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6. Platz:

Herbert Feid

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Jungentränen

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2013 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Ein durch fließenden Stil bestimmter Text, der die sensible Zeichnung einer Kinderfreundschaft in der DDR zeigt und dem Leser keine Chance lässt, sich zu entziehen. Unvermittelt muss er sich mit den Nöten, die jahrelange Repression und das Abschiednehmen von Freunden gerade mit Kindern auslöste, identifizieren. Die ernüchternde Schlusswendung rundet diese Arbeit klar ab.


Jungentränen

Kurz vor Ostern 1955, also zu einer unglaublichen Zeit ohne E-Mail oder SMS, kann ich es kaum erwarten, sofort nach der Schule auf unserem gemeinsamen Heimweg meinem Schulkameraden Günther Grob eine sensationelle Neuigkeit zu verkünden. Zwar hatten mir meine Großeltern, bei denen ich damals lebte, strengstens verboten, über diese Angelegenheit mit jemandem zu sprechen, aber meinem besten Freund kann ich sie natürlich nicht verheimlichen:

„Über Ostern fahre ich mit meinem Bruder und meiner Mutter zu einer Hochzeit nach West-Berlin!". WESTEN, das war das Zauberwort auch für uns neunjährige mit weißen Hemden und blauem Halstuch uniformierten Junge Pioniere, die Hoffnungsträger der DDR. Ich lege meinen Arm um meinen Freund, um ihn an meinem Glück teilhaben zu lassen. Aber mein strahlendes Gesicht mit den vor Begeisterung sprühenden Augen bewirken nicht das von mir erwartete Echo. Im Gegenteil. Günthers Gesicht versteinert sich plötzlich, er wendet sich von mir ab, mir scheint, er weint sogar ganz leise. Günther senkt seinen Kopf und seine braunen Haare fallen ihm in die Augen. Mit leiser zitternder Stimme stammelt er traurig: „Mein Vater sagt, wer einmal in den WESTEN geht, der kommt nie wieder zurück, es gibt kein Wiedersehen mehr." Jetzt durchfährt mich ein Schreck wie das eiskalte Wasser aus unserer defekten Dusche. Kein Wiedersehen mehr? Seit vier Wochen schon steht die 3. Etage in unserem Haus leer, einfach so. Ich gebe mir einen Ruck.

„Natürlich kommen wir wieder zurück, wir fahren doch nur kurz zu einer Hochzeit!" Aber ich spüre jetzt ein leichtes Rumoren in meiner Magengrube. „Ganz sicher, versprochen!", bringe ich grade noch so heraus und dabei nehme ich Günthers Hand und drücke sie ganz fest in meine. Wir beide haben ja noch etwas ganz besonderes vor: nur wir zwei im Sommer mit Zelt und Fahrrad zu den Karl May Festspielen nach Bad Segeberg!

„Ich bringe dir einen Plastikrevolver mit, dann können wir endlich richtig Krieg spielen!" Jegliches Kriegsspielzeug war aus unserem friedliebenden sozialistischen Land verbannt und übte daher konsequenter Weise auf uns Jungens eine schauerliche Faszination aus.

„Versprochen ist versprochen! " und dabei versuche ich, Günther so entschlossen wie möglich in sein Gesicht zu blicken. Günther hat tatsächlich Tränen in den Augen und schaut mich traurig an, so, wie es eigentlich nur Hunde können. Das ungute Gefühl in meinem Magen verstärkt sich unheimlich. „Ich komme ganz sicher wieder, du wirst sehen, und dann fahren wir nach Bad Segeberg und befreien gemeinsam Winnetou ..." Bei meinen letzten Worten wird meine Stimme kraftlos und ich muss schlucken, aber weinen will ich nicht.

„Und wenn du doch da bleibst, dann treffen wir uns nie wieder!" Mein Herz pocht laut. Warum all die Heimlichtuerei bei meinen Großeltern? Komme ich doch niemals zurück? Aus Wut und Angst nehme ich einen Pflasterstein und schleudere ihn mit aller Kraft in ein Schrebergartenhaus rechts von uns in der Gartenkolonie. Die Fensterscheibe habe ich verfehlt, aber von der grün gestrichenen Wand splittert morsches Holz nach allen Seiten, der Stein verharrt für einen Augenblick in seiner Stellung, dann fällt er dumpf in eine Blumenrabatte. Günther umklammert jetzt auch meine Schulter und wir starren beide stumm mit umschlungenen Armen auf den Stein. Jenseits vom Zaun, halb mit rot-gelben Dahlien verdeckt, liegt er und rührt sich nicht mehr.

„Komm doch einfach mit" stottere ich und versuche verzweifelt zu lachen, aber es klappt nicht, lachen kann ich jetzt wirklich nicht, und ich weiß ja auch, so etwas geht nicht. Mir kommen die Tränen, ich lasse sie einfach laufen, ich schäme mich nicht. Thomas, den wir alle nicht mochten, kam auch eines Tages nicht mehr zur Schule, „wohl ab in den WESTEN", hieß es. Unser FDJ Gruppenleider meinte, so einem Asozialen brauchen wir keine Träne nachzuweinen. Asozial hatte ich bis dahin noch nie gehört. Werde ich jetzt auch so etwas? Wird Günther auch nicht weinen, wenn ich wirklich nicht mehr zurückkomme und in der Pioniergruppe nicht weiter am Sozialismus mitarbeite?

Unsere Tränen sind getrocknet, wir laufen beide schweigend bis zur Gabelung, dann trennen wir uns wie immer mit einem festen Handschlag.

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