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5. Platz:

Sonja Dabrowski

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Todesmelodie

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2013 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Hier erkennen wir ein wirklich ausbaufähiges Talent für das Schreiben von Fantasy-Thrillern. Dabrowski verbindet scheinbar mühelos die wichtigsten Themen des Genres: Angst und Überraschungsmomente gepaart mit Übersinnlichem. Ganz und gar abgerundet wird die schwarze Short-Story durch spritzige Dialoge und das lakonische Ende.


Todesmelodie

Der Nebel legte sich wie eine weiße Decke über die Felder, als wollte der Herbst das Land ersticken. Maria strampelte mit ihrem Fahrrad durch die dichten, alles verschlingenden Nebelschwaden, und versuchte, die Orientierung nicht zu verlieren. Sie radelte diese Strecke bei Wind und Wetter, um beim Bauern Friedrichsen täglich frisches Obst, Gemüse, Eier und Milch zu kaufen. Für gewöhnlich genoss sie die Fahrt, doch an diesem trüben und gespenstisch grauen Tag war ihr ein wenig Bange. Der Nebel kroch von den Feldern über die Fahrbahn und jedes Geräusch, jedes Leben schien verstummt. Um die Angst aus ihrem Herzen zu vertreiben, pfiff sie ein fröhliches Liedchen.

Sie bog in eine Nebenstraße ein und verlangsamte ihr Tempo. Der Nebel war so dicht, dass sie die Dornenbüsche, die den Straßenrand von den Feldern trennten, mehr schlecht als recht erkennen konnte. Die Feuchtigkeit drang durch ihre Jacke und sie freute sich auf den heißen Tee, den Bauer Friedrichsen stets für sie bereithielt. In der letzten Kurve vor dem Friedrichsenhof hörte sie einen gedämpften Gesang und wie aus dem Nichts tauchte eine Frau vor ihr auf. Maria trat in die Bremsen, doch auf den feuchten Blättern, die auf dem Weg lagen, fanden die Reifen keinen Halt. Der Korb mit den leeren Milchflaschen, den sie vorne auf dem Lenker befestigt hatte, geriet ins Rutschen und sie verlor die Kontrolle. Das Rad rutschte unter ihr weg und sie stürzte auf den nassen Asphalt.

Maria schrie vor Schmerzen auf, als sie zu Füßen der Unbekannten zum Liegen kam. Sie versuchte sich aufzurichten und setzte zu einem Schwall übelster Schimpfwörter an, doch als sie hochblickte, blieben ihr diese auf der Zunge kleben. Was sie dort sah, schien einem Albtraum entsprungen. Eine Greisin beugte sich zu Maria hinab und starrte sie aus tiefschwarzen Augen an. Ihr faltiges Gesicht war mit Runzeln, Warzen und Beulen übersät und Maria fiel es schwer, die Gesichtszüge der Frau genau zu erkennen. Ein ätzender Gestank von Schwefel hüllte sie wie eine Wolke tödlichen Unglücks ein. Die Temperatur schien rasch zu sinken und die feuchten Nebelschwaden gefroren zu Eis. Maria spürte, wie ihre Haare unter den sich bildenden Eiskristallen knisterten.

Die Alte wiegte den Kopf hin und her und fing an zu singen. Mit jedem Ton, der ihre spröden Lippen verlies, schoss ein stechender Schmerz in Marias Körper. Rasende Kopfschmerzen ließen sie aufschreien. Die Alte sang schriller. Zischelnd und kichernd stimmten unsichtbare Lippen in die grausige Melodie ein. Die Knochen in Marias Körper vibrierten und surrten. Sie spürte, wie eine Rippe brach und Blut aus ihrer Nase strömte. Jede Strophe des Liedes traf sie wie ein Keulenschlag.

Doch so unvermittelt die Schmerzen über Maria hereinbrachen, war es auch vorbei. Sie setzte sich stöhnend auf und blickte erneut zu der Alten empor. Deren Gesang war verstummt und sie schaute Maria nunmehr aus blauen und gütig blickenden Augen an.

„Deine Zeit ist noch nicht gekommen, mein Kind." Sie strich Maria sanft über die Haare, drehte sich um und verschwand. An ihrer Stelle tauchte Bauer Friedrichsen aus den wabernden Nebelschwaden auf und eilte Maria zu Hilfe, die ihm von ihrem Unglück erzählte.

„Was hast du dir gedacht, bei diesem Nebel ein Liedchen zu pfeifen?", schimpfte er. „Habe ich dich nicht gewarnt, dass dies die Geister aus den Gräbern lockt?" Er führte Maria zu seinem Haus, wo das Teewasser bereits kochte. „Hast Glück gehabt, Mädel. Wem die Todesfee Banshee ihre Todesmelodie singt, dessen letztes Stündlein hat geschlagen!"

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