Suche
X

Infos anfordern

Kostenlos und unverbindlich!
Frau Herr
Bitte füllen Sie alle Pflichtfelder aus.

2. Platz:

Dorothea Schiefer

-

Im Dschungel

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2013 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Hier dürfen wir uns an einer schon wirklich ausgereiften kleinen Komödie erfreuen: die Autorin führt elegant und geschickt sowohl die Hauptfigur als auch den Leser in eine überaus peinliche Situation und spielt mit Erwartungen, die überraschend nicht erfüllt werden. Ein herrlich komischer - zugleich aber auch nachdenklicher Text, der ganz klar und kompakt daherkommt.


Im Dschungel

Du sitzt in der Straßenbahn. Die wird immer voller. Kaum, dass noch Stehplätze frei wären. An der Schillerstraße steigen noch mehr Leute zu. Wo sollen die alle noch hin, fragst du dich. Du ziehst die Knie noch näher an den Körper und die Füße noch weiter unter den Sitz. Es wird auch immer stickiger in der Bahn. Außerdem rumpelt und schwankt sie beim Fahren heftig. Du bist froh, sitzen zu können. Die Leute auf den Stehplätzen stoßen aneinander, werden hin und her geschüttelt. Eine Frau fängt an zu meckern, ihr Begleiter stimmt ein. Ein paar Leute drehen sich, so gut sie können, zu den beiden um, hören zu, runzeln die Stirn. „Ts“, macht einer und schüttelt den Kopf. Auf einmal sagt die Frau laut und deutlich:

„Ja, wenn die nicht wären, hätten wir einen Platz.“ Damit deutet sie mit dem Kopf in deine Richtung. Vor dir sitzen zwei Afrikaner, du siehst nur die schwarzen, kurzen, sehr dichten Locken von deinem Sitz aus. Schlagartig wird es still im Wagen. Niemand spricht. Die Leute versuchen, von der Frau und dem Mann abzurücken. Du siehst, wie die beiden vor dir sich ein wenig aufrichten, anspannen. Das sieht aus wie bei deiner Katze, wenn sie auf dem Sofa liegt und eine freche Fliege über ihr entlang summt. Du ziehst den Kopf ein, siehst aus dem Fenster. Wagst kaum zu atmen. Doch die beiden tun es, holen tief Luft. Der links am Fenster sitzt, fängt an zu singen. Mit kräftiger Männerstimme. Eine rhythmische Endlosschleife immer wiederkehrender fremder Laute, sehr kehlig, sehr fest. Erst leise, mit jeder Wiederholung lauter werdend, anschwellend. Der rechte am Gang hebt die Hände, du siehst, wie die weißen Handflächen immer wieder aufleuchten, wenn er im gleichen Rhythmus wie sein Nachbar zu dessen Gesang in die Hände klatscht. Dann stimmt er in den Gesang ein. Du spürst den Rhythmus, dein rechter Fuß fängt an zu wippen, du kannst nichts dagegen machen. Nun sind alle aufmerksam, abwechselnd sehen sie zu den beiden Afrikanern und der Frau. Da fängt der nächste an zu klatschen, der Mann, der auf der anderen Gangseite neben dir sitzt. Mitsingen kann er die fremden Laute nicht. Ein paar Atemzüge später klatschen und summen alle mit. Außer der meckernden Frau und ihr Begleiter. Die starren mit finsterem Blick auf den Boden. Zwei Stationen halten sie das aus. Dann drängen sie hastig zur Tür und verlassen am Bauhaustor die Bahn. Als die Türen sich wieder schließen, wird der Gesang und das Klatschen der beiden Afrikaner und der Leute leiser, verebbt schließlich. Du merkst, wie deine Anspannung nachlässt. Die Leute lächeln, immer noch spricht keiner. Der Mann neben dir auf der anderen Gangseite macht sich zum Aussteigen bereit. Ehe er sich zur Tür durchschiebt, beugt er sich zu den beiden Afrikanern hinab. „Was war das für ein Lied?“ Der, der zuerst nur geklatscht hatte, sagt: „Das ist der Gesang, mit dem wir im Dschungel wilde Tiere verjagen.“

-

Diese Website verwendet Cookies, um Inhalte und Anzeigen für Sie zu personalisieren.

Sie können sich hier infomieren und der Verwendung widersprechen. Mit der Nutzung der Website, Klick auf einen Link oder auf "OK" stimmen Sie der Verwendung zu.

OK