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4. Platz:

Daphne Friedrich

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Ein weiterer Junge

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2013 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Der durch die nüchterne Sprache bestimmte Text bietet die sensible Studie einer Liebe, die durch anfängliche Begeisterung aneinander über geteilte Leidenschaften bis zum Ankommen im Alltag nichts auslässt. Mit ihrer kompakten, klaren Schreibweise zeigt Friedrich dem Leser, dass auch mit wenigen Worten eine große Geschichte zu erzählen ist.


Ein weiterer Junge

Wir lernten uns in der Freistunde kennen. Ähnlich zweier aufeinander abgeschossener Atome rasten wir auf uns zu, ohne zu ahnen, was aus uns werden würde.

Wir nahmen beieinander Platz. Wir sagten nichts.

Stattdessen saß ich gerade wie ein Pendel neben ihm und wiegte mich sanft im Takt seines Atems. Ich dachte an Physik. Ich liebe Physik. Es war zwar untypisch für Mädchen, aber bei mir war es so. Er legte seinen Stift hin. Die Freistunde dauerte noch 5 Minuten: „Nächste Woche haben wir wieder Unterricht.“ Mit diesen kargen Worten erhob er sich. Den Stift ließ er ebenso zurück wie mich. Als ich den Jungen betrachtete, wie er ging und immer kleiner wurde, erinnerte es mich an ein Elektron, das seinen Kern verloren hatte und nun durch die Verlassenheit des Alls trudelte. Die nächste Zeit war ich sehr einsam.

Und ich hatte wieder Sport. Sagen wir es kurz und knapp: Der Tiefpunkt war erreicht. Einige Zeit später stand ich neben ihm so dicht, dass sich unsere Schultern fast berührten. Aber wie die unterschiedlichen Pole zweier Magneten schien uns eine unsichtbare Macht immer einige Millimeter auseinander zu drücken.

Undeutlich nuschelte ich als Antwort auf seine Frage:

„Gerne.“

Er zuckte die Schultern: „Bis Freitag. Ja?“

„Ja.“ Unsere Flugbahnen trennten sich, und ich wünschte mir im Geheimen bald eine weitere Kollision. Zeit ist relativ.

Es waren nur zwei Tage, also 48 Stunden oder 2880 Minuten, trotzdem kam es mir wie eine Ewigkeit vor.

Freitag saßen wir wieder dicht an dicht.

Er stöhnte. Physik war nun mal nicht jedermanns Sache.

Aber ich gab mir Mühe, damit er die Physik lieben lernte. Am nächsten Freitag gab er mir Tanzunterricht. Es war grauenhaft, aber ich machte weiter.

Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, muss ich immer schmunzeln.

Wie wir uns jeden Freitag trafen - uns kennenlernten. Irgendwann verlegten wir unsere Treffen auf Samstag, erweiterten sie auf Sonntag und hörten auf zu lernen.

Es war auch nicht mehr nötig.

Doch nannten wir es nie ein Rendezvous.

Es wurde ein starkes Band. Die Pole der Magneten passten nun zusammen und zogen sich an. Vielleicht war es auch diese seltsame Verbundenheit, die zwischen Ausgegrenzten entsteht. Schließlich hatten wir eine große Gemeinsamkeit: Wir waren einsam.

Und wie einsam wir waren!

Ich die einzige gute Physik Schülerin.

Er der einzige männliche Tänzer.

Damals herrschten noch ganz andere Zeiten.

Wir waren einzigartig und die Besten. Es war ein göttliches Gefühl.

Das war vor 30 Jahren.

Und heute?

Heute sind wir verheiratet.

Heute hat die graue Masse uns wieder.

Er ist einer von vielen Physikern.

Ich eine von vielen Tänzerinnen.

Die Zeit, die Gesellschaft, das Schicksal?

Wer weiß schon, was uns zu dieser Entscheidung trieb.

Noch heute frage ich mich nach dem Was-wäre-wenn?

Hätte ich einen Nobelpreis bekommen, wenn ich den Mut gehabt hätte, Physik zu studieren?

Und was ist mit ihm? Wäre er heute ein in der Welt gefeierter Tänzer, wenn er sich dem Spott gestellt hätte?

Es waren andere Zeiten damals, aber ihre Wunden tragen wir noch heute.

Soll ich neidisch sein? Soll ich stolz sein?

Und was ist mit ihm? Was denkt er über mich?

Haben wir uns nicht gegenseitig die Träume gestohlen, als wir damals beschlossen zusammen zu sein? Keine Einzelgänger, keine Pioniere zu bleiben?

Ja.

Ja, wir stahlen uns die Träume, das Leben, wie es sein sollte und trotzdem: Ich liebe ihn, und er ist mir wichtiger als jede Physikformel dieser Welt.

Ich weiß, dass ich ihm wichtiger bin als jede Schrittfolge auf Erden.

Schließlich frage ich ihn jeden Tag danach.

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