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1. Platz:

Jennifer Wojciechowski

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Feigling

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2013 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Die Autorin konfrontiert den Leser in diesem Text, der mit rasantem Spannungsaufbau glänzt, mit den Urängsten vor dem eigenen Versagen. Dabei gelingt es ihr, das Innen und Außen der weiblichen Hauptfigur so eindringlich über atemlose Beschreibungen und staccatohaltigem inneren Monolog zu zeichnen, dass der Leser sich mit ihrer zunehmenden Panik ausgesprochen gut identifizieren kann.


Feigling

Katja hob den Kopf. Ihre Stirn pochte vom Aufprall auf das Lenkrad. Die Scheinwerfer warfen ihr grelles Licht auf kahle Büsche und Bäume. Sonst war alles in schwarze Finsternis gehüllt. Was war passiert? Wo war sie? Katja kniff die Augen zusammen. Dann hatte sie alles wieder klar vor Augen. Die Gestalt, die plötzlich vor ihrem Wagen auftauchte, die Vollbremsung, und dann das schlagartige Stehenbleiben im Graben. Sie hörte den dumpfen Knall, dann das Quietschen der Reifen. Sie schien außer der Beule am Kopf unverletzt. Hoffentlich war der Wagen nicht zu sehr beschädigt! Erschrocken hielt Katja inne. Mit pochendem Herzen wurde ihr jetzt erst bewusst, dass sie gerade ein Lebewesen überfahren hatte. Sie wusste noch nicht einmal, ob es ein Tier oder vielleicht sogar ein Mensch war. Nein, es durfte kein Mensch sein, es konnte kein Mensch sein! Sie befand sich auf einer einsamen Landstraße! Aber hatte sie nicht etwa einen Kilometer von hier ein alleinstehendes Haus gesehen? Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Sie musste nachsehen. Mit zittrigen Händen löste sie den Gurt und kramte im Handschuhfach nach einer Taschenlampe. Dann stieg sie aus. Eisige Kälte schlug ihr entgegen. Katja wickelte ihre Jacke enger um ihren Körper. Der Schein ihrer Taschenlampe durchschnitt die Dunkelheit. Sie lief nur zögerlich. Das Klappern ihrer roten Pumps hämmerte bei jedem Schritt in ihren Ohren. Klack, klack, klack.

Links und rechts sah sie schemenhaft kahle Bäume, die ihre knorrigen Äste wie Arme nach ihr reckten. Ihre Zähne schlugen aneinander. „So ein Mist“, fluchte sie. Nun lief sie in dieser gottverlassenen Gegend herum und wusste nicht, was sie gleich zu sehen bekommen würde. Plötzlich blieb sie stehen. Da! Der Lichtkegel fiel auf schwarze Reifenspuren, die wie ein unheilvoller Wegweiser zur Unglücksstelle zeigten. Gleich würde sie Gewissheit haben! Katjas Gedanken wirbelten wie aufgescheuchte Hühner in ihrem Kopf herum. Was, wenn es ein Mensch war? Was sollte sie dann tun? Vielleicht lebte er ja noch! Und wenn er tot war? „Bitte, bitte, lass es keinen Menschen sein“, betete sie vor sich hin. In diesem Moment sah sie ihn. Wie eingefroren stand sie da, mit weit aufgerissenen Augen. Sie hielt die Luft an. Wie eine aufgeplatzte Wurst lag der leblose Körper am Boden, die Gedärme quollen heraus, tote Augen starrten sie an. Katja schlug die Hände vor den Mund, die Taschenlampe fiel herunter. Unfähig zu einem klaren Gedanken musste sie doch eine Entscheidung treffen! Endlich löste sie sich aus ihrer Starre. Hastig griff sie sich die Lampe und rannte zurück zum Auto. Klack, klack, klack, klack, trommelten ihre Schuhe auf dem Asphalt. In harten Stößen ging ihr Atem und eine Welle von Übelkeit kroch ihr die Speiseröhre hoch. Kurz vor ihrem Wagen hatten die Wellen ihre Kehle erreicht, und sie erbrach sich. Nachdem die Übelkeit abgeebbt war, kroch sie mit zittrigen Knien in das Auto und starrte aus dem Fenster. Kurzentschlossen drehte sie den Schlüssel um, legte den Rückwärtsgang ein und preschte aus dem Graben. Zwei Tage später schlich Katja verstohlen in die Garage, in der Hand die Tageszeitung. Hektisch blätterte sie zwischen den Seiten hin und her. Und dann sprang sie die Überschrift förmlich an: „Dithmarscher Wolf totgefahren!“ Katja überflog die Zeilen. Von Fahrerflucht, Feigheit und fehlenden Hinweisen war die Rede. Heulend warf Katja die Zeitung in eine Ecke und machte sich daran, mit einem Schraubenzieher das Fell von der Stoßstange zu kratzen. Trotzig wischte sie sich die Tränen vom Gesicht. Niemand sollte je erfahren, dass sie dieser Feigling war!

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