrückt? Du hast sie doch nicht schon gekauft, oder?“ Ich lüge sie an und packe die zerquetschten Äpfel in den Kofferraum.

Auf der Heimfahrt denke ich ständig an die Worte der alten Frau. Was ist bloß los mit mir? Ich stehe nur noch unter Strom. Schon morgens nach dem Aufstehen hechte ich meinem Zeitplan hinterher. Ich habe meine Zeit nicht im Griff, weil ich vor Stress alles überhöre und übersehe.

Als ich das Auto in meine Einfahrt lenke, ist es schon wieder sechs Uhr. Sofort fällt mir der Geschirrberg in der Küche ein. Die Wäsche muss aufgehängt werden, und das Essen kocht sich auch nicht von allein.

Entmutigt öffne ich den Briefkasten und wünsche mir nichts sehnlicher, als dass mir die Zeichen der Zeit begegnen, als ich plötzlich den Werbeflyer sehe. Innerlich lachend nehme ich draußen, auf der obersten Treppenstufe Platz und lese die Aufschrift: „Zwanzig Euro Rabatt - ALS ZEICHEN UNSERER TREUE!“ Tolles Zeichen.

Ich frage mich gerade, was ich mit Männerhemden soll, als mich der laute Motorsound seines neuen, teuren Sportcoupes aus den Gedanken reißt. Wie schön der schwarze Lack in der Sonne glänzt, und wie gut der Mann mit seinem schwarzen Shirt aussieht, der aus dem Auto steigt. Ist das meiner? Wie konnte ich das die ganze Zeit übersehen? Mein Herz hüpft, als wäre ich frisch verliebt, als ich Marc beobachte, wie er am Handy eindringlich mit einem Kunden redet.

Dennoch scheint er sichtlich überrascht von meinem Blick zu sein, denn er wimmelt den Anrufer ab. „Gut siehst du aus“, sage ich, als er auf mich zukommt. Er gibt mir einen Kuss und setzt sich grinsend neben mich: „Hey Stressi, du wirkst so entspannt. Hast du Urlaub?“ Ich halte ihm intuitiv den Flyer hin: „Ich wollte dir was schenken, weil du genauso gestresst aussiehst wie ich.“ Überraschterweise blitzen seine Augen auf: „Hey, das Hemd suche ich schon die ganze Zeit. Lass alles liegen, wir fahren dahin!“ Er packt meinen Kopf und küsst mich wie schon lange nicht mehr. Als wir mit quietschenden Reifen davon fahren, fällt der ganze Stress von mir ab – und seltsamerweise spüre ich auf einmal, alle Zeit der Welt zu haben.

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