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10. Platz:

Cornelia Spevak

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Die Spur

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2013 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Diese kleine Satire nimmt unsere oft eingeschränkte Wahrnehmung und unseren Hang zu Vorurteilen mit pointiertem Stil ins Visier. „Die Spur“ überzeugt uns auch deshalb, weil die Autorin es schafft, den Leser eine ganz normale alltägliche Wendung des Lebens aus neuem Blickwinkel betrachten zu lassen.


Die Spur

Als Lieselotte Petersen heute Morgen vor die Wohnungstür trat, um die Zeitung zu holen, erstarrte sie vor Schreck. „Was ist denn das?“, hauchte sie mit schwacher Stimme. Im Hausflur vor ihr waren Flecken, blutrot, glänzend und noch etwas feucht.

„Alfons!“ rief sie „Komm doch mal her!“ „Was ist denn los? Gibt es heute keine Zeitung?“ Alfons schlurfte in seinen Filzpantoffeln zur Haustür. „Blut“, sagte Lieselotte nur. „Blut?“ Er trat näher und sah sich die Flecken an. „Sie führen zur Tür von Herrn Korbach.“ „Das habe ich mir ja immer schon gedacht, dass der es faustdick hinter den Ohren hat!“ bemerkte Alfons. „Aber dass er ein Mörder ist ...“ „Unsinn!“, entgegnete Lieselotte, „das ist doch so ein netter, junger Mann. Wie oft trägt er mir die Einkäufe hoch? Der würde sowas nie machen!“ „Das ist alles nur Tarnung. So ein Schrank von einem Mann kann leicht mal jemanden umhauen. Ich erinnere mich jetzt ganz genau, dass ich gestern, als ich ins Bett ging, einen dumpfen Schlag gehört habe.“ „Ach, und dann hat er die Leiche gleich mit in seine Wohnung genommen?“ Alfons nickte: „Genau. Ich möchte nicht wissen, was er dort mit ihr anstellt. Schließlich ist er ja Krankenpfleger und kennt sich aus.“ „Mein lieber Mann“, empörte sich Lieselotte und stemmte die Arme in die Seiten „unserem freundlichen Nachbarn ist sehr wahrscheinlich etwas Schlimmes zugestoßen und wir stehen hier und spekulieren herum! Vielleicht können wir ihm noch helfen!“ Lieselotte machte einen entschlossenen Schritt in Richtung der gegenüberliegenden Wohnung, doch Alfons hielt sie zurück: „Bist Du wahnsinnig geworden? Das ist gefährlich! Jemand der einmal gemordet hat, kann das noch einmal tun! Selbst wenn Herr Korbach ermordet wurde, dann könnte der Mörder zurückkommen. Wir gehen jetzt ganz unauffällig in unsere Wohnung zurück. Du beobachtest durch den Spion die Tür von unserem Nachbarn, und ich rufe die Polizei an!“

Wenig später traf der Streifenwagen ein. Es klingelte bei den Petersens. „Polizei. Sie hatten uns alarmiert?“ „Ja, wegen der Blutspuren dort im Flur, die zu unserem Nachbarn, Herrn Korbach führen.“ „Haben Sie sonst noch etwas bemerkt?“ „Gestern beim Zubettgehen, so gegen 23 Uhr haben wir einen dumpfen Schlag gehört, aber uns nichts weiter dabei gedacht.“, berichtete Alfons. Lieselotte korrigierte: „Du hast den dumpfen Schlag gehört. Ich nicht.“ „Du hörst ja auch nicht mehr so gut“, entgegnete er. „Verhaften sie jetzt den Mörder?“, fragte Alfons den Polizisten. „Sie sind da etwas voreilig in ihren Schlussfolgerungen, aber ich werde jetzt mal mit Herrn Korbach sprechen, wenn er zu Hause ist“, erwiderte er.

Die Tür wurde von einem stattlichen, blonden Hünen geöffnet. ,Also hatte ich doch recht!‘, frohlockte Alfons und sah vor seinem geistigen Auge schon die Zeitungsüberschrift ,Rentner bringt Polizei auf richtige Spur‘.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte Olaf Korbach den Polizisten. „Haben sie eine Erklärung für die Blutspuren, die zu ihrer Wohnungstür führen?“, kam es von dem Uniformierten. Olaf Korbach stutzte. Er dachte einen Moment nach, dann hellte sich seine Miene auf. „Ich glaube schon“, sagte er, öffnete den Rucksack, den er direkt hinter der Wohnungstür abgestellt hatte und förderte ein Glas mit Sauerkirschen zu Tage. „Kirschsaft.“

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